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Berliner Zeitung | 365farmnet: Eine App aus Berlin will Bauern fit machen
21. January 2016
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365farmnet: Eine App aus Berlin will Bauern fit machen

Den Acker im Blick.

Den Acker im Blick.

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365farmnet

Mächtige Eingangsportale, Hausnummern aus Messing und Videobeobachtung am Klingelschild. Der Hausvogteiplatz in Mitte ist eine der besseren Geschäftsadressen der Stadt. Hier residieren Botschaften und Anwaltskanzleien, man verkehrt in großen Limousinen und feiner Garderobe. Von seinem Schreibtisch aus kann Maximilian von Löbbecke das Treiben auf dem Platz beobachten. Seine Kundschaft trägt allerdings vorzugsweise Gummistiefel und fährt Trecker.

Löbbecke ist Chef des Unternehmens 365farmnet. Ein Start-up, das die Digitalisierung der Landwirtschaft vorantreiben und so nicht weniger als deren Zukunft sichern will. „Wir wollen den Bauern helfen, besser zu werden“, sagt von Löbbecke.

Der 45-Jährige hat das Unternehmen vor knapp zwei Jahren in Berlin gegründet, um einen Software-Baukasten zu entwickeln, mit dem Landwirte ihren gesamten Betrieb managen können. Tatsächlich illustriert 365farmnet beispielhaft, was unter dem hippen Begriff Farming 4.0 zu verstehen ist. Mit ein paar Klicks auf der Computertastatur oder wenigen Tipps auf Smartphone oder Tablet-PC können Bauern erfahren, welches Saatgut für den jeweiligen Boden optimal ist, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger quadratmetergenau berechnen oder den Idealkurs für einen Trecker auf einem Feld ermitteln lassen, um keinen Ackerfleck unnütz zweimal zu pflügen, säen oder zu düngen.

Kuh Erika wird krank

Von Löbbecke kommt bei der Beschreibung der Möglichkeiten schnell ins Schwärmen. „Wir können einen Milchbauern sogar wissen lassen, dass etwa seine Kuh Erika mit großer Sicherheit in zwei Tagen krank sein wird, weil Sensoren schon jetzt Unregelmäßigkeiten an ph-Wert im Magen, Körpertemperatur, Bewegung und Kaurhythmus registriert haben.“ Farmnet rate aber freilich auch, was zu tun ist.

Dabei ist der Farmnet-Chef selbst gar kein Landwirt. Zwar verweist er auf entsprechende Wurzeln in seiner Familie und beachtlichen landwirtschaftlichen Grundbesitz. Zu Bekanntheit und Wohlstand kamen die Löbbeckes aber insbesondere durch das vor über 250 Jahren gegründete gleichnamige Bankhaus. Der Bankiersspross Maximilian von Löbbecke indes studierte Maschinenbau und Medizin, zog einen Verkaufskanal für elektrische Rollstühle in Südafrika auf, war mehr als ein Jahrzehnt im Fiat-Konzern tätig, gründete in Kalifornien Softwareunternehmen und kam 2013 schließlich nach Berlin. Dies aber eben nicht, um in das am Bebelplatz ansässige Bankhaus Löbbecke einzuziehen, sondern um hier „mit dem Team Farmnet großzumachen“, wie er sagt.

Das Team am Hausvogteiplatz sind etwa 50 Mitarbeiter. Es sind größtenteils IT-Experten und Softwareentwickler. Etwa ein Drittel der Besatzung betreibt allerdings auch selbst Landwirtschaft. Sie definieren das Produkt, die Datenfrickler setzen es um, wobei die Computerexperten zuweilen auch aufs Land geschickt werden. „Entwickler müssen das Schwein riechen, um zu verstehen, was der Bauer will“, sagt von Löbbecke.

Im Kern will das Berliner Jungunternehmen die Landwirtschaft fit machen, um im Konflikt zwischen wachsendem Nahrungsmittelbedarf und schrumpfenden Agrarflächen bestehen zu können. Dafür arbeitet 365farmnet mit externen Partnern zusammen – vom meteorologischen Dienst bis zum Traktorhersteller. Farmnet bündelt deren Angebote, passt sie an und bietet dem Nutzer schließlich eine einheitlich bedienbare Oberfläche, die er wie über einen App-Shop ausbauen kann.

Wettbewerb der Anbieter

Mittlerweile hat das Unternehmen 27 Partner. 80 Anwärter gibt es, wobei für Löbbecke die Zahl der Partner gar nicht groß genug sein kann. Es sei zwar nicht ein 15. Wetterdienst nötig, aber von den Maschinen-, Saatgut- und Düngemittelanbietern hätte von Löbbecke am liebsten alle. „Der Landwirt entscheidet am Ende, was er will, nicht wir“, sagt er. Farmnet mache nur die Angebote. „Je mehr, desto besser für den Bauern.“ Der könne so schließlich vom Wettbewerb der Anbieter profitieren.

Und genau deshalb gibt es dann doch eine Einschränkung: Wenn ein Anbieter den alleinigen Auftritt zur Bedingung macht, bleibt er draußen. „Wir sind eine offene herstellerneutrale Plattform. Exklusivität passt nicht in unser Konzept“, sagt von Löbbecke und meint es auch so. Jedenfalls wurde aus einer Kooperation zwischen Farmnet und dem Chemieriesen Bayer nicht mehr als ein Kennenlernen. Ein Partnervertrag wurde nicht unterzeichnet, weil Bayer zu viel wollte. Und wenn einer an den zweifelsfrei wertvollen Daten der Landwirte interessiert ist? „Keine Chance“, sagt der Chef. Nicht mal die Farmnet-Mitarbeiter hätten Einblick in die Daten. „Die sind Eigentum des Landwirts. Punkt.“

Mittlerweile hat das Unternehmen rund 5 000 Nutzer, was angesichts einer vergleichsweise konservativen Zielgruppe als Erfolg gewertet werden muss – zumal nach gerade eineinhalb Jahren Marktpräsenz. Noch sind es fast ausschließlich Landwirte aus Deutschland, die 365farmnet nutzen. Erst im November begann die Akquise im Ausland. Inzwischen ist Farmnet in sechs Ländern vertreten. Zur Jahresmitte will von Löbbecke alle europäischen Länder bedienen können. „Die USA haben wir für 2017 auf dem Plan.“ Es wächst und gedeiht also.