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Bauern sehen ihre Existenz bedroht: Das Milch-Preis-Puzzle

Krawatte: Kühe! Ist doch klar – Frank Groß auf der Grünen Woche.

Krawatte: Kühe! Ist doch klar – Frank Groß auf der Grünen Woche.

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berliner Zeitung/Markus Wächter

Frank Groß steht in der Brandenburg-Halle der Grünen Woche vor einer Bühne. Oben sprechen gerade Landwirte mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) über die Agrarwirtschaft Land. Irgendwann kommt die Rede auf die Milchbauern und die drastisch gefallenen Milchpreise. Alle sind sich einig, dass die Situation unbefriedigend ist. Es müsse etwas getan werden. Eine Lösung – die hat aber keiner parat.

Frank Groß, ein groß gewachsener Mann mit dunklem Schnauzer und bunten Kühen auf der Krawatte, ist Vorstand der Agrargenossenschaft Ranzig im Landkreis Oder-Spree. 46 Mitglieder zählt die Genossenschaft, rund 680 Milchkühe und 120 Schweine und Sauen. Etwa 26 Cent pro verkauftem Liter Milch kommen derzeit beim Bauern an, schätzt Groß. Die Bauernverbände nennen 40 Cent als Mindestmarke, um kostendeckend arbeiten zu können.

Russland-Markt ausgefallen

Der Landwirt relativiert diese Zahl etwas. „34 Cent wären momentan schon ein Erfolg“, sagt er, das hieße immerhin, bei null herauszukommen. „Aber damit kann ich nicht in den Betrieb investieren und auch den Beschäftigten nicht mehr Lohn zahlen.“ Momentan verdienen die Bauern nichts an der Milch. Der Bund Deutscher Milchviehhalter beziffert den Schaden der Mitglieder auf vier Milliarden Euro im Jahr.

In den Vorjahren hatte der Milchpreis bei rund 40 Cent gelegen. Als Ursache des Preisverfalls machen Verbände häufig die von der EU 2013 beschlossene Abschaffung der Milchquote verantwortlich, die im vergangenen Jahr in Kraft trat. Die Aufhebung der Mengenregulierung habe zu einer Überproduktion geführt. „Das hat damit nichts zu tun“, sagt Frank Groß hingegen, „wir haben in Deutschland nicht entscheidend mehr Produktion als in den Jahren zuvor.“ Zwar hätten Bauern in den Niederlanden und Großbritannien die Mengen gesteigert, dafür sei die Produktion in anderen Ländern aber etwas zurückgegangen. Innerhalb der EU sei die Milchmenge weitgehend konstant.

„Der Schrei nach der Politik ist populär“, sagt Groß, aber es gebe nun mal keine Patentlösung, keinen Hebel, der sich einfach umlegen lasse. Er skizziert die Situation als Puzzle: „Es gibt viele kleine Teile, die ihren Anteil am Gesamtbild haben.“ Denn was bei den Milchbauern ankommt, darüber bestimmt in Zeiten der Globalisierung auch die aktuelle Lage der Weltpolitik.

Es ist ein erklärtes Ziel der EU-Agrarpolitik, vermehrt auf Exporte zu setzen. Aber die Nachfrage ist derzeit verhalten, die Ausfuhr von Lebensmitteln stagniert. Für die Gründe muss man den Blick über die Grenzen der EU hinaus richten. Zum Beispiel nach Russland. Infolge der Ukraine-Krise 2014 hatte die EU Handelsbeschränkungen gegen Russland erlassen. Russland reagierte darauf mit einem Importstopp westlicher Lebensmittel, darunter auch Milchprodukte. Die deutsche Agrarwirtschaft erlöste 2013 rund 1,6 Milliarden Euro durch Exporte nach Russland. Dieser Markt ist komplett weg. Bauern schätzen, dass der Preis pro Liter Milch allein dadurch um 3 bis 4 Cent gefallen ist.

Stockende Konjunktur in Schwellenländern

Hinzu kommt die stockende Konjunktur in Schwellenländern, die eine zögerliche Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten zur Folge hat. Wie in der Automobilindustrie und anderen Branchen hatte auch die Landwirtschaft besonders große Hoffnungen ins wirtschaftliche Erstarken Chinas gesetzt. Doch der Boom ist ins Stocken geraten, die Kaufkraft zurückgegangen. 2014, sagt Groß, habe China massenhaft Milchpulver importiert, dadurch stieg der Preis. Doch davon liege noch immer eine große Menge auf Lager, die erst abverkauft werden muss.

Zusätzlich drücken die Lebensmittelhändler auf die Preise, der EU-Binnenmarkt macht es ihnen leicht: Ist ihnen die deutsche Milch zu teuer, beziehen sie ihre Bestände von niederländischen Bauern. Und auch weltweit gibt es Konkurrenz, die um neue Märkte buhlt. Neuseeland etwa hat die Milchproduktion drastisch gesteigert und exportiert 95 Prozent seiner Milchprodukte.

Der einzige Vorwurf, den Frank Groß direkt adressiert, trifft die Milchindustrie, also Molkereien, milchverarbeitende Unternehmen und Zulieferer. „Sie haben versäumt, innovativ zu sein“, sagt Groß. Er bezeichnet es als Nachlässigkeit, dass Käse und Joghurt aus Deutschland international nie als Besonderheit angepriesen und so zum Exportschlager aufgebaut worden seien. „Sie hatten das nie nötig, weil sie ihre gewünschten Margen immer bekommen haben.“

Tierbestand reduziert

Das Angebot ist groß, die Nachfrage gering – ein Modell, das keine steigende Preise vorsieht. Wie also reagieren? „Verknappen geht nicht“, sagt Frank Groß, denn dies sei nur durch eine freiwillige Selbstbeschränkung möglich. „Und was habe ich davon, wenn ich die Produktion reduziere und der Nachbar seine dafür hochfährt?“ Brandenburgs Landwirte haben den Bestand um rund 3000 Kühe im vergangenen Jahr reduziert, schätzt Groß. Futtermittel, Stallungen, Mitarbeiter, laufende Kredite: Vieh zu halten, ist kostenintensiv.

Die Agrargenossenschaft Ranzig hat 90 Beschäftigte, der Jahresumsatz liegt bei rund sieben Millionen Euro. Die Genossenschaft ist breiter aufgestellt, produziert Getreide und Futtermittel, das Fleisch aus der Schweinezucht wird direkt vertrieben. So federn die anderen Bereiche die Verluste des Milchgeschäfts etwas ab. Aber auch die Preise auf dem Fleischmarkt sind niedrig, ein Blick in die Kühltheken der Supermärkte genügt, um den Grund zu verstehen. Generell beklagt Groß die in Deutschland zu niedrigen Lebensmittelpreise: „Wir haben kein Gefühl mehr für die Wertschöpfung der Lebensmittel.“ Gesunde und bewusste Ernährung, das klinge gut, sagt Groß, aber wenn es darum gehe, mehr zu zahlen, entpuppe sich vieles als Lippenbekenntnis.

Die Jahresleistung pro Kuh liege in seiner Genossenschaft bei 10.000 Litern. Im letzten Jahr habe jedes Tier ein Minus von 1 000 Euro gemacht – 680 000 Euro in der Summe. „Das ist existenzbedrohend.“ Gehe es so weiter, seien die Folgen eklatant: „Wir sind der größte Arbeitgeber in der ländlichen Region“, sagt Groß, „wenn es uns nicht mehr gibt, stirbt das Dorf komplett.“