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Berliner Zeitung | Abkehr vom Billigmodell: Berliner Start-up stellt Putzkräfte jetzt fest ein
12. February 2016
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Abkehr vom Billigmodell: Berliner Start-up stellt Putzkräfte jetzt fest ein

Symolbild.

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dpa

Dass Start-ups innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Mitarbeiter einstellen, ist in der Branche nicht ungewöhnlich. Doch dass es sich dabei nicht um Programmierer, Marketing-Experten oder Produkt-Manager handelt, sondern um Putzkräfte, ist neu. Genau das geschieht derzeit bei Book A Tiger, einer Online-Putzkräftevermittlung mit Sitz in Berlin. Zusätzlich zu den 100 Mitarbeitern im Büro hat das Start-up 200 Putzkräfte fest angestellt, zunächst befristet. Weitere 300 bis 400 sollen demnächst dazu kommen, sagt Book A Tiger-Mitgründer Claude Ritter dieser Zeitung.

Die Neueinstellungen sind ein Strategieschwenk: Noch bis vor kurzem wollte Book A Tiger von fest angestellten Putzkräften mit bezahltem Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Mindestlohn nichts wissen. Stattdessen setzte Mitgründer Ritter voll auf Solo-Selbstständige. Das Uber-Modell, nennt es Ritter.

Gemeint ist die Methode des Fahrtenvermittlers Uber, der weltweit Taxis Konkurrenz macht, indem er es Selbstständigen ermöglicht, per Smartphone-App zum Taxi-Fahrer zu werden. Uber wird von Investoren inzwischen auf rund 55 Milliarden Euro taxiert – ohne einen einzigen Fahrer zu beschäftigten. Der Reiz liegt für Investoren gerade darin, dass nicht die Plattform, sondern die selbstständigen Fahrer das Risiko tragen, wenn weniger Aufträge hereinkommen. Uber hat keine Verpflichtungen gegenüber den Fahrern, sondern tritt nur als Vermittler der Aufträge auf. Um Krankenversicherung und Sozialabgaben braucht sich Uber nicht zu kümmern.

Die „Uberisierung“ der Arbeit

Der rasante Aufstieg von Uber hat zahlreiche Unternehmer auf den Plan gerufen, die das Modell von Uber auf einen andere Branche übertragen haben: Statt Fahrer konnte man sich bald auch Menschen ordern, die für einen im Supermarkt einkaufen – oder, wie bei Book A Tiger, eben Putzkräfte. Die neuen Modelle drängten mit so einer Macht in den Markt, dass aus Uber ein Wort gebildet wurde, um die neue Umschichtung der Arbeit von Angestellten zu Selbstständigen zu beschreiben: Die „Uberisierung“ der Arbeit.

Doch inzwischen wird deutlich: Der Aufstieg des Uber-Modells quer durch alle Branchen ist keineswegs so unaufhaltsam wie es zunächst schien. Im Gegenteil: Inzwischen ist die De-Uberisiuerung in vollem Gange. Immer öfter verabschieden sich Start-ups von dem Uber-Modell.

Beispiel Foodora: Der Essens-Lieferdienst, der zum Lieferimperium Delivery Hero gehört, setzte anfangs auf Freelancer: Das Start-up wollte zunächst das Uber-Modell auf Bringdienste übertragen, sagt Foodora-Chef Julian Dames dieser Zeitung. Doch davon hat sich die Führung verabschiedet. Stattdessen werden nun Festangestellte eingestellt. „Um eine gewisse Verlässlichkeit und Verbindlichkeit reinzubringen“, erklärt Dames. Freelancern kann man schließlich keine Anweisung geben, auch bei Dauerregen auszufahren – Festangestellten schon. Für Lieferdienste ist das entscheidend: Wenn sie ihre Fahrer nicht auf die Straße bekommen, funktioniert der Dienst nicht. Konkurrent Food Express arbeitet daher seit langem mit Festangestellten.

Andere Dienste, die auf das Uber-Modell setzten, haben inzwischen dicht gemacht. Beispiel Shopwings: Das Unternehmen, bei dem man auf Knopfdruck Personen ordern konnte, die für einen im Supermarkt einkaufen, wurde im November 2014 von der Start-up-Fabrik Rocket Internet gegründet – und ein halbes Jahr später wieder eingestampft. Die Website verweist nun auf Bonativo: einen anderen Rocket-Internet-Dienst, der regionale Lebensmittel ausliefert – und zwar mit Festangestellten. Experten hatten schon beim Shopwings-Start gewarnt, dass das Freelancer-Modell gefährliche steuerrechtliche Fallstricke habe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum auch andere Online-Vermittlungen auf Festangestellte setzen.

