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Ärztepräsident Montgomery: „Kommt uns nicht mit der Moralkeule“

Frank Ulrich Montgomery ist Facharzt für Radiologie und seit drei Jahren Präsident der Bundesärztekammer.

Frank Ulrich Montgomery ist Facharzt für Radiologie und seit drei Jahren Präsident der Bundesärztekammer.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Herr Montgomery, was bringt einen Arzt, der aus einer alten Mediziner-Familie stammt, dazu, als Lobbyist zu arbeiten?

Das war keine Entscheidung von jetzt auf heute, die man am Frühstückstisch trifft. Ich habe mich früh um die Verteidigung meiner Interessen als Arzt an einer Universitätsklinik gekümmert und bin so in den Marburger Bund gekommen, der Gewerkschaft der Klinikärzte. Das führte mich schnell in die Standes- und damit in die Gesundheitspolitik. Und dann war es ein logischer Schritt, in Berlin die direkte Kommunikation zu Regierung und Parlament zu suchen.

Das ist eine nette Umschreibung dessen, was sie tun. Ist es nicht lästig, ständig an Türen kratzen zu müssen, um Forderungen durchzusetzen?

Das ist nicht mein Stil von Lobbyismus. Ich gehe auch nicht jeden Abend mit Politikern essen, um denen irgendetwas einzuflüstern. Wir organisieren Kongresse, Gespräche oder Workshops, um öffentlich Themen zu setzen und Probleme zu benennen. Mein Draht zum Gesundheitsminister ist hervorragend. Denn er weiß ganz genau, dass ich mich nur dann direkt an ihn wende, wenn es um ein wirklich wichtiges Anliegen geht.

Nach Ihrer Wahl 2011 haben Sie angekündigt, dass sich die Ärzteschaft unter Ihrer Führung stärker in die Politik einmischen wird. Sind Sie zufrieden mit sich?

Um meine persönliche Zufriedenheit geht es nicht. Viel wichtiger ist, dass wir es in den letzten Jahren geschafft haben, die weitgehende Sprachlosigkeit zwischen Politik und Ärzteschaft zu überwinden. Unser Sachverstand ist gefragt, und wir werden ernst genommen in unseren Bemühungen um eine bessere Patientenversorgung. Das hat auch unser Renommee und die Wahrnehmung deutlich verbessert.

Bei welchen Themen fühlen Sie sich nunmehr ernst genommen?

Wir haben schon lange auf das Problem des drohenden Ärztemangels aufmerksam gemacht. Das ist endlich in der Politik und sogar bei einigen Krankenkassen angekommen.

Ihr Kollege Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hat gerade sinngemäß gesagt, die Ärzteschaft selbst sei durch ihr ewiges Jammern mitschuldig daran, dass der Nachwuchs fehlt. Stimmen Sie zu?

Absolut. Es macht doch keinen Sinn, intelligenten jungen Menschen ständig zu erzählen, wie schrecklich alles in unserem Beruf ist. Ich kann es doch keinem verdenken, Alternativen zu suchen, wenn er immer wieder hört, in welches Mistsystem er ansonsten gerät. Da ist tatsächlich etwas falsch gelaufen.

Wie kann mehr Nachwuchs gewonnen werden?

Die Zugangsvoraussetzungen für ein Medizinstudium sind überholt. Wir wissen, dass wir mit einem Numerus Clausus zwischen 1,0 und 1,2 die lernstärksten Abiturienten bekommen, die auch das Studium hervorragend abschließen. Das sind aber oft nicht diejenigen, die später etwa als Landarzt ihre Erfüllung finden. Der wissenschaftlich brillante Mediziner ist zudem nicht immer derjenige, der gut mit den Patienten umgehen kann. Keine Frage, auch Nobelpreisträger sind wichtig. Aber wir brauchen Menschen, die sich mit Herzblut um ihre Patienten kümmern – auch wenn ihre Noten nicht so hervorragend sind.

Wie soll das praktisch gehen?

Die Abiturnote muss weiter eine wichtige Rolle spielen. Als zusätzliches Kriterium sollte es aber ein Auswahlverfahren geben, bei dem die Motivation des Einzelnen genau hinterfragt und die soziale Kompetenz getestet wird. Das erhöht die Chance, dass wir später mehr Ärzte haben werden, die bereit sind, aufs Land zu gehen oder in sozialen Brennpunkten zu arbeiten.

Der fehlende Landarzt ist zum Sinnbild für die Misere geworden. Vermutlich werden Sie das Problem aber nicht lösen können. Niemand geht aufs Land, wenn es dort keinen Job für den Partner und keine guten Schulen für die Kinder gibt.

Deshalb plädiere ich für mehr Ehrlichkeit gegenüber der Bevölkerung in dieser Debatte. Den klassischen Allgemeinmediziner müssen wir auch künftig vor Ort haben. Aber der Facharzt um die Ecke wird angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung auf dem Land immer seltener werden. Denkbar ist eine Konzentration von Spezialisten in größeren Orten. Es ist dann auch Aufgabe der Krankenkassen zu organisieren, dass die Patienten dort auch hinkommen.

