Millionen Deutsche Pendeln. Millionen potenzielle Wähler, weiß nicht nur die FDP - und macht sich kurzerhand die Forderung der Automobil-Lobby nach einer Erhöhung der Pendlerpauschale auls Ausgleich für Rekord-Benzinpreise zu eigen. „Dauerhaft höhere Benzinpreise rechtfertigen eine Anhebung der Pendlerpauschale“, sagte FDP-Fraktionsvize Volker Wissing der „Rheinischen Post“.
Das Bundesverfassungsgericht habe festgelegt, dass die Pendlerpauschale erhöht werden müsse, wenn die Benzinpreise dauerhaft höher lägen als zum Zeitpunkt der Festlegung der Pauschale. Diese Festlegung nach dem sogenannten Nettoprinzip sei verfassungsrechtlich geboten.
Damit ist der nächste Koalitionsknatsch vorprogrammiert. Denn Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat zeitgleich seine Sprecherin verkünden lassen, dass eine solche Erhöhung derzeit überhaupt nicht in Frage kommt. „Eine Überprüfung ist im Augenblick bei uns nicht angedacht“, so das Finanzministerium. Diese Forderungen würden regelmäßig erhoben, wenn die Benzinpreise hoch seien. Die Entfernungspauschale sei jedoch eine verkehrsmittelunabhängige Pauschale. „Sie ist losgelöst von den tatsächlichen Kosten“, betonte die Sprecherin.
Nicht wie gewohnt tanken fahren, sondern sich zielgerichtet nach der billigsten Zapfsäule umschauen, rät der ADAC. Fast alle Autoclubs wie spezialisierte Ratgeber-Dienste im Internet helfen dabei mit täglich aktuellen Benzinpreisübersichten in der Region oder auch Preistipps entlang einer bestimmten Route.
Grundsätzlich sind freie Tankstellen momentan zwei bis drei Cent billiger als Markenstationen, wie Hillgärtner betont. Noch billiger geht es oft an Supermarkt-Tankstellen, vor allem in der Nähe großer Einkaufszentren. Extra Riesenumwege dafür zu fahren, ist aber unsinnig.
An Autobahntankstellen lasse sich nicht sparen, warnt der ACE. Nur wer abfährt und im nächsten Ort auftankt, kann seine Haushaltskasse entlasten. Reisende, die Tankstopps strategisch planen, können sich vom ACE alle Tankstellen entlang der Autobahnen nennen lassen.
Autourlauber, die zum Skifahren oder auf große Fahrt ins europäische Ausland aufbrechen wollen, sollten derzeit nicht mit vollem Tank losfahren. In vielen Nachbarländern ist die Tankfüllung deutlich billiger zu kriegen, etwa in Luxemburg, Polen oder Tschechien. In Österreich sei Treibstoff zurzeit um mindestens acht Cent günstiger, erläutert Hillgärtner. Umwege zum billigen Tanken über die Grenze lohnten sich aber nicht.
Dauerhaften Sparerfolg verspricht wirtschaftliches Fahren. Dazu müssten Millionen Autofahrer ihren persönlichen Fahrstil allerdings ein wenig mehr auf die neue Motorgeneration anpassen, wie Untersuchungen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) ergaben. Wer bis zu 20 Prozent Sprit sparen will, muss niedertourig fahren, im Drehzahlbereich zwischen 1.500 und 2.500 Umdrehungen pro Minute. Noch vor einigen Jahren galten 2.500 bis 4.000 Umdrehungen als verbrauchsgünstig.
Schnelles Hochschalten ist ebenfalls ratsam. Mit modernen Autos kann ab Tempo 25 schon in den dritten Gang geschaltet, ab Tempo 40 in den vierten und ab 50 im fünften Gang gefahren werden. Die Spritkosten können deutlich gesenkt werden, wenn der Motor des Wagens an der roten Ampel abgestellt werden, wie Hillgärtner betont. Angebliche „Zündungsschäden“ durch häufiges Ausmachen seien „Märchen von gestern“.
