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Wenn der Geruchssinn versagt, verschreiben Ärzte meist Kortison. Offenbar hilft auch ein Schnuppertraining: Rose für den richtigen Riecher

Seine Patienten können ihn nicht riechen. Doch dafür hat Michael Damm Verständnis - schließlich sind defekte Nasen sein Spezialgebiet. Damm leitet die Ambulanz für Riech- und Schmeckstörungen an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Köln.Riechstörungen sind erstaunlich häufig. "Jährlich werden an deutschen HNO-Kliniken mehr als siebzigtausend Menschen mit Riechstörungen behandelt", berichtet Michael Damm. Bei den meisten seiner Patienten versagt die Nase völlig - Anosmie heißt das Leiden im Fachjargon. Ist der Geruchssinn nur teilweise eingeschränkt, liegt eine Hyposmie vor."Die Störungen treten häufig infolge chronischer Entzündungen der Nasennebenhöhlen auf", erläutert Damm. Auslöser sind oft Allergien. Auch schwere virale Infekte wie eine Grippe können den Geruchssinn beeinträchtigen. In der Regel verschreibt der Kölner HNO-Arzt den Betroffenen entzündungshemmende Kortison-Tabletten. Sie helfen Allergikern meist gut; ehemalige Grippepatienten gewinnen dadurch aber nur selten ihren Geruchssinn zurück.Mit einer neuen Methode hofft Michael Damm nun bessere Therapieerfolge zu erzielen: Er hat zusammen mit Kollegen ein Riechtraining entwickelt, das zurzeit an 16 deutschen Kliniken erprobt wird. 400 Probanden sollen an dem Test teilnehmen - allesamt Patienten, bei denen eine Grippeerkrankung den Geruchssinn getrübt hat.Zweimal täglich schnuppern die Teilnehmer an vier Riechstiften (siehe Foto) und notieren, ob sie etwas wahrgenommen haben. Damit die Wissenschaftler herausfinden können, welche Duftstoffmenge am besten wirkt, trainieren die Teilnehmer zweimal vier Monate lang: Eine Gruppe erhält zuerst Stifte mit höherer, die andere trainiert zunächst mit niedriger Konzentration. Nach vier Monaten wird getauscht.Andere Geruchsspezialisten haben das Riechtraining bereits in kleinen Studien erprobt. Thomas Hummel von der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Dresden hat beispielsweise in einem Versuch mit 47 Patienten gezeigt, dass gestörte Nasen wieder lernen können zu riechen, wenn sie regelmäßig an vier Düften schnuppern - in diesem Fall waren es Rose, Gewürznelke, Eukalyptus und Zitrone. Bereits nach zwölf Wochen verbesserte sich der Geruchssinn bei einem Viertel der Teilnehmer."Das Riechtraining vermehrt vermutlich die Riechsinneszellen", sagt Hummel. Dreißig Millionen dieser Nervenzellen hat der Mensch in seiner Riechschleimhaut in der oberen Nasenhöhle. An die Riechzellen docken die in der Luft enthaltenen Duftmoleküle an und erzeugen ein elektrisches Signal, das über Nervenfasern zum Riechkolben geleitet wird, der hinter der Nasenhöhle liegt. Vom Riechkolben gelangt die Duftinformation tief ins Innere des Gehirns, wo sie im Geruchszentrum erkannt und gespeichert wird (siehe Grafik).Ist die Riechschleimhaut chronisch entzündet, nehmen die Riechzellen nach und nach Schaden und die Duftmoleküle werden nicht mehr registriert. Sobald die Entzündung abklingt, funktioniert der Geruchssinn in der Regel wieder.Virusinfektionen hingegen können die Riechzellen schlagartig zerstören. Um wieder riechen zu können, sind die Patienten auf nachwachsende Sinneszellen angewiesen. Neurogenese nennen Experten diesen Vorgang, bei dem aus sogenannten Basalzellen immer wieder neue Sinneszellen in der Nase sprießen. Sie sind nötig, um neue Düfte zu erkennen.Düfte belebenWas im ständigen Kontakt mit vielen neuen Gerüchen im Riechhirn von Mäusen passiert, konnte der US-amerikanische Hirnforscher Jeffrey Macklis von der Harvard Medical School in Boston zeigen. In einem Experiment an Mäusen verfolgte der Forscher, wie neue Riechzellen von der Riechschleimhaut in den Riechkolben wandern. Hatten die Tiere am Tag der Zellentstehung neue Düfte zu schnuppern bekommen, wuchsen die Neulinge zu besonders aktiven Nervenzellen heran.Wie Macklis im Fachmagazin Journal of Neuroscience berichtet, entwickelten die Nervenzellen lange Fortsätze und knüpften viele Verbindungen