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Automatisierung: Roboter ersetzen Menschen in der Hälfte aller Berufe

Roboter können vieles besser als Menschen, sagt zumindest eine britische Studie.

Roboter können vieles besser als Menschen, sagt zumindest eine britische Studie.

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Jim/Fotolia

Wir möchten heute Kalbshaxe mit Kartoffelgratin. Mehr Informationen braucht die Armbanduhrmobiltelefonkreditkartenonlinekamera nicht, um alles in die Wege zu leiten. Der Kühlschrank wird per Funk gefragt, was vorrätig ist. An den Roboter im Kühlraum des Lebensmittelmarktes ergeht der Auftrag, die fehlenden Zutaten einzusammeln und über Förderbänder in einen mit Sensoren vollgestopften Kleintransporter zu verladen, der seinerseits fahrerlos zum gewünschten Zeitpunkt die Lieferadresse ansteuert. Nur das Kochen besorgt noch der Mensch und das Essen. Lebensmittelhändler, Kassierer und Lagerarbeiter, Einkäufer, Buchhalter und Ausfahrer aber hat es die längste Zeit gegeben. So wird es kommen. Schon bald.

Das jedenfalls sagen zwei Ökonomen der britischen Oxford-Universität voraus, die sich mit der Arbeitswelt in einer immer stärker automatisierten Zukunft befasst haben. Kernthese der Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne: Der technologische Fortschritt gewinnt an Tempo und wird in nie gekanntem Maße menschliche Arbeitskraft ersetzen. Auf Grundlage eingehender Analysen von mehr als 700 Berufen in Nordamerika prognostizieren die Experten bis 2035 beispiellose Arbeitsplatzverluste:

47 Prozent aller Jobs in den USA könnten demnach in den kommenden beiden Jahrzehnten verloren gehen. Anders als bei früheren Automatisierungsprozessen seien davon nicht nur einfache Tätigkeiten betroffen, auch viele hoch qualifizierte Beschäftigte dürften von der digitalen Konkurrenz verdrängt werden. Weltweit 140 Millionen Vollzeitstellen in anspruchsvollen Berufen könnten nach Schätzung der Forscher in den nächsten Jahren wegfallen.

Technologischer Fortschritt gleich Verlust von Arbeitsplätzen

In vergangenen Epochen seien vor allem mechanische Arbeiten durch Maschinen ersetzt worden, was auch damals schon zu Arbeitsplatzverlustängsten Anlass gab, wie die beiden Autoren durchaus unterhaltsam anhand vieler Beispiele schildern. So soll Elizabeth I., Königin von England, 1589 einem gewissen William Lee die Erteilung eines Patents für eine Strumpfstrickmaschine mit dem Hinweis verweigert haben, die Innovation werde Ihro Majestät Untertanen des Broterwerbs berauben und so zu Bettlern machen.

Aufgehalten hat das den Einzug moderner Maschinen in die Textilindustrie bekanntlich nicht. Ob Buchdruck, Webstuhl, Hochofen, Fließband oder Mähdrescher: Stets sei technologischer Fortschritt mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und der Entwertung einst hoch geschätzter Qualifikationen verbunden gewesen. Zugleich aber habe Automatisierung menschliche Arbeit nicht nur verdrängt, sondern auch neue Aufgaben und Berufsbilder hervorgebracht. Bisher, so die Forscher, glichen die fortschrittsbedingten Beschäftigungseffekte die Arbeitsplatzverluste mehr als aus.

Dieses Muster lässt sich nach Ansicht der Wissenschaftler aber nicht fortschreiben. Denn das Tempo des technologischen Fortschritts bedinge einen rapiden und umfangreichen Abbau mehr oder minder anspruchsvoller Jobs, der nicht durch das Entstehen neuer Arbeitsfelder aufgefangen werde. Dabei gehe es nicht nur um Automatisierungsprozesse in der Industrie, sondern auch um weite Teile des Dienstleistungssektors. So wie einst Fassmacher, Telefonvermittler und Schriftsetzer verschwanden, könnte es demnächst auch Tätigkeiten im Einzelhandel und der Gastronomie, im Taxigewerbe, Bankengeschäft und der Altenpflege treffen. Denn Computer können bereits riesige Datenmengen verarbeiten und daraus passgenaue Lösungen für komplexe Aufgaben entwickeln.

Spaltung des Arbeitsmarktes

Frey und Osborne nennen Beispiele: In Doha, Peking und São Paolo obliegt die Kontrolle der Trinkwasserversorgung sensoren-gestützten Großrechnern. Neueste Programme übernehmen Aufgaben, die bisher von Patentanwälten, Finanzberatern und sogar Computerprogrammierern erledigt werden. Maschinen programmieren Maschinen. Im Bildungsbereich finden sich zahlreiche Anwendungen. Interaktive Programme beantworten nicht nur Fragen, sie erkennen auch Schwächen ihrer „Schüler“ und geben Ratschläge zur Abhilfe. Im New Yorker Memorial Krebsforschungszentrum erstellen digitale „Ärzte“ mit Hilfe von Millionen Datensätzen individuell Diagnosen mit hoher Verlässlichkeit.

Im Grundsatz kann sich dieser Fortschritt als Segen für die Menschen erweisen. Die Frage, die Frey und Osborne stellen, lautet: Werden wir alle weniger arbeiten müssen, oder profitieren einige vom Fortschritt und andere nicht? Sehr optimistisch sind die Forscher nicht: In den letzten 30 Jahren habe der technologische Fortschritt zur Spaltung des Arbeitsmarktes und wesentlich zu den wachsenden Einkommensunterschieden beigetragen.