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Arbeitskampf: Warum deutsche Beschäftigte 2015 öfter gestreikt haben als sonst

2015 streikten Beschäftigte so viel wie seit elf Jahren nicht mehr.

2015 streikten Beschäftigte so viel wie seit elf Jahren nicht mehr.

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dpa

Berlin -

Im Februar legen Metaller die Arbeit nieder, im Frühjahr streiken Lehrer und Lokführer, Piloten und Erzieherinnen, später folgen Paketzusteller und Flugbegleiter: Im vergangenen Jahr haben Beschäftigte ungewöhnlich häufig ihren Arbeitsplatz verlassen, um für ihre Belange zu kämpfen. Insgesamt fielen rund zwei Millionen Arbeitstage wegen Streiks aus, schätzt die Hans-Böckler-Stiftung in ihrer Streikbilanz für 2015, die sie an diesem Donnerstag veröffentlicht und die dieser Zeitung vorab vorliegt. Das ist die höchste Zahl an Ausfalltagen, die die gewerkschaftsnahe Stiftung seit Beginn ihrer Streikstatistik im Jahr 2004 erfasst hat.

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Der Rekord ist vor allem auf zwei Arbeitskämpfe zurückzuführen, erläutert Heiner Dribbusch, Tarif- und Streikexperte der Böckler-Stiftung: 1,5 der zwei Millionen Streiktage entfielen auf die wochenlangen Ausstände im Sozial- und Erziehungsdienst sowie bei der Post.

Einen Grund für die hohe Streikzahl sieht der Arbeitsmarktforscher Gerhard Bosch in der besseren Beschäftigungssituation: „Viele Arbeitnehmer fassen Mut, für ihre Ansprüche zu kämpfen“, sagt der Seniorprofessor an der Uni Duisburg-Essen. Gleichzeitig ist es oft schwieriger geworden, Verbesserungen durchzusetzen. Viele Arbeitnehmer kämpfen sogar gegen Verschlechterungen.

Beispiel Post: Früher hatte die staatliche Bundespost ein Monopol, es gab einen Tarifvertrag für alle Postler. Dann wurde das Unternehmen privatisiert und der Markt für andere Firmen geöffnet. Im Zuge der Liberalisierung wurde kein allgemeinverbindlicher Branchen-Tarifvertrag vereinbart, an den sich alle Firmen halten müssen. Stattdessen gibt es heute in der Postbranche rund 120 Tarifverträge mit der Gewerkschaft Verdi, berichtet Dribbusch. Für viele Beschäftigte gilt gar kein Tarifvertrag, etwa, weil die Paketzustellung an Subunternehmen ausgelagert ist.

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So können sich Firmen mit niedrigeren Löhnen große Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Ex-Staatskonzern verschaffen. Gerade in der boomenden Paketzustellung beklagte das Post-Management im vorigen Jahr massive Wettbewerbsnachteile – die Post-Löhne seien doppelt so hoch wie in Konkurrenzbetrieben. Also gründete die Post Tochterfirmen unter dem Namen DHL Delivery, in denen die Gehälter laut Verdi bis zu 20 Prozent niedriger sind als im Mutterkonzern. Befristet Beschäftigte, deren Vertrag bei der Post auslief, konnten sich um feste, aber schlechter bezahlte Jobs bei Delivery bewerben. Die Gewerkschaft sprach von Tarifflucht und Vertragsbruch und rief die Beschäftigten im Sommer zu einem unbefristeten Arbeitskampf auf.

Einen Monat streikten Zusteller. Am Ende gelang es Verdi, unbefristet beschäftigte Post-Angestellte besser abzusichern. Die Billig-Tochterfirmen bleiben jedoch bestehen und sollen weiter wachsen. Mittlerweile sind nach Konzernangaben 7600 Paketzusteller direkt bei der Post beschäftigt und rund 9000 bei DHL Delivery, zu niedrigeren Gehältern.

  1. Warum deutsche Beschäftigte 2015 öfter gestreikt haben als sonst
  2. „Ohne Konflikt ist nichts zu erreichen“
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