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Widerstand gegen Fremdenfeinde: Wie sich Dresden gegen Pegida zur Wehr setzt

Wöchentlich demonstrieren im Herzen Dresdens Anhänger der Pegida-Bewegung.

Wöchentlich demonstrieren im Herzen Dresdens Anhänger der Pegida-Bewegung.

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dpa

Dresden -

Einen Tag vor Silvester stand in der Sächsischen Zeitung ein Beitrag, der mit der Behauptung überraschte, das Epizentrum deutscher Heiterkeit liege in Sachsen. Ausgerechnet in Sachsen! Wer lange in Dresden lebt, wer vor allem das vergangene Jahr miterlebt hat, ist hier auf ganz andere Epizentren gestoßen, auf das deutscher Heiterkeit gewiss nicht.

Dresden wirkt seit Pegida wie durch den Fleischwolf gedreht. Der Ruf der Stadt ist ruiniert. Die Bewohnerschaft ist gespalten in Anhänger und Gegner, ein Teil ist völlig ratlos, ein andere hält sich raus. Dresden 2016 ist nicht mehr wie Dresden 2013. Man versteht die Welt nicht mehr. Pegida hat wie ein Blitz in die Stadt eingeschlagen.

Pegida hat aufgeräumt mit dem schönen Märchen vom boomenden und blühenden Dresden mit seinen Museen, der Semperoper und der Staatskapelle, dem wiederaufgebauten Schloss, dem Schauspielhaus, all der Pracht aus Sandstein und Historie, mit der Kraft der Bürgergesellschaft und ihrer neu errichteten Frauenkirche, dem Silicon-Saxony-Boom und den milliardenschweren Investitionen aus den USA oder Arabien.

Hass auf alles Fremde

All das ist zwar noch da. Aber etwas anderes ist hinzugekommen, sichtbar geworden: die dunkle Seite der Stadt, um ein Bundespräsidentenadjektiv zu verwenden, das Hässliche, der Zorn, das Boshafte und Schäbige, der Hass auf alles Fremde, auch Westdeutsche. Dresden und Pegida ist für viele Bewohner auch die Geschichte ihrer eigenen Dresdner Enttäuschung. Ist die Stadt anders geworden? Oder hat man sie vorher nur in ihrer Zuckerversion wahrgenommen?

„Pegida wirkt“, sagt der Anführer Lutz Bachmann auf jeder Kundgebung auf dem Theaterplatz, wo Tausende ihn feiern, mehr noch sich feiern, ihre Wut und ihren Hass auf Fremde, auf Merkel, auf die Medien, auf das ganze System rauslassen, wo sie sich gehen lassen, ihr Innerstes nach außen kehren.

„Im Moment gibt es kein normales Leben mehr in Dresden“, sagt Michal Tomaszweski, 37, ein gebürtiger Pole, der über Sittensen bei Hamburg nach Dresden kam, von Beruf Architekt. Er ist Klarinettist und spielt mit bei Banda Comunale, einer lustig lauten Blaskapelle, die oft auf No-Pegida-Veranstaltungen auftrat und nun auch noch als Banda Internationale mit Flüchtlingen musiziert. „Pegida durchdringt alles. Alle reden oder alle schweigen darüber. Pegida hat die Stadt vergiftet, die Menschen misstrauisch gemacht. Wo man hinkommt.“ In einem Jahr? Ja, da will er noch mit seiner Familie in Dresden wohnen. Aber in fünf Jahren? Er weiß es noch nicht.

Wieso lässt man Pegida machen?