Die Patienten bemerken einen Mangel an Fachärzten an zu langen Wartezeiten. Die große Koalition will das Problem mit Service-Stellen lösen. Warum sind Sie dagegen?

Man darf das Problem nicht überdramatisieren. Stellt ein Arzt bei einer Untersuchung fest, dass dringend eine Überweisung nötig ist, erhält der Patient schon heute in 90 Prozent der Fälle innerhalb einer Woche einen Termin beim Facharzt. Ein gesetzlicher Eingriff ist unnötig.

Es gibt das Problem also gar nicht?

Das Problem ist ein anderes. Wenn ein Patient direkt beim Hautarzt anruft und kurzfristig um ein Screening bittet, wird er mehrere Wochen warten müssen. Klar, dass das für Frust sorgt. Aber dieses Problem werden Sie auch mit Service-Stellen nicht lösen können. Unbegrenzte Leistungsversprechungen und gedeckelte Ausgaben – das kann nicht gehen.

Die Politik hat noch etwas Neues entdeckt: Pay-for-Performance, also eine erfolgsorientierte Vergütung. Wie kann man den Erfolg einer ärztlichen Leistung messen?

Das ist extrem schwierig. Nehmen Sie eine Blinddarm-OP. Für einen 18-Jährigen ist der Eingriff weniger belastend, da geht es allenfalls darum, dass die Narbe klein ist. Bei einer 80-Jährigen, die schon durch eine andere Krankheit stark geschwächt ist, geht es ums Überleben.

Geplant ist ein neues Qualitätsinstitut, das alle Daten über die Behandlungen von Millionen Versicherten zusammenführt, um am Ende Schwachstellen zu entdecken. Die Ärzteschaft will unbedingt beteiligt werden. Warum das, wenn Sie nicht an die Qualitätsmessung glauben?

Qualität in der Medizin können Sie weder mit einem Gerät messen noch so, wie das vielleicht ein Automobilclub mit Fahrzeugen macht. Es handelt sich wirklich um eine sehr komplexe Materie. Da haben wir auch in der Wissenschaft noch keinen Konsens.

Die Politik und die Krankenkassen wollen die Ergebnisse des Qualitätsinstituts vor allem dazu nutzen, bei den Kliniken die Spreu vom Weizen zu trennen, um das Überangebot an Betten abzubauen. Das klingt nachvollziehbar.

Es ist aber ein gefährlicher Weg, wenn die Parameter nicht stimmen. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Die Kassen streben an, dass eine Klinik möglichst zu 100 Prozent ausgelastet ist. Neueste Untersuchungen zeigen aber, dass bei einer Auslastung über 92 Prozent die Wahrscheinlichkeit steigt, in einer der Klinik zu sterben, was mit der Arbeitsbelastung des Personals zu tun hat. Das muss man berücksichtigen, wenn man angebliche Überkapazitäten abbauen will.

Warum wird dann so viel und vielleicht sogar auch unnötig operiert?

Die Politik hat der Medizin gegen ihren Willen ein Wettbewerbssystem aufgezwungen. Und nun beschweren sich dieselben Leute, wenn sich Krankenhäuser ökonomisch betrachtet sinnvoll verhalten. Es ist völlig unangebracht, uns jetzt mit der Moralkeule zu kommen. Wir haben immer vor einem solchen System gewarnt. Zu viel Wettbewerb führt zu Verwerfungen, das ist unethisch. Aber jetzt müssen wir mit den Folgen leben.

Die Ärzte operieren also ganz bewusst zu viel?

Natürlich nicht. Aber das Thema eignet sich ja bestens, um mit Ängsten Politik zu machen. Wissen Sie, allein der medizinische Fortschritt lässt die Zahl der Operationen doch schon ansteigen. Bei Aortenklappen haben wir zum Beispiel gegenüber 2005 einen Anstieg im dreistelligen Prozentbereich. Das ist aber kein Wunder, denn diese Methode wurde erst vor zehn Jahren flächendeckend eingeführt.

Kein schlechtes Geschäft für die Ärzte sind auch Vorsorgeuntersuchungen. Der oberste Medizinprüfer der Republik, Jürgen Windeler, hat vor einigen Wochen an dieser Stelle den Sinn vieler Früherkennungstests angezweifelt. Sind Sie sauer darüber?

Ganz und gar nicht. Wir müssen Nutzen und Risiko der Vorsorgeuntersuchungen stärker hinterfragen als bisher, zumal oft nur die erreicht werden, die sich ohnehin um ihren Körper kümmern. Und Studien zu Screeningprogrammen zeigen, dass sich die Zahl der Todesfälle statistisch betrachtet nur marginal senken lässt.

Die Befürworter lehnen eine offene Erörterung ab, um Patienten nicht abzuhalten.

Man kann derartige Debatten heutzutage nur in völliger Transparenz und Offenheit führen. Nötig ist eine wissenschaftliche Analyse aller Statistiken, die es zu den Vorsorgeuntersuchungen gibt, um das Verhältnis von Nutzen und Risiko besser zu bestimmen. Und dann müssen wir die Patienten umfassend aufklären. Das sind wir ihnen schuldig.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.