zu anderen Neuronen. Ältere Nervenzellen im Riechkolben hingegen wurden so gut wie gar nicht durch den unbekannten Duftstrom aktiviert.Die Kölner und Dresdner Wissenschaftler nehmen an, dass ihr Riechtraining das Wachstum neuer Nervenzellen beschleunigt. Allerdings wird das Training nicht bei jeder gestörten Nase wirken, sagt Michael Damm: "Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn wir damit jedem dritten Teilnehmer helfen könnten." Der Arzt geht davon aus, dass ein Riechtraining dann vergeblich ist, wenn der Geruchssinn schon mehr als zwei Jahre lang erloschen ist. Nach zu langer Pause kann der neuronale Jungbrunnen offenbar nicht mehr zum Sprudeln gebracht werden.Riechstörungen können allerdings auch von anderen Erkrankungen herrühren. "Eine schwere Depression zum Beispiel kann den Geruchssinn einschränken", sagt der Dresdner Experte Thomas Hummel. In solchen Fällen sei es sinnvoller, das seelische Leiden zu behandeln als Riechübungen zu machen. Studien hätten gezeigt, dass depressive Patienten, die sich in therapeutische oder medikamentöse Behandlung begeben, ihren Geruchssinn zurückgewinnen.Hinweis auf AlzheimerRiechstörungen können aber auch Vorboten von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson sein, bei denen Nervenzellen im Gehirn absterben. "Beim Parkinson-Syndrom treten die krankheitstypischen Veränderungen sehr früh im Riechkolben auf", sagt Hummels Kollegin Antje Hähner von der Universität Dresden. Dadurch werde die Verbindung zwischen den Riechsinneszellen und den Hirnarealen, die Gerüche verarbeiten, gestört, erläutert die Neurologin.Bei Alzheimer hingegen bleibt zwar der Riechkolben anfangs verschont, sodass die Betroffenen noch Gerüche wahrnehmen. Jedoch schwinden bei ihnen die Nervenzellen für das Riechgedächtnis relativ früh. Im Inneren des Gehirns können die Düfte dann nicht mehr zugeordnet werden.Weil es so unterschiedliche Ursachen für Riechstörungen gebe, sei eine korrekte Diagnose nur nach ausführlichen Gesprächen zwischen Arzt und Patient möglich, sagt der Kölner Spezialist Damm. Er hofft, dass er den Betroffenen bald weitere Behandlungsmethoden anbieten kann - Akupunktur beispielsweise oder Vitaminpräparate. Kleinere Studien deuteten nämlich darauf hin, dass sich durch die Nadeltherapie oder auch durch die Einnahme der Vitamine A und B der Geruchssinn wieder auf Trab bringen lasse. Damm: "Riechstörungen wurden lange Zeit nicht ernst genommen. Jetzt werden endlich neue Therapien erprobt."Journal of Neuroscience, Bd. 25, S. 10729------------------------------Schlechte RiecherVersagt der Geruchssinn komplett, sprechen Experten von Anosmie. Ist er nur teilweise gestört, liegt eine Hyposmie vor.Ursache der Störung sind in den meisten Fällen Entzündungen in den Nasennebenhöhlen. Sie können die Riechzellen dort stark schädigen. Auch virale Infekte oder Chemikalien können die Riechschleimhaut angreifen.Riechtests helfen, eine Störung zu diagnostizieren. Mit mehr als vierzig Duftstiften (siehe Foto) testen Ärzte ob und von welcher Konzentration an die Patienten Gerüche erkennen und ob sie verschiedene Gerüche auseinander halten können. So lässt sich sehr präzise ermitteln, wie stark ausgeprägt der Riechdefekt ist.Behandelt werden Riechstörungen bislang meist mit Kortison. Zurzeit wird getestet, ob ein Riechtraining kranke Nasen kurieren kann.In Berlin bietet die HNO-Poli- klinik der Charité, Campus Mitte, eine Spezialsprechstunde für Riechstörungen an. Ansprechpartner ist Dr. Önder Göktas. Info-Telefon: 030- 450 555 006. (tag.)------------------------------Grafik: Von der Nase ins Hirn: Duftmoleküle dringen in die Nasenhöhle und docken an Riechzellen in der Riechschleimhaut an. Ein elektrisches Signal entsteht, das überNervenfasern in den Riechkolben und von dort ins Geruchszentrum im Inneren des Gehirns gelangt. Dort wird die Duftinformation erkannt und gespeichert.------------------------------Foto: Wonach riecht das? Mithilfe von Duftstiften wird in der Kölner Ambulanz für Riechstörungen untersucht, ob und wie sehr der Geruchssinn beeinträchtigt ist.


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