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Alba-Chef Eric Schweitzer tritt als Präsident der IHK ab

Bitte sehr: Nach zwölf Jahren gibt Eric Schweitzer sein Ehrenamt ab.

Bitte sehr: Nach zwölf Jahren gibt Eric Schweitzer sein Ehrenamt ab.

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Berliner Zeitung/Matthias Günther

Es ist ein Abschied vom Amt, aber kein Abschied von der Sache: Am Montag wird Eric Schweitzer, der Präsident der Berliner Industrie- und Handwerkskammer, zurücktreten. Es übernimmt Beatrice Kramm, promovierte Juristin sowie TV- und Filmproduzentin.

Zweieinhalb Amtszeiten wird Schweitzer dann die traditionell sich stark in das Politik- und Wirtschaftsleben der Stadt einbringende Kammer geführt haben. Fast zwölf Jahre war der Chef des Recyclingunternehmens Alba der erste Mann in der IHK, und man darf davon ausgehen, dass es in der Sitzung der Vollversammlung einen Riesenbeifall für den scheidenden Chef geben wird – und das völlig zu Recht.

Der Taktgeber

Eric Schweitzer hat der IHK über die Jahre den Takt vorgegeben und sie weiter profiliert. Als er das Ehrenamt 2004 von Werner Gegenbauer übernahm, war er mit 38 Jahren der jüngste IHK-Präsident in ganz Deutschland – frisch, mit jugendlichem Charme, voller Ideen und völlig unprätentiös: 2004 fuhr er, nach seiner Wahl in Berlin, mit dem eigenen Auto zum Bundestreffen der IHK-Chefs. Da sich niemand vorstellen konnte, dass ein Präsident selbst fährt, wurde er erst mal in den Aufenthaltsraum für die Chauffeure verwiesen.

Ebenso forsch griff der Manager in das Räderwerk der Stadt. Immer wieder forderte er bessere Bedingungen für die Berliner Unternehmen und für potenzielle Investoren. Aus gutem Grund: Berlin war damals keineswegs Spitzenreiter im Wirtschaftswachstum und in der Beschäftigung, stattdessen drohte der Absturz. Die Umstrukturierungen in den 90er-Jahren hatten ihre Spuren hinterlassen. Viele Betriebe waren abgezogen, aufgelöst oder hatten sich auf profitable Kernfelder reduziert beziehungsweise neue gesucht. Das hatte die Arbeitslosigkeit stark nach oben getrieben.

Der Industrie-Förderer

Berlin, so Schweitzers Vision, sollte „schneller und besser“ werden, Berlin dürfe sich „kein kleinkariertes Denken“ leisten. Die Themenliste des gut vernetzten Managers ist über die Jahre lang geworden. Eine große Rolle spielte stets die Entbürokratisierung und Modernisierung der Berliner Verwaltung, die oft als hemmend empfundene Zweistufigkeit von Land und Bezirk. Ein Dauerbrenner, dem niemals der Stoff auszugehen scheint. Schweitzer setzte sich stark für Privatisierungen und für private Investoren ein – in der Erkenntnis, dass sich das finanziell klamme Berlin nicht allzu viele Investitionen selbst leisten kann.

Schon frühzeitig, als der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit noch von den Vorzügen eines großen Dienstleistungsstandorts schwärmte, drängte Schweitzer mitsamt der IHK darauf, der Industrie mehr Beachtung zu widmen, weil ohne sie auch den Dienstleistungen ein Antrieb fehlen würde. Dabei kam es zu einer eher ungewöhnlichen Koalition in Berlin: IHK, Unternehmensverbände sowie die Gewerkschaften mit der IG Metall fanden sich zu einer Art konzertierten Aktion zusammen, um die Industrialisierung in den Fokus der Stadt und der Politik zu bringen. Mittlerweile ist die Branche Thema des Steuerungskreises Industriepolitik, das beim Regierenden Bürgermeister Michael Müller angesiedelt ist. Schweitzer drängte zudem darauf, die großen wissenschaftlichen Potenziale der Stadt besser mit der Industrie zu verknüpfen.

Allerdings hat die IHK hier jüngst schon wieder Defizite beklagt. Die Kritik ging direkt an die Adresse der amtierenden Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer – ein ebenso starker Charakter wie Schweitzer und dessen umtriebiger Hauptgeschäftsführer Jan Eder, ohne den vieles in der IHK nicht laufen würde. Schweitzer pflegt sein Verhältnis zur Senatorin als „professionell“ zu bezeichnen. Mehr als das wird es auch nicht mehr werden. Die Beziehung zwischen IHK und Senatorin gilt als zerrüttet – unter anderem wegen Streitereien um die Besetzung des Aufsichtsrats der landeseigenen Messe AG. Was umso mehr erstaunt, da man meinen sollte, mit einer wirtschaftsfreundlichen CDU-Senatorin sei größere Übereinstimmung möglich. Der ehemalige Wirtschaftssenator der Linken, Harald Wolf, kam da in der IHK-Beurteilung deutlich besser weg.

Wirken im Hintergrund

Unter Schweitzers Führung hat sich die Berliner IHK außerdem zu einem Think Tank der Stadt entwickelt. Von der Kammer, oft in Kooperationen mit anderen Einrichtungen, kamen und kommen viele Konzepte, Denkanstöße und strategische Überlegungen, die man eher aus der Politik erwartet. Da ging es um Wachstumsstrategien, Wissens- und Technologietransfer, Digitalisierung, aber auch Strom- und Wasserpreise. Vor einigen Monaten erst legte die IHK gemeinsam mit dem Berlin-Institut die Studie „Berlin 2030“ vor: Ein Werk, das die aktuelle Lage, Potenziale und mögliche Entwicklung einer smarten City anhand von acht Megatrends beschreibt. Und ein absolut notwendiges Werk, wie die aktuelle Entwicklung beweist.

Berlin wächst schneller als gedacht, und damit wachsen auch die Herausforderungen, die sich im Wohnungsbau, im Verkehr, in der Infrastruktur ergeben. Mit dem immerwährenden Streit mit Gewerkschaften und Politikern, ob die Berliner Wirtschaft wirklich ausreichend für Ausbildung und den eigenen Fachkräftenachwuchs tut, wird sich seine Nachfolgerin Beatrice Kramm sicherlich noch oft genug beschäftigen müssen.

Jetzt, da Eric Schweitzer sich mehr auf die Führung seines Unternehmens, die Alba Group, und auf seine Tätigkeit als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) konzentrieren will, ist Berlin vom Schlusslicht der Wirtschaftsentwicklung zum Spitzenreiter unter den Bundesländern aufgestiegen. Das ist auch ein Verdienst der IHK mit Schweitzer an der Spitze. Beim Familien-Unternehmen Alba steht aktuell der Einstieg eines Investors bevor, der DIHK als Dachorganisation aller Kammern ist in Zeiten zahlreicher Krisen in der Welt und einer unsicheren Konjunkturlage ein gefragter Partner der Politik. Schweitzer bleibt aber im Präsidium der IHK. Der Berliner Wirtschaft geht der 50-Jährige als engagierter Streiter also nicht verloren.


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