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Berliner Zeitung | Wildtiere schützen ehemalige Truppenübungsplätze am effektivsten vor dem Zuwuchern: Der Elch als Landschaftspfleger
23. January 2003
http://www.berliner-zeitung.de/15957812
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Wildtiere schützen ehemalige Truppenübungsplätze am effektivsten vor dem Zuwuchern: Der Elch als Landschaftspfleger

Es kracht im Gebüsch und ein mächtiger Körper schiebt sich durchs Gezweig. Ein langer Kopf erscheint, das Maul voller Laub. Der Kopf gehört einem mächtigen Elch. Seine Heimat ist nicht Kanada, sondern der ehemalige Truppenübungsplatz Dauban in Sachsen. Dort frisst der Elch nicht einfach so, sondern im Dienst des Naturschutzes. Er und seine Artgenossen sollen verhindern, dass das weitgehend offene ehemalige Militärgelände mit Büschen und Bäumen zuwächst. Solche Offenbiotope sind andernorts aus der intensiv genutzten Landschaft fast völlig verschwunden. "Sie bieten Lebensräume für spezialisierte Pflanzen- und Tierarten, die an Licht, Wärme und Nährstoffarmut angepasst sind. Daher sind Offenlandschaften so wertvoll für den Naturschutz", sagt Annette Prochnow vom Institut für Agrartechnik in Bornim. Überließe man die Flächen sich selbst, würden sie rasch verbuschen. "Damit ändern sich Lichtverhältnisse und Mikroklima und die seltenen Arten verschwinden", sagt Prochnow.Um Lösungen für die Pflege dieser Lebensräume zu finden, entstand vor drei Jahren das Verbundprojekt Offenland. Beteiligt sind neben dem Bornimer Institut die Universitäten in Cottbus, Potsdam und Freiburg sowie das Naturkundemuseum Görlitz. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium mit etwa 1,9 Millionen Euro gefördert.Die Universitäten betrachten vor allem die ökologischen Auswirkungen verschiedener Verfahren, ihre Untersuchungen dauern noch an. Die Agrarexperten aus Bornim dagegen beschäftigten sich mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sie stellten ihre Ergebnisse kürzlich im Forschungsreport der Bundesforschungsanstalten vor. Demnach ist eine Beweidung mit Elchen und anderen Wildtieren die günstigste Lösung, wenn man die ehemaligen Militärgelände offen halten will. Als Untersuchungsflächen dienten den Wissenschaftlern sechs ehemalige Truppenübungsplätze in Brandenburg und Sachsen. Außer den Wildtieren wurden auch Nutztiere getestet sowie verschiedene maschinelle Verfahren und das kontrollierte Abbrennen des Pflanzenwuchses. "Ein kontrolliertes Feuer kostet zwar nicht viel, aber die Akzeptanz ist gering", sagt Kenneth Anders, ein Sozialwissenschaftler aus der Bornimer Arbeitsgruppe. Denn Brände galten lange als schädlich für die Natur, daher reagieren Behörden und Öffentlichkeit meist skeptisch. Zudem ist der Einsatz von Feuer gesetzlich stark eingeschränkt und nur wenige Experten haben Erfahrung mit dem kontrollierten Abbrennen. Wenn Maschinen gegen das Verbuschen eingesetzt werden, fallen die Kosten unterschiedlich aus. Billig ist beispielsweise das Mulchen, bei dem in einem Arbeitsgang der Aufwuchs gemäht und zerkleinert wird. Teuer ist dagegen das Abplaggen, eine Pflegemaßnahme für Heideflächen, bei der die oberste Bodenschicht mit abgetragen wird. Für bestimmte Heidegebiete ist das Mähen eine einträgliche Alternative: Weil man aus reinem Heidekraut Biofilter herstellen kann, lässt sich das Mähgut verkaufen. Als relativ teuer erwies sich die Beweidung durch Schafe. Diese Methode ist in der Landschaftspflege bisher weit verbreitet. Mit den kargen Böden auf den Heideflächen kommen jedoch nur robuste, alte Rassen zurecht. Diese Schafe setzen nur langsam Fleisch an, ihre Wolle ist nicht zu verwerten. Geringen Einnahmen stehen also vergleichsweise hohe Ausgaben für Schäfer, Ställe und Pflege gegenüber.Wildtiere verursachen kaum solche Kosten, verhelfen den Betreibern eines Testgebietes jedoch inzwischen zu erheblichen Einnahmen: In einem 160 Hektar großen Gehege auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Glau bei Trebbin weiden Rot- und Damhirsche, Mufflons und Islandponys. Die 160 Tiere ziehen inzwischen 10 000 Besucher pro Jahr an, die mit ihren Eintrittsgeldern zum Unterhalt des Geheges beitragen. Die Forscher aus Bornim nehmen an, dass sich Kosten und Einnahmen in Glau bald die Waage halten werden. Auf den mit Wildtieren beweideten Flächen zeigte sich noch ein anderer Vorteil. Die Landschaft wird lebendig gestaltet. Die Pflanzenfresser weiden an unterschiedlichen Stellen, haben bevorzugte Lagerplätze und Trampelpfade. So entsteht ein buntes Mosaik aus Wiesen, kleinen Gehölzen und Gebüschen, das sich im Lauf der Zeit immer wieder verändert. Bei maschinellen Verfahren entstehen dagegen einheitliche, sichtbar vom Menschen geformte Landschaften. Nicht jede Wildart eigne sich dabei bei für jede Fläche, sagt der Sozialwissenschaftler Kenneth Anders. "Elche beispielsweise brauchen Feuchtgebiete, der Übungsplatz in Sachsen mit seinen vielen Tümpeln eignet sich also sehr gut." Auf dem ehemaligen Militärgelände Dauban bei Görlitz wurden deshalb drei Elche ausgesetzt. Sie leben nun in einem 240 Hektar großen Gehege.Für die Anwendung der im Offenland-Projekt gesammelten Erkenntnisse gibt es in Deutschland zahlreiche geeignete Gelände. In den vergangenen zehn Jahren hat das Militär Truppenübungsplätze mit einer Gesamtfläche von etwa zweihunderttausend Hektar verlassen. Auch die Landwirte legen immer mehr Flächen still. Mit Hilfe der großen Pflanzenfresser lässt sich verhindern, dass sich alle diese Gebiete in Wald verwandeln.Das Projekt im Internet:www.offenland.deBERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Sechs ehemalige Truppenübungsplätze (grün schraffiert) in Brandenburg und Sachsen wurden als Testflächen des Offenland-Projektes ausgewählt.NATURSCHUTZ-TIERPARK GÖRLITZ/AXEL GEBAUER Ein Elch frisst auf dem früheren Truppenübungsplatz Dauban Kiefernnadeln - und wirkt damit der Verwaldung des Areals entgegen. Mancherorts werden dafür auch Mufflons, Schafe oder Islandponys eingesetzt.


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