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West-Berlin war zu Zeiten der Teilung etwas Besonderes - Einwohner bekamen behelfsmäßige Ausweise und durften den Bundestag nicht wählen: "Die Insel der Glücklichen"

Mit der Verkündung des Grundgesetzes im Mai und Gründung der DDR im Oktober 1949 war die Teilung Deutschlands in zwei Staaten besiegelt. Doch gab es neben diesen beiden Staaten noch etwas Drittes in Deutschland: West-Berlin. Zwar beanspruchte die Bundesrepublik die Teilstadt als zwölftes Bundesland, doch entsprach die von der DDR benutzte Formulierung von der "besonderen politischen Einheit Westberlin", die inmitten ihres Territoriums lag, der staatsrechtlichen Wirklichkeit mehr. Völkerrechtlich stand ganz Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiter unter dem Besatzungsstatut der Siegermächte. Die Sowjetunion hatte ihre Rechte in Bezug auf Ost-Berlin lediglich an die DDR übertragen, was die Westmächte in der Praxis hinnahmen.Erfolg der DiplomatieDer Schlüsselsatz über die Rolle West-Berlins findet sich im Viermächte-Abkommen aus dem Jahre 1971, in dem USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien festlegten, "dass die Bindungen zwischen den Westsektoren Berlins und der Bundesrepublik Deutschland aufrechterhalten und entwickelt werden, wobei sie berücksichtigen, dass diese Sektoren so wie bisher kein Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland sind und nicht von ihr regiert werden". Das Abkommen wurde im Westen dennoch als großer Erfolg der Diplomatie betrachtet, denn schließlich sicherte es die Stadt ab und schloss die Wiederholung von Aktionen wie der Blockade in den Jahren 1948/49 aus.Zur Zeit des Viermächte-Abkommens, immerhin schon zehn Jahre nach dem Mauerbau, hatten sich die meisten West-Berliner längst mit der besonderen Lage abgefunden. Kaum jemand mokierte sich darüber, dass man hier weder einen ordentlichen Personalausweis noch einen Reisepass der Bundesrepublik besaß, sondern sich mit einem acht Seiten starken grünen Heftchen auswies, das den offiziellen Namen "behelfsmäßiger Personalausweis" trug. An den Grenzen Europas, West wie Ost, wurde das Ding, wenn auch manchmal staunend, anerkannt. Wollte man außerhalb Europas verreisen, konnte man sich bei einer halb illegalen Außenstelle des Bundesverwaltungsamtes in Kreuzberg dennoch einen grünen Bundespass ohne eingetragenen Wohnsitz besorgen - eine der vielen Merkwürdigkeiten in den Grauzonen zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik.Dazu gehörte auch, dass die DDR die Existenz des Bundesverwaltungsgerichts in der Hardenbergstraße mit Kompetenz für die ganze BRD akzeptierte. Sollten hingegen neue Bundesbehörden angesiedelt werden, gab es regelmäßig Streit und komplizierte diplomatische Verwicklungen zwischen Bonn und Ost-Berlin, die manchmal auf erstaunlich pragmatische Weise gelöst wurden. So ist der Name des Umweltbundesamtes ersonnen worden - für die DDR entscheidend und hinreichend statuswahrend war schließlich der Umstand, dass das Wörtchen "Bund" den Namen der Behörde nicht dominierte.Namensfragen waren auch sonst von Bedeutung: Im Westen schrieb man üblicherweise West-Berlin, in offiziellen Dokumenten hieß es Berlin (West), in der DDR schrieb man Westberlin zusammen. Wer das im Westen schrieb, galt als Kommunistenfreund.Politisch waren die West-Berliner, jedenfalls auf nationaler Ebene, Bürger zweiter Klasse. Ihre Bundestagsabgeordneten wurden nicht direkt gewählt, sondern vom Abgeordnetenhaus entsprechend der dortigen Fraktionsstärke nach Bonn delegiert. Sie hatten im Bundestag kein Stimm- und Wahlrecht, außer bei parlamentsinternen Fragen. So kam es 1969 zu dem kuriosen Umstand, dass die Stimme des Berliner SPD-Abgeordneten Willy Brandt bei seiner Wahl zum Bundeskanzler nicht gezählt wurde.Bundesgesetze galten in West-Berlin erst, wenn sie vom Abgeordnetenhaus übernommen worden waren. Aber auch das Berliner Parlament und der Senat besaßen nur eingeschränkte Souveränität. Über allem thronten die Westalliierten, die mit Truppen in der Stadt über den Besatzungsstatus und, wie es die offizielle Lesart war, die Freiheit West-Berlins wachten. An der Spitze standen die drei Stadtkommandanten, die sich im Monatsrhythmus auf dem "Chair" in der Alliierten Kommandantur in Dahlem ablösten. Hier hatte in regelmäßigen Abständen der Regierende Bürgermeister Rapport vor den zuweilen sehr statusbewussten Generälen zu erstatten. Eine Praxis, die aus dem Westen zugewanderten, selbstbewussten Regierenden Bürgermeistern wie Richard von Weizsäcker und Hans-Jochen Vogel außerordentlich befremdlich vorkam.Keine WehrpflichtDoch ließen diese Besonderheiten West-Berlins, die ja auch mit mancherlei Annehmlichkeiten wie der Berlinzulage oder der Befreiung vom Wehrdienst einherkamen, mit den Jahren eine eigene Identität wachsen, die in manchem der von Bewohnern einer Insel ähnelte - einer Insel mitten in der DDR, von der aus es in allen Himmelsrichtungen nach Osten ging. Und so taucht dieser Begriff auch immer wieder auf. Gerhard Danelius, Vorsitzender der SEW, des West-Ablegers der SED, riet den Stadtoberen gern: "Wer auf einer Insel lebt, soll sich das Meer nicht zum Feinde machen."Und Klaus Schütz, 1967 bis 1977 Regierender Bürgermeister West-Berlins, wird rückblickend sogar ein wenig melancholisch: "Als die Mauer da war, wurde, gemessen an der Lage zuvor, aus dem umkämpften West-Berlin eine Insel der Glücklichen. Fern von West-Deutschland und mitten in der DDR. Mit oder ohne Ironie. Mit oder ohne Arroganz. Aber mit einer Spur von Stolz, dessen sich niemand zu genieren braucht."------------------------------Foto: Das Ende West-Berlins am Bethaniendamm in Kreuzberg. Solange Berlin geteilt war, zog sich die Mauer wie eine Schneise durch die Stadt.