Pegida wirkt. Die Touristenzahlen sinken, Hotels und Restaurantbesitzer klagen über wegbrechende Einnahmen. Vor allem die um den Theaterplatz zwischen Semperoper, Zwinger und Schloss. Montags brauche man gar nicht mehr aufzumachen, sagte kürzlich Kai-Martin Graul, der das Restaurant „Alte Meister“ betreibt. Sieben Prozent minus, zwei Angestellte weniger. Meinungsfreiheit? Muss sein, aber auch Gastronomen und Hotelbetreiber hätten Rechte. Montags sei die Innenstadt ab 15 Uhr leer, sagt Tanja Widmann, die dort mit ihrem Mann mehrere Restaurants betreibt. „Wer kann, flüchtet.“

Seit einem Jahr geht das so. Lutz Bachmann, der Kleinkriminelle aus Kesselsdorf, gibt den Takt vor. „Wieso lässt man Pegida jeden Montag auf den Theaterplatz? Die Stadt war ein Jahr lang Rassisten überlassen. Muss das sein?“, fragt der Musiker Tomaszewski. Gute Frage. Eine, die viele Dresdner bewegt. Wieso immer der prächtige Theaterplatz? Vorne die johlende Menge mit Merkel-muss-weg-Schildern, hinten die Semperoper, deren Musiker sich − wie das Publikum – am Mob vorbeiquälen müssen.

Dirk Hilbert mag die Frage nicht. „Weil wir nicht mehr in der DDR sind“, sagt er. Dirk Hilbert, FDP, 44 Jahre alt, gebürtiger Dresdner, ist seit vergangenem Jahr Oberbürgermeister. Damals hat er angekündigt, er werde Dresden zur Vorzeigestadt für Integration und Asyl machen. Weil er mit Su Yeon, einer Südkoreanerin verheiratet ist, die auch auf seinen Wahlplakaten zu sehen war, dachten viele, er werde sich deutlich gegen Pegida stellen und wenigstens Pegida die prächtige Kulisse nehmen und an den Stadtrand abdrängen. „Grundgesetz und Versammlungsrecht gelten für alle“, sagt er.

Wenn nicht Theaterplatz, dann vor der Frauenkirche oder auf dem Altmarkt.“ Und was ist mit der Vorzeigestadt für Integration? Daran arbeite man im Rathaus, sagt er. Hinter verschlossenen Türen. Man sei guter Dinge. „Wir machen unsere Hausarbeiten. Und wenn wir ein Stück weiter sind, gehen wir an die Öffentlichkeit.“ Dauert wohl noch. Bleibt die Frage: Und nun, Dresden? Geht es 2016 weiter, wie es 2015 endete?

Das helle Dresden wird gebraucht

Wenn man sich in Dresden auf die Suche nach Bürgertum macht, das sich Pegida nicht gefallen lässt, Bürgertum, das nicht stumm in Elbhangnobelorten wie Loschwitz oder dem Stadtteil Weißer Hirsch zusieht, wie unten die Stadt verkommt, dann landet man bei den Ehningers. Zugezogenen, wie das in Dresden heißt.

Die Ehningers sind Teil der internationalen Wissenschaftlerszene, die sich in Dresden um die Universität und drei Max-Planck-Institute gebildet hat, wo allein 500 Forscher arbeiten. Eine Szene aus Forschern aus aller Welt, die sich ernste Sorgen macht, seit Pegida pöbelt. „Kurz nach Weihnachten riefen Freunde an, sie würden es nicht mehr aushalten und wegziehen“, erzählt Elisabeth Ehninger. Sie sitzt im Konferenzraum von GEMoaB, einer kleinen Firma, die Antikörper gegen Tumore entwickelt. Ihr Mann Gerhard ist Medizinprofessor, Krebsforscher, Unternehmer. Sie gehört zur Geschäftsführung.

„Wir müsse das helle Dresden zeigen“, sagt sie. Vor fast zwei Jahren gründeten die Ehningers zusammen mit dem britischen Zellforscher Antony Hyman und dem finnischen Biochemiker Kai Simons den Verein „Dresden – Place to be.“ Sie holten 2015 Herbert Grönemeyer in die Stadt. Sie organisierten ein Großkonzert mit ihm gegen Pegida. Sie, die Zugezogenen, wurden beschimpft, bedroht, verleumdet. Ihnen wurde von Pegida unterstellt, mit Steuergeldern Stimmung gegen das Volk zu machen. Nichts davon stimmte. Alles ehrenamtlich, alles aus Spenden.

