Das Gespräch hatte sich unerwartet in die Länge gezogen. Als DGB-Chef Michael Sommer, Arbeitgeberverbands-Vize Otto Kentzler und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Dienstag mit halbstündiger Verspätung noch vor die Kameras im Ministerium traten, gab es allseits freundliches Lächeln und das Versprechen, künftig alle sechs Monate gemeinsam den Stand der Dinge in Sachen Rente mit 67 zu erörtern. Tatsächlich hatte man sich zuvor in der Diskussion über den ersten ministeriellen „Fortschrittsreport Altersgerechte Arbeitswelt“ nicht mal auf eine faktengesicherte Gesprächsgrundlage verständigen können. Und so kündigte die Ministerin an, bis zur zweiten Runde im Spätsommer für „Klarheit über die Datenbasis“ zu sorgen.
Tarifparteien und Politik uneins
Dass sich Tarifparteien und Politik mit Blick auf Zahlen und Statistiken uneins zeigen, ist indessen wenig überraschend. Schließlich hängt es wesentlich vom verwendeten Datenmaterial ab, ob der zum 1. Januar vollzogene Einstieg in die Rente mit 67 als notwendiger und sozial verantwortbarer Schritt in einer alternden Gesellschaft erscheint, oder ob die allmähliche Erhöhung des Renteneintrittsalters bis 2029 zu einem Rentenkürzungsprogramm für Millionen Menschen zu werden droht.
Bundesregierung und Arbeitgeber betonen vor allem die Fortschritte, die in den vergangenen Jahren bei der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer erzielt werden konnten. Mittlerweile seien die Erwerbstätigenquoten der 55- bis 59-Jährigen sowie der 60- bis 64-Jährigen in Deutschland die zweithöchsten europaweit, so von der Leyen. Seit der Jahrtausendwende habe sich der Anteil der Erwerbstätigen über 60 Jahren mehr als verdoppelt. Nach Ministeriumsangaben gehen derzeit rund 62,5 Prozent der 55- bis 64-Jährigen in Deutschland einer bezahlten Arbeit nach. Auf Grundlage solcher Daten müsste keinem bange sein vor einem allmählich späteren Renteneintritt.
860.000 Minijobber
Muss es doch, betonen die Gewerkschaften und präsentieren andere Statistiken. Ausschlaggebend sei nicht die Zahl der Erwerbstätigen, sondern die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Schließlich erwürben nur diese Arbeitnehmer weitere Rentenansprüche, nur sie seien durch die Arbeitslosenversicherung abgesichert und erzielten auskömmliche Löhne und Gehälter. Unter den über 55-jährigen Erwerbstätigen befinden sich nach Angaben des DGB allerdings allein 860.000 Minijobber. Dafür liegt der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in dieser Altersgruppe bei nur etwa 40 Prozent, von den über 60-Jährigen sind es noch 27,5 Prozent. Im Alter von 63 und 64 Jahren gehen nur mehr gut neun Prozent einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. „Nach dem 62. Lebensjahr brechen die Zahlen dramatisch ein“, sagt Ingo Nürnberger, DGB-Abteilungsleiter für Sozialpolitik. Hinzu komme, dass über 100.000 ältere Langzeitarbeitslose nicht mehr in der Statistik auftauchen, weil ihnen seit mehr als einem Jahr kein Arbeitsangebot von der Jobagentur unterbreitet wurde.
Klar ist, dass die Ausbildung auch für die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zentral ist: 2008 waren 54 Prozent der über 60-Jährigen Akademiker erwerbstätig, aber nur 24,9 Prozent der Ungelernten. Die Gewerkschaften fürchten daher, dass die Rente mit 67 eine „soziale Schieflage“ zur Folge haben werde: Viele gut Ausgebildete werden länger arbeiten können und dadurch sogar höhere Renten erzielen, viele andere gleiten ab in die Altersarmut.

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