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Arbeitskosten in Deutschland: Ostdeutschland hinkt weiter hinterher

Viele Unternehmen in der gesamten Ost-Wirtschaft zahlen keinen Tariflohn.

Viele Unternehmen in der gesamten Ost-Wirtschaft zahlen keinen Tariflohn.

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dpa

Die Kosten für eine geleistete Arbeitsstunde sind in Ostdeutschland immer noch weit niedriger als im Westen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrugen sie 2012 in den neuen Bundesländern durchschnittlich 23,45 Euro über alle Branchen hinweg. Im Westen lag der Wert bei 31,94 Euro. Das ist ein Unterschied von fast 27 Prozent. Besonders groß ist demnach der Abstand in der Industrie: Dort liegen die Arbeitskosten im Osten mit fast 38 Prozent mehr als ein Drittel niedriger als im Westen. Die Arbeitskosten enthalten die effektiven Bruttolöhne und -gehälter einschließlich aller Sonderleistungen und den Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungen.

Zu wenig Forschung

Konjunkturexperte Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) führt den krassen Unterschied auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen auf die Höhe der gezahlten Löhne. Zwar sei in den neuen Bundesländern die tarifliche Angleichung zu einem großen Teil gelungen. So wird in der Metall- und Elektroindustrie seit vielen Jahren gleiches Geld wie im Westen gezahlt, allerdings muss im Osten auch länger dafür gearbeitet werden.

Zudem zahlen viele Unternehmen in der gesamten Ost-Wirtschaft keinen Tariflohn: Nur knapp die Hälfte der Beschäftigten ist in einer Firma tätig, die eine sogenannte Tarifbindung hat. Der übrige Teil wird in aller Regel, von außertariflichen Regelungen abgesehen, deutlich unter den Tarifbedingungen der jeweiligen Branche entlohnt. Mit einer geringeren Lohnhöhe fallen auch weniger Abgaben für die Sozialversicherungen an, woraus sich ebenfalls ein Teil des Unterschieds bei den Arbeitskosten erklärt.

Dieses Gefälle drücke aber auch die unterschiedliche Leistungsfähigkeit und Produktivität der Unternehmen aus und belege die unterschiedliche Struktur der Arbeitsplätze, sagt Konjunkturforscher Ludwig. Die Bruttowertschöpfung der Unternehmen in Ostdeutschland ist im Durchschnitt deutlich geringer als bei den Firmen im alten Bundesgebiet, womit auch nicht solch hohe Löhne gezahlt werden können.

Die höherwertigen Arbeitsplätze seien in der überwiegenden Mehrzahl im Westen zu finden. Die Wertschöpfung wiederum ist unter anderem abhängig von der Marktposition des Unternehmens, so Ludwig. Wer gut im Markt vertreten sei, könne auch höhere Preise durchsetzen: „Wer eine schwache Marktposition hat, dem werden die Preise diktiert“. Das schlägt sich auch in den Löhnen und Gehältern nieder, die gezahlt werden können.

Zu wenig Großunternehmen im Osten

Das Statistische Bundesamt verweist in seiner Erklärung darauf, dass als Ursache für den „erheblichen und beständigen Arbeitskosten-Unterschied im Verarbeiten Gewerbe, also in der Industrie, häufig die Größe der Unternehmen genannt werde. So seien in der Branche die Arbeitskosten großer Unternehmen mit 1000 und mehr Mitarbeitern sowohl in Ost wie in West etwa doppelt so hoch gewesen wie die Arbeitskosten kleiner Firmen mit zehn bis 49 Beschäftigten.

Im Westen arbeite jedoch gut ein Drittel der Beschäftigten in einem größeren Unternehmen, während dieser Anteil im Osten nur 14 Prozent betrage. IWH-Experte Ludwig sagt dazu, dass große Firmen ihre Kosten je Produkt niedriger halten können als kleine Firmen. „Und im Osten sind einfach zu wenig Großunternehmen“, so Ludwig. Auch der vergleichsweise niedrige Forschungs- und Entwicklungsanteil im Osten spiele eine erhebliche Rolle. Forschung und Entwicklung seien ungemein wichtig, wenn man mit neuen Produkten den Markt erobern wolle. Aber auch hier habe der Osten einen Nachteil.

Insgesamt, so betont Ludwig, sei der Unterschied bei den Arbeitskosten und vor allem die zum Erliegen gekommene Angleichung zwischen Ost und West ein „Zeichen der wirtschaftlichen Schwäche Ostdeutschlands und vor allem der Strukturschwäche der neuen Bundesländer“ – zu viele sogenannte verlängerte Werkbänke im Osten, zu wenig Neuentwicklungen, zu geringe Exportfähigkeit, zu starke Orientierung auf den – schrumpfenden – Binnenmarkt. Die Einbrüche nach der deutschen Einheit seien in der Industrie nur ein wenig aufgeholt werden. „Der wirtschaftliche Aufholprozess ist ins Stocken geraten“, so Ludwigs Fazit, „der Abstand zwischen Ost und West zementiert sich“.


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