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Berliner Zeitung | Berliner Wirtschaft: Der Bauboom fällt aus
15. December 2015
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Berliner Wirtschaft: Der Bauboom fällt aus

Der Innenausbau kommt noch: Hochhaus am Breitscheidplatz.

Der Innenausbau kommt noch: Hochhaus am Breitscheidplatz.

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Berliner Zeitung/Hans Richard Edinger

Nach der Zahl der Baustellen in der Stadt und den dadurch bedingten Verkehrseinschränkungen und Staus zu urteilen, muss derzeit in der Stadt viel gebaut werden. Zudem können die Baufirmen wieder einmal bis zum Ende des Jahres draußen durcharbeiten. Läuft es also einigermaßen rund im regionalen Baugewerbe? Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nachdem, in welchem Bereich die Firmen tätig sind. Jubel aus der Branche ist jedenfalls nicht zu hören. Wo liegen die Probleme?

Die Prognosen: Der Bauindustrieverband und die Fachgemeinschaft Bau gaben am Dienstag ihre Prognosen bekannt. Demnach wird der Umsatz der Firmen im Baugewerbe in Berlin um knapp ein Prozent im ablaufenden Jahr sinken. Für das kommende Jahr wird dann wieder ein Wachstum der Umsätze um etwa 2,8 Prozent erwartet. Rechnet man die normale Teuerungsrate ein, werden die Umsätze real also kaum steigen – und das in einer wachsenden Stadt. Bauindustrie-Hauptgeschäftsführer Axel Wunschel sagte, der Zuwachs werde „nicht mehr als eine schwarze Null“ sein.

Die Bereiche: Der Wohnungsbau reißt nach wie vor alles raus. Nach einer zehnprozentigen Steigerung 2015 wird für das nächste noch einmal ein Plus von 4,2 Prozent erwartet. Was kein Wunder ist, denn die Stadt braucht Wohnungen – zusätzlich zum ohnehin schon großen Bedarf wird durch die hohe Zahl der ankommenden Geflüchteten die Notwendigkeit größer, mehr Wohnraum zu schaffen. Im sogenannten öffentlichen Bau wird es in diesem Jahr einen Einbruch der Umsätze um fünf Prozent geben, was schon allein aufgrund des Basiseffektes im nächsten Jahr zu einem relativ hohen Plus (acht Prozent) führt.

Die Sorgensparte: Das ist der Wirtschaftsbau – also alles das, was von den Firmen an Tief- und Hochbauleistungen in Auftrag gegeben wird. Im laufenden Jahr wird der Wirtschaftsbau um acht Prozent nach unten rutschen, im kommenden Jahr um weitere knapp zwei Prozent. Reinhold Dellmann, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau, sagte, angemessen wären Steigerungsraten von drei bis fünf Prozent. Denn die Wirtschaft in der Stadt wächst insgesamt, allein schon für die Ersatzinvestitionen müsste viel Geld ausgegeben werden. Er und Wunschel werteten den Rückgang als mögliches Zeichen dafür, dass sich die positive wirtschaftliche Entwicklung in Berlin ins Gegenteil verkehren könnte, wenn der Trend der Bautätigkeit im Wirtschaftsbereich anhalte. Dann könnte dieser Rückgang ein Zeichen dafür sein, dass die Berliner Unternehmen von der Substanz leben.

Kostensteigerungen durch neue Vorgaben

Kostensteigerungen: Beide Verbandsvertreter forderten dringend eine Debatte darüber, wie teuer Wohnungsbau sein soll. So werde von der Politik und der Öffentlichkeit auf der einen Seite „sehr stark preiswertes Bauen“ gefordert, aber auf der anderen Seite werden von der öffentlichen Hand durch neue Standards „signifikante Kostensteigerungen“ verursacht. Dellmann brachte hier als Beispiels die neue Energieeinsparverordnung, die bundesweit ab Januar gelte und enorm viel koste bei vergleichsweise geringem Effekt. In Berlin sieht die Novellierung der Bauordnung unter anderem vor, dass nunmehr ein Drittel aller Neubauwohnungen behindertengerecht barrierefrei errichtet werden soll. Ab 2020 sollen es 50 Prozent sein. Das bringt eine Kostensteigerung je Wohnung von etwa zehn Prozent mit sich, warnte unlängst der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen.

Gesetze: Um dem Bürger und allen Mietern die Wirkung von neuen Verordnungen und Gesetzen klar zu machen, schlägt Reinhold Dellmann Folgendes vor: Bei jeder neuen Beschlussvorlage sollte auch klar vermerkt werden, wie sich die Maßnahme auf die künftige Miete auswirkt. „Auf dieser Grundlage sollte dann das Abgeordnetenhaus entscheiden“, sagte er.

Infrastruktur: Bauindustrievertreter Wunschel forderte deutlich mehr Investitionen in die Infrastruktur der Stadt. Wenn immer wieder nur Schlaglöcher repariert würden, müsse man „in fünf Jahren wieder ran – anstatt die Straße grundlegend zu sanieren, um dann 20 Jahre Ruhe zu haben“. Bei der wegen Staus in der Antragsbearbeitung schwer kritisierten Verkehrslenkung Berlin (VLB) sehe die Branche inzwischen positive Zeichen der Veränderung, dennoch würden die Firmen Aufträge mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro vor sich herschieben und nicht abarbeiten können, weil verkehrsrechtliche Genehmigungen für Bauprojekte nicht vorlägen.

Projekte: Die Branche appellierte an die öffentliche Verwaltung, mehr Planungsvorlauf bei größeren Projekten zu schaffen. Falls zusätzliche Mittel durch den Bund bereitgestellt würden, sei Berlin gar nicht in der Lage, diese zu verbauen. Notwendige Bauten müssten schneller in Angriff genommen werden. So habe man bei der Rudolf-Wissell-Brücke „mindestens 15 Jahre verschlafen“.