Die Entwicklung ist keineswegs auf Deutschland beschränkt: Ein Beispiel ist der US-Dienst, der einst das Modell für Shopwings war: Instacart setzt inzwischen ebenfalls auf Angestellte statt auf Freelancer. Der Gründer erklärte den Schwenk damit, dass mit Festangestellten eine bessere Qualität des Dienstes gewährleistet werden könne. Dies lohne sich – obgleich Festangestellte Experten zufolge für Unternehmen bis zu einem Drittel teurer sind als Freelancer.

Erst vor wenigen Tagen gab auch der Dienst Honor, der Pflegekräfte nach dem Uber-Modell vermittelte, bekannt, statt auf Selbstständige auf Angestellte zu setzen. Nur so könnten die Mitarbeiter die notwendigen Qualifikationen erhalten, erklärte Firmengründer Seth Sternberg.

Für hohe Qualitätstandarts

Der Mitgründer von Book A Tiger führt ähnliche Argumente an. Claude Ritter sagt: „Wir möchten zu 99 Prozent sicher sein, dass Kunden mit unseren Diensten eine sehr gute Erfahrung machen – aber mit Freelancern können wir einfach keine hohen Qualitätsstandards garantieren.“ Das liege daran, dass selbstständigen Putzkräften keine Vorgaben gemacht werden könnten, wie sie ihre Tätigkeit ausübten. Hinzu komme, dass es eine enorm hohe Fluktuation bei selbstständigen Putzkräften gebe. Mit Festangestellten hofft Ritter auf mehr Kontinuität. Entscheidend sei: „Nur Festangestellte können wir in Schulungen ausbilden und auch genau anweisen, wie die Reinigung durchzuführen ist. Das ist notwendig, um eine konsistent hohe Qualität zu erreichen.“

Mehr Festangestellte bedeutet für Book A Tiger, dass der Dienst ein höheres unternehmerisches Risiko übernimmt: Fallen Aufträge weg, kann die Firma nicht mehr einfach Aufträge für Freelancer canceln. Book A Tiger muss sich um Ersatz kümmern. „Es erhöht natürlich die Komplexität, Arbeit für die vertraglich festgelegte Anzahl von Stunden liefern zu müssen“, formuliert Ritter. Preislich kann Book A Tiger mit dem Festangestellten-Modell nicht mit Konkurrenten mithalten, die wie Helpling mit Freelancern arbeiten. Aber Rittter sagt: „Es gibt Anbieter für verschiedene Kundengruppen. Das ist wie bei Audi und Skoda. Da kauft auch nicht gleich jeder einen Skoda, nur weil er billiger ist.“ Book A Tiger positioniere sich in einem qualitativ höheren Bereich.

Uber-Modell nur für Uber?

Tatsächlich spricht Konkurrent Helpling inzwischen nicht mehr von professionellen Putzkräften, sondern von einer „Reinigung nach Hausfrauenart“. Das Start-up von Rocket Internet ist inzwischen hierzulande der letzte große Anbieter von Putzdiensten, der noch auf das Freelancer-Modell setzt. Den US-Dienst Homejoy, der einst Modell für Helpling und Book A Tiger war und der auch in Deutschland Fuß zu fassen versuchte, gibt es nicht mehr. Die Homejoy-Gründerin Adora Cheung erklärte, entscheidend für das Scheitern sei eine Klage von Putzkräften gewesen, die erreichen wollten, als Angestellte eingestuft zu werden – und nicht als unabhängige Unternehmer. Anleger habe die Klage abgeschreckt, weiter in den Dienst zu investieren. Ex-Mitarbeiter berichten allerdings auch, dass es dem Start-up nicht gelungen sei, Kunden zu halten, da es seine Qualitätsversprechen nicht einlösen konnte.

Claude Ritter ist inzwischen überzeugt: „Das Uber-Modell ist vielleicht nicht tot. Aber es ist sicherlich nicht – wie viele gedacht haben – blind auf jedes erdenkliche Modell anwendbar.“ Es wirkt fast so, dass bald nur noch ein großes Technologie-Unternehmen übrig ist, das das Uber-Modell erfolgreich einsetzt: Uber.

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