Mit der Zeit wuchs ihnen ein dickeres Fell. „Wir geben nicht auf“, sagt Elisabeth Ehninger. Dresden ist seit 1994, als sie und ihr Mann aus Baden-Württemberg kamen, auch ihre Stadt. „Dresden hat mich immer begeistert“, sagt sie. „Musik, Theater – ich hab es sehr genossen.“

„Dresden für alle“

Sie wollen sich ihr modernes Dresden nicht von Hinterwäldlern kaputtschreien lassen. Draußen am Gebäudekomplex im Stadtteil Johannstadt hängt ein Transparent und fordert: „Offen und bunt“ . „Dresden muss um beste Köpfe kämpfen. Das wird immer schwieriger“, sagt Elisabeth Ehninger. Es seien zwar noch keine Spitzenforscher abgewandert. „Aber einige, die kommen sollten, haben abgesagt.“ Also kümmern sie sich, versuchen, vom Ruf zu erhalten, was noch da ist. Organisieren mit den Staatlichen Kunstsammlungen zum Monatsende einen Begegnungsnachmittag zwischen Dresdnern und Flüchtlingen im Albertinum. Sie planen Deutschkurse speziell für Mediziner aus Syrien oder Irak. Sie versuchen, ihr Dresden zu retten.

Eric Hattke ist Philosophiestudent, kommt aber nicht recht zum Studieren, weil er, salopp gesagt, seit zwei Jahren das Praktikum seines Lebens macht. Er ist Sprecher von „Dresden für alle“, einem Netzwerk aus 120 Gruppen und Vereinen, die ihre Stadt retten wollen.

„Dresden für alle“ heißt Taten statt Worte. 5300 Rucksäcke mit dem Notwendigsten für Flüchtlinge, Kundgebungen, Sternläufe, Spendenaktionen, Freiwilligenarbeit in Erstaufnahmelagern. Hattke ist mittlerweile bekannt in Dresden. Bei einigen verhasst. Er ist bedroht worden, ebenso seine Familie in Brandenburg. Wenn er einen Raum betritt, schaut er sich genau an, wer sonst noch da ist. Im Kino weiß er, wer hinter ihm sitzt. Aber manchmal geben ihm Leute auch einfach die Hand und bedanken sich. Das gibt es auch.

Was nun, Dresden? Eric Hattke steht an einer Wurstbude am Dresdner Hauptbahnhof. Er ist Optimist. Er sieht in der Krise der Stadt noch größere Chancen: „Wenn wir gut sind, wenn unsere Arbeit fruchtet, dann können wir eine Stadt sein, die an diesen Herausforderungen gewachsen ist.“ Integration müsse gelingen, sagt er. Konstruktiv handeln, das sei der Unterschied zu Pegida. Zeigen, dass es geht. „Wir müssen Zeichen setzen und langfristig etwas tun. Wir müssen helfen, wir müssen den Dialog in der Stadt verbessern, wir müssen unseren Beitrag leisten.“

Absurde Berichterstattung

Gehört dazu auch reden mit Pegida? „Ich fürchte, wir haben einen Punkt erreicht, an dem Fakten nur noch sehr wenig Beachtung finden. Unsere Chance ist: Zeigen, wie es besser geht.“ Also weitermachen, nicht aufgeben. Es ist ein Rennen. Sie müssen gewinnen, sonst behält Pegida recht. Und noch etwas möchte er loswerden: Schön wäre es, wenn mehr davon in die Medien gelangen würde, sagt er. „Die Berichterstattung ist manchmal absurd“, sagt er. „6 000 Pegida-Anhänger auf dem Theaterplatz, einer hat einen gebastelten Galgen dabei, schon saust das um die Welt. Aber wenn Tausende Menschen hier monatelang für geflüchtete Menschen arbeiten und sich kümmern, erscheint davon nur ein Bruchteil in der Öffentlichkeit.“ Sagt er und geht. Ein Teil der Bratwurst auf seinem Teller ist vor lauter Reden kalt geworden. Er hat das Essen vergessen. Aber das ist nicht neu, so geht es ihm öfter in diesen Zeiten in dieser Stadt, die er auf keinen Fall im Stich lassen will.



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