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Berliner Zeitung | Aktiensturz: Börsen schalten in Krisenmodus
09. February 2016
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Aktiensturz: Börsen schalten in Krisenmodus

Der Deutsche Aktienindex befindet sich im freien Fall.

Der Deutsche Aktienindex befindet sich im freien Fall.

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REUTERS

Berlin -

„Die Deutschen fassen wieder Vertrauen in die Aktie.“  Diese Erfolgsmeldung verkündete am Dienstag Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut. Die Zahl der Aktieninhaber und Fondsanleger ist im vergangenen Jahr um 560 000 auf gut neun Millionen gestiegen.

Der Jubel über diese Erfolgsmeldung dürfte vielen Anlegern aber beim Blick auf die Kurse vergehen. Der acht Jahre dauernde Boom der Aktienmärkte scheint  überzugehen in einen Crash auf Raten. Die Kursverluste vor allem bei den Banktiteln sind so groß, dass erfahrene Börsianer sich an die große Finanzkrise 2008 erinnert fühlen.

Auch die Verunsicherung und das Misstrauen an den internationalen Finanzplätzen sind wieder zurück. Bereits am Rosenmontag war der Deutsche Aktienindex (Dax) um über drei Prozent abgesackt. Am Dienstag schwankte er stark. Seit Jahresbeginn aber ist er um fast ein Fünftel gefallen.

Alarmierend ist die Lage der Großbanken. Die Deutsche Bank, gebeutelt von Rechtsstreitigkeiten, Führungsquerelen und der Suche nach einer überzeugenden Strategie, sah sich genötigt, Beruhigungspillen im Doppelpack an die Investoren zu verteilen.

Gleich zweimal beteuerte sie, zahlungsfähig zu sein. Erst erklärte sie, trotz eines Rekordverlusts im vergangenen Jahr die Zinsen für nachrangige Schuldverschreibungen, sogenannte Cocos, bezahlen zu können. Dies sind ganz besondere Anleihen, mit denen die Deutsche Bank wie andere Institute auch trotz schlechter Geschäftszahlen noch ihr Eigenkapital stärken konnte.

Für die Deutsche Bank wird es bedrohlich

Diese Papiere versprechen hohe Renditen und bergen hohe  Risiken. Im Krisenfall kann die Bank die Zinszahlungen kürzen. Zudem werden die Cocos in Aktien umgewandelt, wenn die Bank zu sehr ausblutet und neues Eigenkapital benötigt. In der Variante der Deutschen Bank können die Anleger sogar alles Geld verlieren.

Nach der ersten Erklärung notierte die Aktie der Deutschen Bank aber nur kurz im Plus. Also legte Vorstands-Chef John Cryan nach. „Sie können Ihren Kunden mitteilen, dass die Deutsche Bank angesichts ihrer Kapitalstärke und ihrer Risikoposition absolut grundsolide ist“, schrieb der Brite an die Beschäftigten. Und er sorgte dafür, dass sein Brief öffentlich wurde.

„Der Markt hat sich auch besorgt gezeigt, ob unsere Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten ausreichen“, führte Cryan darin aus. „Diese Sorge teile ich keineswegs.“ Aber auch Cryan vermochte die Gemüter nicht zu beruhigen. Im weiteren Handelsverlauf setzte die Aktie ihre rasante Talfahrt fort. 

Insgesamt ist die Deutsche Bank an den Börsen weniger als 20 Milliarden Euro wert – selbst in der Finanzkrise wurde sie höher eingestuft. Der US-Gigant JP Morgan leidet selbst unter Kursabschlägen, bringt es aber auf zehnmal so viel Gewicht. Damit wird es für Deutschlands Nummer eins allmählich bedrohlich.

Für Konkurrenten wäre es leicht, sich die Deutsche Bank einzuverleiben. Eine Übernahme scheitert nur daran, dass sich keiner die Probleme der Frankfurter ins Haus holen möchte. Doch nichts ist für eine Bank so gefährlich wie Zweifel an ihrer  Zahlungsfähigkeit.

Anleger fliehen in Sicherheit

Der Negativtrend ist aber nicht nur bei den Banken besonders ausgeprägt. Der ganze Markt ist quer durch alle Branchen im Krisenmodus. Dafür gibt es eine Reihe guter Gründe. Erstens wachsen die Zweifel an der Wirksamkeit der niedrigen Zinsen. Mit ihrem billigen Geld haben die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed die Konjunktur und noch mehr die Aktienmärkte gestützt.

Möglicherweise haben sie damit Schlimmeres abgewendet. Doch wirklich befreit haben sie vor allem den Euro-Raum nicht von den schweren Krankheiten. Dafür hätten die Regierungen mehr Unterstützung leisten müssen. In den USA wollte die Fed zurück zur Normalität und hat die Zinsen einmal erhöht. Doch weitere Schritte wird sie sich wohl erst einmal nicht trauen.

Zu angespannt ist die Lage der Weltwirtschaft und der internationalen Finanzmärkte. Dies ist die zweite Erklärung für den Crash auf Raten: Schwellenländer wie China und Brasilien kämpfen mit ernsten Problemen. Die Weltwirtschaft bleibt hinter den Erwartungen zurück. Drittens ist die Freude über den niedrigen Ölpreis der  Erkenntnis gewichen, dass ein solcher Preisverfall kein gutes Zeichen sein kann.

Die Krisensymptome zeigen sich nur bei den Aktien. Generell fliehen Anleger wieder in Sicherheit. Sie verkaufen weltweit Aktien, egal ob in Deutschland  oder in Japan. Und sie stecken ihr Geld in vermeintliche sichere Produkte wie Bundesanleihen oder Gold. Unternehmen mit schlechter Bewertung müssen dagegen wieder extreme hohe Renditen - hohe Aufschläge  -  bieten, um überhaupt noch an Euro oder Dollar zu kommen.


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