Weil jedes Anfahren und Beschleunigen viel Benzin schluckt, ist „Mitschwimmen“ im Verkehrsstrom mit konstanter Geschwindigkeit billiger. Temperamentvolles Fahren geht immer ins Geld.
Jedes Kilogramm, das spazieren gefahren wird, treibt die Tankrechnung zusätzlich in die Höhe: Für 100 Kilogramm Mehrgewicht muss ein halber Liter mehr getankt werden auf 100 Kilometer. Auch Dachboxen und -gepäckträger kosten zehn bis 50 Prozent mehr Sprit. Je schneller damit gefahren wird, desto mehr „frisst“ der Wagen.
Auch der Reifenluftdruck muss stimmen. Schon ein halbes Bar zu wenig erhöht den Verbrauch um bis zu sechs Prozent. Im Tankdeckel stehen die richtigen Werte. Wer es schafft, den Verbrauch seines Wagens um nur einen Liter pro 100 Kilometer zu drücken, kann bei 15.000 Kilometern Laufleistung im Jahr 150 Liter Treibstoff einsparen, hat der ACE berechnet.
Die Idee einer höheren Pauschale stammt vom ADAC. Der Automobilclub fordert eine Erhöhung der Pendlerpauschale um mindestens zehn Cent. „Besonders die Pendler leiden unter den weiterhin sehr hohen Sprit-Preisen“, sagte Autoclub-Präsident Peter Meyer der „Bild“-Zeitung. Die Politik dürfe nicht untätig zusehen, „wie für Millionen von Menschen Mobilität immer unbezahlbarer wird“.
Wirtschaftsverband nimmt Tankwarte in Schutz
Eine deutliche Erhöhung sei alternativlos und müsse „unbedingt so schnell wie möglich auf die Agenda“. Die Pauschale müsse mindestens auf 40 Cent steigen. Derzeit liegt sie bei 30 Cent je Entfernungskilometer. Am Mittwoch kostete ein Liter Benzin E10 am Vormittag im bundesweiten Durchschnitt knapp 1,64 Euro, teilten Sprecher der Mineralölunternehmen in Hamburg und Bochum mit.
Auch der Präsident des Bundesverbands der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, forderte eine Entlastung der Pendler: „Der Staat muss entweder die Steuern auf Benzin deutlich senken oder die Kilometerpauschale von heute 30 auf 40 Cent je Kilometer erhöhen. Davon würden Millionen Berufspendler profitieren.“
Gleichzeitig nahm Ohoven die Tankstellenpächter in Schutz. Die Gewinne dort fielen „eher bescheiden aus“. Zusammengenommen belaufe sich der Gewinn der 15.000 deutschen Tankstellen aus dem Spritgeschäft auf „etwa eine halbe Milliarde Euro. Dem Staat dagegen fließen jährlich über 40 Milliarden Euro aus der Mineralölsteuer zu.“ Und die großen Konzerne machten Milliarden bei der Rohölförderung.
Expertin: Steuern unabhängig vom Benzinpreis
Die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, zeigte sich Steuerentlastungen gegenüber skeptisch. Diese würden schnell gefordert, ergäben aber „wenig Sinn, da die Steuern zum größten Teil preisunabhängig sind. Auch nützt es wenig vorzugeben, dass der Preis nur einmal am Tag festgelegt werden darf“, sagte die DIW-Expertin dem „Nordkurier“.
Aufgabe der Politik sei es, die Weichen für nachhaltige, bezahlbare Mobilität zu stellen, sagte Kemfert. Alternative Kraftstoffe und Kraftstofftechniken müssten erforscht und auf den Markt gebracht werden. Die Politik müsse attraktive finanzielle Bedingungen für Alternativen schaffen, etwa im öffentlichen Nahverkehr.
Auch die Kunden selbst könnten reagieren: „Die Autofahrer selber haben es auch in der Hand. Sie können spritsparende Autos fahren oder gleich auf Alternativen umsteigen: Beim nächsten Autokauf gleich die Anschaffung eines Erdgas-, Hybrid- oder Elektroautos erwägen“, sagte Kemfert. (erb/dpa/dapd)

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