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Bär & Ollenroth in Rangsdorf: Lernen, arbeiten, ankommen

Auszubildende helfen Praktikanten: Anja Pietsch, Victoria Separant, Henok Mesgena, Torge Gerigk, Erik Janz, Falco Damm und Jessica Wollherr (v. l.).

Auszubildende helfen Praktikanten: Anja Pietsch, Victoria Separant, Henok Mesgena, Torge Gerigk, Erik Janz, Falco Damm und Jessica Wollherr (v. l.).

Henok Mesgena ist vor anderthalb Jahren aus Eritrea nach Deutschland gekommen. Seine Eltern, vier Schwestern und drei Brüder leben noch in dem nordostafrikanischen Land am Roten Meer, einem der ärmsten der Welt. Tausende Menschen sind hier vor lebenslangem Militärdienst, vor Terror, grundlosen Verhaftungen und Verfolgung geflohen. Nach Europa, auch nach Deutschland

„Ich möchte hier leben und arbeiten“, sagt der 28-Jährige leise, „und Geld für meine Familie verdienen“. Vor acht Monaten hat seine Frau eine Tochter geboren, schon hier in Berlin.

Wir treffen ihn im zentralen Lager des Großhändlers Bär & Ollenroth in Rangsdorf, südlich von Berlin. Er überragt seine Freunde um einen Kopf. Als Freunde darf man die jungen Leute schon bezeichnen, obwohl sie Henok noch nicht so lange kennen. Für eine kurze Zeit waren sie Kollegen, und vielleicht werden sie es bald wieder sein. Denn Henok Mesgena hat bei der Firma ein Praktikum absolviert, das ihm möglicherweise die Tür zu einer Ausbildung öffnet. Drei Wochen lang war der junge Mann beim Großhändler für Haustechnik und Industriebedarf, um die Arbeit dort kennenzulernen und zu zeigen, welche Fähigkeiten er hat.

"Gezeigt, dass er wirklich will"

„Aus der Belegschaft war der Wunsch an uns herangetragen worden, etwas für die Geflüchteten zu tun“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Bär & Ollenroth-Gruppe, Bernhard Haider. „Und wir glauben auch, dass Integration am besten über Arbeit geht.“ Deshalb seien fünf Asylbewerber in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur ausgesucht worden, um sich auf Probe im Betrieb vorzustellen.

Lehrling Erik Janz ergänzt: „Die Idee aus der Belegschaft, die hatten wir.“ Wir – das sind in diesem Fall Jugendliche aus dem dritten Lehrjahr. Sie trugen ihre Vorstellungen der Geschäftsführung vor, die dem Vorhaben zustimmte. „Wir hätten auch Sachen für die Flüchtlinge sammeln können“, sagt Jessica Wollherr, angehende Kauffrau im Groß- und Außenhandel, „aber das tun viele. Wir wollten helfen, dass sie Arbeit bekommen und in die Firma integriert werden.“

In einer kleinen Projektgruppe besprachen die künftigen Jungkaufleute, wie man die Praktikanten am ersten Arbeitstag begrüßt, wie man sie über die Zeit begleitet. Die Geschäftsleitung hat der Gruppe die nötige Zeit freigegeben. Torge Gerigk, angehende Fachkraft für Lagerlogistik, übernahm die persönliche Betreuung von Henok Mesgena.

In allen Abteilungen des Großlagers hat Henok Mesgena gearbeitet. „Er hat eine gute Leistung gezeigt“, sagt der stellvertretende Lagerleiter im Logistikzentrum Rangsdorf, Andreas Thätner. „Er ist an alles aufgeschlossen herangegangen und hat gezeigt, dass er wirklich arbeiten will. Das hat auch die Mitarbeiter überzeugt“. Mesgenas Vorteil: Er absolvierte bereits Deutsch-Kurse. Er spricht etwas Deutsch, er versteht es besser. Ohne diese Kenntnisse wäre der Einstieg ganz schwer gefallen.

„Es ist ganz klar“, sagt Jutta Kreins, verantwortlich für Aus- und Weiterbildung bei Bär & Ollenroth, „dass eine Integration nur mit guten Sprachkenntnissen möglich ist“. Darin sind sich alle einig, sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg als Sprachrohr der ansässigen Firmen betonen immer wieder, dass sie bereit sind, Fachkräfte aufzunehmen und auch Qualifizierungen zu leisten. Ohne gute Deutsch-Kenntnisse sei dies aber in den allermeisten Fällen nicht möglich.

Übernahmegarantie für alle Auszubildenden

Aber selbst in bereits mit Bedacht ausgesuchten Fällen – Bär & Ollenroth realisiert das Projekt ja zusammen mit der Arbeitsagentur – kann es schief laufen. Mit Henok Mesgena zusammen hatte ein zweiter junger Mann aus Eritrea angefangen. Aber eben nur angefangen: Dieser hatte Probleme mit dem Lageso in Berlin – der Chaosbehörde, bei der sich die Flüchtlinge registrieren lassen müssen. Der Mann aus Eritrea musste dort auch immer wieder hin und kam nicht dazu, im Praktikum zu arbeiten. Er musste aufgeben. Aber er soll dennoch seine Chance auf ein Praktikum bekommen, sagt Ausbildungsleiterin Kreins.

Das Unternehmen ist in der Berliner Wirtschaft geradezu vorbildlich, was die Ausbildungsbereitschaft angeht. Bei Bär & Ollenroth lernen derzeit rund 120 Lehrlinge. Bei mehr als 1000 Beschäftigten ist das eine Ausbildungsquote von über 12 Prozent, womit die Firma weit über dem Berliner Durchschnitt liegt. Im Normalfall bekommt jeder Auszubildende eine Übernahmegarantie. Der Großhändler ist sicherlich im Vorteil, weil er expandiert. Etliche größere Firmen in Berlin bilden trotz Expansion in viel geringerem Umfang aus.

Wie es mit Henok Mesgena weitergeht, steht noch nicht fest. Zwei neue Flüchtlinge sind nun in Rangsdorf im Praktikum, zwei weitere folgen Ende Februar. Letztlich werden zwei ausgesucht, die dann noch einen harten Weg vor sich haben – und das nicht nur, weil der betriebliche Shuttle-Bus pünktlich jeden Tag um 6.15 Uhr in Berlin abfährt, um die Mitarbeiter zur Arbeit nach Rangsdorf zu bringen. Henok Mesgena kam keinen Tag zu spät. Die beiden Praktikums-Besten werden eine Einstiegsqualifizierung erhalten, dann folgt die eigentliche Ausbildung. Zwei von fünf werden glücklich sein.