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Arbeitsbelastung: Geringverdiener arbeiten oft zu viel

Viele Geringverdiener arbeiten 50 Stunden und mehr in der Woche.

Viele Geringverdiener arbeiten 50 Stunden und mehr in der Woche.

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Andreas Arnold

Extrem lange Arbeitszeiten sind ein Gesundheitsrisiko. Diese Erkenntnis gilt unter Arbeitsmedizinern als gesichert. Das deutsche Arbeitszeitgesetz schreibt deshalb auch vor, dass die wöchentliche Arbeitszeit im Durchschnitt nicht länger als 48 Stunden sein darf. Wenn Beschäftigte eine Zeit lang mehr Überstunden leisten, muss die Firma ihnen innerhalb eines Jahres einen Freizeitausgleich gewähren.

Doch diese Schutz-Vorschrift wird offenbar oft ignoriert, sagt Karl Brenke, Arbeitsmarkt-Experte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er hat sich die Situation von Geringverdienern genauer angeschaut und ist zu dem Ergebnis gekommen: Fast 900.000 Vollzeitbeschäftigte mit Niedriglöhnen arbeiten 50 Wochenstunden oder mehr.

Für seine Studie hat er Daten des Sozioökonomischen Panels ausgewertet. In der repräsentativen Befragung wurden die Menschen gefragt, wie lange sie üblicherweise erwerbstätig sind. Möglich, dass einige Beschäftigte nicht über Jahre 50 Stunden und mehr arbeiten. Bei anderen dürfte dies aber der Fall sein.

Deshalb sei der Gesetzgeber gefragt, betont Brenke: Er müsse kontrollieren, ob die von ihm beschlossenen Vorschriften auch eingehalten werden. Bei Kraftfahrern, die sehr oft extrem lange hinterm Steuer sitzen, geschehe dies. Im Gastgewerbe, wo Kellner oder Köche ebenfalls häufig sehr lange im Einsatz sind, werde dagegen seltener kontrolliert.

Schlafstörungen und Rückenschmerzen

Arbeitsschutz-Fachleute beklagen schon länger, dass die Arbeitszeit-Debatte eine Schieflage hat: Die Diskussion orientiere sich oft ausschließlich an wirtschaftlichen Kriterien, „ohne dabei gesundheitliche Effekte für die Beschäftigten zu berücksichtigen“, heißt es in einem Papier der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Dabei sei bekannt, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen parallel zur Dauer der Arbeitszeit zunehmen. Diese Erkenntnis „kann als abgesichert betrachtet werden“, heißt es in der Analyse der staatlichen Forschungseinrichtung, die das Bundesarbeitsministerium berät.

So hätten Menschen mit langen Arbeitszeiten öfter Schlafstörungen, Rückenschmerzen und Herzbeschwerden. Dies zeigten deutsche und europäische Erhebungen. Auch die Unfallgefahr steige. „Wahrscheinlich begünstigen lange Arbeitszeiten weiterhin gesundheitsschädliche Verhaltensweisen wie den Konsum von Genussmitteln (Alkohol, Zigaretten) sowie eine ungesunde Gewichtszunahme durch falsche Ernährung und mangelnde Bewegung“, betonen die Forscher.

Das DIW hat sich auch die Arbeitszeiten von Geringverdienern mit einer Teilzeitstelle angesehen. Auch hier gilt: Sie arbeiten im Schnitt länger als andere Teilzeit-Beschäftigte. Gleichzeitig würden viele gern ihre Arbeitszeit aufstocken, auch wenn die Löhne nicht allzu sehr steigen, berichtet Brenke. Dies betreffe mehr als die Hälfte dieser Arbeitnehmer. „Hier haben wir eine verdeckte Unterbeschäftigung“, schreibt der DIW-forscher.

Geringer Anteil an Aufstockern

Insgesamt gab es in Deutschland im Jahr 2010 rund 7,3 Millionen Geringverdiener. Vollzeitbeschäftigte verdienten im Mittel 7,18 Euro brutto in der Stunde. Bei Minijobbern waren es sogar nur 5,95 Euro. Trotzdem sind die meisten Niedriglohn-Beschäftigten nicht auf Hartz IV angewiesen, fand das DIW heraus. Lediglich jeder Achte erhalte zusätzlich zu seinem Gehalt Arbeitslosengeld II. Denn oft leben die Menschen in Haushalten, in denen es weitere Erwerbstätige gibt. Andere beziehen zusätzlich eine Rente oder Bafög.

Unter den Vollzeitbeschäftigten seien sogar nur sieben bis acht Prozent auf Hartz IV angewiesen. Insgesamt seien etwa 230.000 Vollzeitkräfte mit Niedriglöhnen Aufstocker. Meist handle es sich dabei um Beschäftigte, die in einem größeren Haushalt leben. „Alleinstehende Vollzeitkräfte, die Hartz IV bekommen, sind rare Ausnahmen“, heißt es in dem Bericht. Die Fallzahlen in der repräsentativen Umfrage seien so gering, dass man sie nicht hochrechnen und eine Prozentzahl nennen könne, erläutert Brenke.

„Eine Vollzeittätigkeit bewahrt Alleinstehende fast immer vor sozialer Bedürftigkeit.“ Deshalb laufe das Argument, Deutschland brauche einen Mindestlohn, damit zumindest Vollzeit-Beschäftigte von ihrem Job leben können, ins Leere.