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Abkehr vom Billigmodell: Berliner Start-up stellt Putzkräfte jetzt fest ein

Symolbild.

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dpa

Dass Start-ups innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Mitarbeiter einstellen, ist in der Branche nicht ungewöhnlich. Doch dass es sich dabei nicht um Programmierer, Marketing-Experten oder Produkt-Manager handelt, sondern um Putzkräfte, ist neu. Genau das geschieht derzeit bei Book A Tiger, einer Online-Putzkräftevermittlung mit Sitz in Berlin. Zusätzlich zu den 100 Mitarbeitern im Büro hat das Start-up 200 Putzkräfte fest angestellt, zunächst befristet. Weitere 300 bis 400 sollen demnächst dazu kommen, sagt Book A Tiger-Mitgründer Claude Ritter dieser Zeitung.

Die Neueinstellungen sind ein Strategieschwenk: Noch bis vor kurzem wollte Book A Tiger von fest angestellten Putzkräften mit bezahltem Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Mindestlohn nichts wissen. Stattdessen setzte Mitgründer Ritter voll auf Solo-Selbstständige. Das Uber-Modell, nennt es Ritter.

Gemeint ist die Methode des Fahrtenvermittlers Uber, der weltweit Taxis Konkurrenz macht, indem er es Selbstständigen ermöglicht, per Smartphone-App zum Taxi-Fahrer zu werden. Uber wird von Investoren inzwischen auf rund 55 Milliarden Euro taxiert – ohne einen einzigen Fahrer zu beschäftigten. Der Reiz liegt für Investoren gerade darin, dass nicht die Plattform, sondern die selbstständigen Fahrer das Risiko tragen, wenn weniger Aufträge hereinkommen. Uber hat keine Verpflichtungen gegenüber den Fahrern, sondern tritt nur als Vermittler der Aufträge auf. Um Krankenversicherung und Sozialabgaben braucht sich Uber nicht zu kümmern.

Die „Uberisierung“ der Arbeit

Der rasante Aufstieg von Uber hat zahlreiche Unternehmer auf den Plan gerufen, die das Modell von Uber auf einen andere Branche übertragen haben: Statt Fahrer konnte man sich bald auch Menschen ordern, die für einen im Supermarkt einkaufen – oder, wie bei Book A Tiger, eben Putzkräfte. Die neuen Modelle drängten mit so einer Macht in den Markt, dass aus Uber ein Wort gebildet wurde, um die neue Umschichtung der Arbeit von Angestellten zu Selbstständigen zu beschreiben: Die „Uberisierung“ der Arbeit.

Doch inzwischen wird deutlich: Der Aufstieg des Uber-Modells quer durch alle Branchen ist keineswegs so unaufhaltsam wie es zunächst schien. Im Gegenteil: Inzwischen ist die De-Uberisiuerung in vollem Gange. Immer öfter verabschieden sich Start-ups von dem Uber-Modell.

Beispiel Foodora: Der Essens-Lieferdienst, der zum Lieferimperium Delivery Hero gehört, setzte anfangs auf Freelancer: Das Start-up wollte zunächst das Uber-Modell auf Bringdienste übertragen, sagt Foodora-Chef Julian Dames dieser Zeitung. Doch davon hat sich die Führung verabschiedet. Stattdessen werden nun Festangestellte eingestellt. „Um eine gewisse Verlässlichkeit und Verbindlichkeit reinzubringen“, erklärt Dames. Freelancern kann man schließlich keine Anweisung geben, auch bei Dauerregen auszufahren – Festangestellten schon. Für Lieferdienste ist das entscheidend: Wenn sie ihre Fahrer nicht auf die Straße bekommen, funktioniert der Dienst nicht. Konkurrent Food Express arbeitet daher seit langem mit Festangestellten.

Andere Dienste, die auf das Uber-Modell setzten, haben inzwischen dicht gemacht. Beispiel Shopwings: Das Unternehmen, bei dem man auf Knopfdruck Personen ordern konnte, die für einen im Supermarkt einkaufen, wurde im November 2014 von der Start-up-Fabrik Rocket Internet gegründet – und ein halbes Jahr später wieder eingestampft. Die Website verweist nun auf Bonativo: einen anderen Rocket-Internet-Dienst, der regionale Lebensmittel ausliefert – und zwar mit Festangestellten. Experten hatten schon beim Shopwings-Start gewarnt, dass das Freelancer-Modell gefährliche steuerrechtliche Fallstricke habe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum auch andere Online-Vermittlungen auf Festangestellte setzen.

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