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Arbeitskampf im internationalen Vergleich: Deutschland, das streikarme Land

Mitglieder der Lokführer-Gewerkschaft GDL stehen am 14.04.2011 im Hauptbahnhof in Hamburg.

Mitglieder der Lokführer-Gewerkschaft GDL stehen am 14.04.2011 im Hauptbahnhof in Hamburg.

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dpa

Sollten die Lokführer in den nächsten Tagen tatsächlich streiken, ist ihnen große öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Schließlich sind viele Reisende, aber auch Unternehmen betroffen, wenn Züge ausfallen. Die Arbeitgebervereinigung BDA warnt seit Jahren, durch Berufsgewerkschaften drohten „englische Verhältnisse mit ständigen Arbeitskämpfen“. Tatsächlich wird in Deutschland allerdings relativ selten gestreikt.

Früher legten Beschäftigte hierzulande viel öfter die Arbeit nieder als heute. So fielen in den 1980er Jahren im Durchschnitt rund 527 000 Arbeitstage pro Jahr wegen Streiks aus. Die Zahl der Streiktage ist seitdem kontinuierlich auf zuletzt rund 60 000 gesunken. Das geht aus Daten der Bundesagentur für Arbeit hervor. Die Berufsgewerkschaften, die seit 2001 eigenständig Arbeitskämpfe organisieren, haben den Trend zu weniger Streiktagen nicht gestoppt.

Viele Streiks in Frankreich

Auch im internationalen Vergleich ist Deutschland ein streikarmes Land. Zuletzt gab es hierzulande jährlich rund 15 Streiktage pro 1 000 Beschäftigten, schätzt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Die Bundesagentur für Arbeit kommt auf eine noch geringere Rate von nur vier Tagen. In Großbritannien gab es dagegen zuletzt 24 Streiktage, in Dänemark waren es sogar 123, in Kanada 145 und in Frankreich 162. Auch in Finnland, Spanien, Belgien, Italien und Norwegen gibt es mehr Arbeitsniederlegungen als hierzulande. Ähnlich streikarm wie Deutschland sind Schweden und Polen, noch weniger Konflikte wurden in der Schweiz und in Österreich registriert.

Und was hat es mit den „englischen Verhältnissen“ auf sich? Damit ist die Lage in Großbritannien in den 1970er Jahren gemeint. Damals gingen dort pro Jahr rund 570 Arbeitstage je 1 000 Beschäftigte verloren, berichtet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft.

Anders formuliert: Damals wurde in Großbritannien in knapp anderthalb Wochen so viel gestreikt wie heute in Deutschland in einem ganzen Jahr. Von „englischen Verhältnissen“ ist Deutschland also weit entfernt. Auch das könnte ein Grund sein für die große Aufmerksamkeit, die hierzulande Ausständen geschenkt wird: Weil machtvolle Streiks ein seltenes und damit besonderes Ereignis sind, erregen sie Aufsehen.



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