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Arbeitslose in Deutschland: Arm trotz Jobwunder

Die Schattenseite des Arbeitsmarktes: Nicht nur Reinigungskräfte, auch Freiberufler in der Medien- und Kreativbranche verdienen oft wenig Geld.

Die Schattenseite des Arbeitsmarktes: Nicht nur Reinigungskräfte, auch Freiberufler in der Medien- und Kreativbranche verdienen oft wenig Geld.

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reuters/Christian Charisius

In Deutschland hat die Beschäftigung einen Rekordwert erreicht, die Zahl der Erwerbstätigen steigt seit Jahren. Trotz des viel gepriesenen „Jobwunders“ ist die Zahl der armen Menschen hierzulande nicht gesunken. Unter den Erwerbstätigen gibt es sogar mehr armutsgefährdete Männer und Frauen als in den vergangenen Jahren. Das zeigen Daten, die das Statistische Bundesamt am Dienstag veröffentlicht hat.

Insgesamt war in Deutschland zuletzt fast jede sechste Person armutsgefährdet, das sind 13 Millionen Menschen, berichten die Statistiker. Die Armutsquote war damit ebenso hoch wie im Vorjahr und etwas höher als 2008.

Unter den Arbeitslosen sind seit langem besonders viele Menschen in einer finanziell prekären Situation. Fast 70 Prozent waren zuletzt armutsgefährdet. Auch viele Alleinerziehende und alleinstehende Personen verfügen über wenig Geld (siehe Grafik). Dabei hat sich die Situation von Alleinerziehenden zuletzt ein wenig verbessert. Innerhalb von vier Jahren sank der Anteil der armutsgefährdeten Alleinerziehenden von 43 auf 35 Prozent. Der Ausbau der Kinderbetreuung dürfte Frauen geholfen haben, einen Job anzunehmen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Allerdings ist Berufstätigkeit längst nicht mehr eine Garantie für ein ordentliches Einkommen. So waren zuletzt 8,6 Prozent aller Erwerbstätigen armutsgefährdet, also fast jeder Zehnte. Vier Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 6,8 Prozent. Weiter zurück reicht die Zeitreihe des Statistischen Bundesamts nicht. Nach einer anderen Erhebung, die die europäische Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht hat, waren 2005 weniger als fünf Prozent aller Erwerbstätigen armutsgefährdet.

Risiko Befristung

Als armutsgefährdet gelten Menschen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Zuletzt lag dieser Schwellenwert bei 979 Euro pro Monat für einen Single. Berücksichtigt werden dabei alle Einkommen wie Löhne, Kapitaleinkünfte und Sozialleistungen. Die jetzt veröffentlichten Daten des Statistischen Bundes wurden im vorigen Jahr erhoben und beziehen sich auf die Einkommen der Menschen im Jahr 2012.

Arm trotz Jobwunder – dafür gibt es mehrere Gründe: Deutschland hat inzwischen einen großen Niedriglohnsektor, viele Menschen sind prekär beschäftigt. So sind Arbeitnehmer mit einer befristeten Stelle sehr häufig armutsgefährdet, hier liegt der Anteil bei 17 Prozent, erläutert der Forscher Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, der Daten von Eurostat ausgewertet hat.

Der Forscher vermutet, dass auch viele Schein-Selbstständige armutsgefährdet sind, die beispielsweise am Bau tätig sind, in sozialen Einrichtungen oder in der Medienbranche.

Auch wenn Beschäftigung nicht mehr sicher vor Armut schütze, bleibe der Anreiz bestehen, einen Job anzunehmen, betont der Wissenschaftler Seils. Denn das Armutsrisiko von Arbeitslosen sei in Deutschland weiterhin extrem hoch – und auch höher als in allen anderen Ländern in Europa.