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Aktionäre kritisch: Deutsche Bank will Schlussstrich unter Vergangenheit ziehen

John Cryan

Der Chef der Deutschen Bank: John Cryan.

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AFP

Berlin -

Gemütlich dürfte sie werden – so die Erwartung von Experten im Vorfeld der Hauptversammlung des größten deutschen Geldhauses am Donnerstag. Zumindest für Deutsche-Bank-Verhältnisse. Auf dem Messe-Vorplatz gibt es vereinzelt Proteste, in der Frankfurter Festhalle besinnt sich Vorstandschef John Cryan auf die deutschen Wurzeln. „Über Monate hinweg haben wir Optionen gegeneinander abgewogen. Wir haben diesem Projekt einen Namen gegeben, und zwar ‚Oaktree‘ – also die ‚Eiche‘“, sagt er zur künftigen Ausrichtung des Instituts mit fast 150-jähriger Geschichte. In drei Geschäftsbereichen will die Deutsche Bank wachsen: Unternehmens- und Investmentbank, Privat- und Firmenkundenbank und Deutsche Asset Management. Und in Zukunft nur noch positiv auffallen.

Der Hashtag #PositiverBeitrag, auf Englisch #PositiveImpact, soll den alten – und oft verballhornten - Werbespruch „Leistung aus Leidenschaft“ ablösen. Er war nach den unzähligen Skandalen, in die die Deutsche Bank verwickelt war, wohl schon lange nicht mehr tragbar. Zur Illustration der neuen Kampagne lässt Cryan einen Film einspielen. In ihm wird der Wunsch geäußert, dass die Deutsche Bank sich endlich wieder traue, „nach draußen zu gehen.“ Vorsichtshalber hat sich das Geldhaus den Begriff ,,NegativeImpact'' gleich mitgesichert.

Korruptionsvorwürfe gegen Odebrecht

Der Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre will den Vorstand unter anderem nicht entlasten, da die Deutsche Bank ein Konsortium europäischer Geldhäuser anführe, das bereits über 300 Millionen US-Dollar für den Bau von zwei Kohlekraftwerken in Punta Catalina, Dominikanische Republik, bereitgestellt habe. Das Gesamtprojekt im Volumen von zwei Milliarden US-Dollar soll von der brasilianischen Baufirma Odebrecht realisiert werden, die in Lateinamerika in einen Korruptionsskandal von gigantischem Ausmaß verwickelt ist.

Enrique de León vom Komitee CNLCC, das sich dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben hat, ist eigens von der Dominikanischen Republik nach Frankfurt gereist, um von der Deutschen Bank einen Ausstieg aus dem Projekt zu fordern. Zumal das Geldhaus im vergangenen Jahr beschlossen habe, seine Finanzierungen im Kohlebereich einzuschränken, sagt er der Frankfurter Rundschau. Viktoriya Borysova, Leiterin Nachhaltigkeit bei der Deutschen Bank, habe ihm bei einem Treffen am Vortag der Hauptversammlung berichtet, die Bank untersuche die Korruptionsvorwürfe gegen Odebrecht. Die Deutsche Bank bestätigt, dass sie eine ortsansässige und eine internationale Kanzlei mit der Prüfung beauftragt habe.

Absetzung Achleitners gefordert

Kritisch äußern sich auch zahlreiche Aktionäre bei der Hauptversammlung. Gerade einmal zehn Minuten dauert es, bis Aufsichtsratsvorsitzender Paul Achleitner erstmals von Zwischenrufen unterbrochen wird. Ein Aktionär fordert die Absetzung Achleitners als Versammlungsleiter, die Mehrheit der Anteilseigner spricht sich aber für ihn aus und die Veranstaltung wird fortgesetzt. Achleitner bewirbt sich um eine zweite fünfjährige Amtszeit. Sein Problem: Er hat den Posten bereits im Juni 2012 übernommen. Einige lasten ihm das Fehlverhalten des Managements in der Vergangenheit daher direkt an.

Die zahlreichen Skandale, unter anderem die Manipulationen des Interbanken-Zinssatzes Libor, haben nicht nur die beiden ehemaligen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen hinweggefegt. „Fast sieben von zehn Leuten, die in unserer obersten Führungsmannschaft sitzen, sind heute neu in ihren Positionen", sagt der neue Vize-Chef Marcus Schenck in einer Reportage von "ZDFzoom", die das Zweite am Vorabend der Hauptversammlung ausgestrahlt hat. Er gehört wie Sylvie Matherat, im Vorstand der Deutschen Bank zuständig für die internen Kontrollen, zur neuen Riege. Die Bank habe eine Art "Elektroschock" gebraucht, sagt Matherat im „ZDFzoom“, damit alle Angestellten der Bank begriffen, dass es der neuen Bankführung ernst sei mit dem neuen Kurs.

Cryan will nicht mehr in der Vergangenheit wühlen

Dieser brachte im ersten Quartal schwarze Zahlen, Investoren haben der Deutschen Bank acht Milliarden Euro frisches Kapital anvertraut. Union Investment zieht daher positive Bilanz der Arbeit des Vorstandschefs. „Die Exzesse der Vergangenheit kann man Cryan nicht anlasten“, sagt sie. Auch Achleitner habe „sehr viel umgebaut“. Die Herrscherfamilie von Katar und der chinesische Mischkonzern HNA, der jüngst seinen Anteil auf knapp zehn Prozent ausgebaut hat, als Großaktionäre stehen, so wird gemunkelt, ebenfalls hinter Achleitner.

Eine kritische Aktionärin hatte Sonderprüfungen, vor allem zum Libor-Skandal und zur Geldwäsche-Affäre in Russland gefordert. Cryan will indes nicht mehr in der Vergangenheit wühlen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass weitere Prüfungen derselben Vorgänge wesentlich neue Erkenntnisse bringen“, sagt er auf der Hauptversammlung. Auch die Aktionäre wollen einen Neustart: Sie sollen für das vergangene Jahr eine Mini-Dividende von 19 Cent je Aktie erhalten. Für das laufende Jahr hat die Bank mindestens elf Cent je Aktie in Aussicht gestellt.