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Ärzte-Migration: Zehntausende Ärzte verlassen ihre Heimat

Die meisten ausländischen Mediziner arbeiten in Kliniken, nur wenige übernehmen eine Praxis.

Die meisten ausländischen Mediziner arbeiten in Kliniken, nur wenige übernehmen eine Praxis.

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Getty Images/TongRo Image Stock

Sven Löffler bereut seine Entscheidung nicht. „24-Stunden-Schichten, Überstunden, schlechte Arbeitsorganisation, Kostendruck – das alles wollte ich nicht“, sagt der deutsche Chirurg und schwärmt von seiner Arbeit in einem Krankenhaus in Südnorwegen. „Ich habe geregelte Arbeitszeiten, zufriedene Patienten und meine Familie hat etwas von mir“, berichtet der 41-Jährige. Und zusätzlich habe er sogar noch die Möglichkeit, regelmäßig für das Internationale Rote Kreuz bei Hilfseinsätzen mitzumachen . „Ich will nicht mehr zurück“, so das Fazit des jungen Mediziners.

So wie Löffler verlassen jährlich mehrere Tausend Ärzte Deutschland. Zwischen 2007 und 2012 wanderten 16.882 Mediziner aus. Das ergibt die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei im Bundestag, die der Berliner Zeitung vorliegt. Zwar zogen auch Mediziner aus dem Ausland zu. Doch unterm Strich verliert Deutschland Jahr für Jahr Ärzte, die hierzulande eigentlich dringend benötigt werden.

Hauptzielland der aus Deutschland auswandernden Mediziner im Zeitraum zwischen 2007 und 2012 ist mit großen Abstand die Schweiz (4269 Ärzte) gefolgt von Österreich (1659), die USA (1041) und Großbritannien (605). Im Schnitt verlassen rund 3500 Mediziner pro Jahr das Land. Um herauszufinden, welcher Verlust für die deutsche Volkswirtschaft damit verbunden ist, haben die Linken auch nach den durchschnittlichen Kosten eines Medizinstudiums gefragt. Ergebnis: Für Lehre und Forschung bis zum universitären Regel-Abschluss betragen die Kosten rund 193.000 Euro. Der Verlust bei allen seit 2007 ausgewanderten Ärzten beträgt demnach 3,3 Milliarden Euro.

Gleichzeitig ziehen aber auch Ärzte aus dem Ausland nach Deutschland und üben hier ihren Beruf aus. Nach der von der Regierung vorgelegten Statistik waren 2012 in Deutschland 28 310 ausländische Ärzte tätig. Das ist gegenüber 2007 ein Zuwachs um 11.500 Mediziner. Das gleicht die Abwanderung deutscher Mediziner nicht aus. Seit 2007 verlor Deutschland fast 5400 Mediziner.

Flucht vor Krieg und Krisen

Dabei steigen die Zuwachsraten bei der Zuwanderung. Deutschland wird offenbar attraktiver. So wuchs die Zahl der eingewanderten Mediziner zwischen 2000 und 2008 zwischen zwei und acht Prozent, 2009 stieg die Rate auf über neun und 2012 auf 15 Prozent.

Die wichtigsten Herkunftsländer im Jahr 2012 waren Rumänien (700 Ärzte), Österreich (600), Russland (500), Syrien (318), Griechenland (306), Ungarn (303), die Ukraine (252) und Ägypten (165). Auffällig ist, dass die Herkunftsstaaten mit Ausnahme von Österreich deutlich ärmere Länder sind, die meisten erleben zudem schwere Krisen oder Kriege. Auffällig ist auch, dass die Mehrzahl der zugewanderten Mediziner im Krankenhaus arbeitet. Hier sind 22 300 der rund 28 300 ausländischen Ärzte tätig. Im ambulanten Sektor – wo in Deutschland am ehesten ein Ärztemangel entstehen wird, arbeitet nur eine Minderheit. Dies könnte damit zusammenhängen, dass für eine Niederlassung ein erhebliches Startkapital nötig ist.

„Zuwanderung löst nicht die Probleme in der ambulanten Versorgung“, so die Schlussfolgerung der Linken-Gesundheitsexpertin Birgit Wöllert. Zudem fehlten die zugewanderten Ärztinnen und Ärzte in der Versorgung ihrer Herkunftsländer. Ihr Fazit lautet: „Wir brauchen gute Konzepte zur hausärztlichen Versorgung und zur Bedarfsplanung, statt vom Ausbluten ärmerer Länder zu profitieren.“