blz_logo12,9

Binnenmarkt: Nicht jeder profitiert vom Freihandel

Laut Bertelsmann-Stiftung kommen durch das Freihandelsabkommen 160.000 Jobs hinzu. Aber ist das viel?

Laut Bertelsmann-Stiftung kommen durch das Freihandelsabkommen 160.000 Jobs hinzu. Aber ist das viel?

Foto:

dpa

Die Versprechen sind groß: Ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU wäre ein „beispielloser Impuls“, wirbt EU-Handelskommissar Karel de Gucht. Denn Zölle und Bürokratiekosten sinken, die Einkommen steigen, die Wirtschaft wächst. Das Institut CEPR sagt bis zum Jahr 2027 einen Wachstumsschub von 0,5 Prozent für die EU und von 0,4 Prozent für die USA voraus. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt auf einen Zuwachs von zwei Millionen Arbeitsplätzen, allein in Deutschland kämen durch das Abkommen 160000 neue Jobs hinzu. Was ist von solchen Versprechen zu halten?

Zum einen: Selbst wenn sich die Prognosen bewahrheiten sollten, so wären die Wirkungen des TTIP abgekürzten Abkommens nicht drastisch. Der im CEPR-Szenario errechnete Schub „würde gerade einmal ein zusätzliches Wachstum pro Jahr von 0,034 Prozentpunkten für die EU darstellen“, wendet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ein. Zudem beruhten die CEPR-Berechnungen auf einem optimistischen Szenario.

Der von der Bertelsmann-Stiftung projektierte Zuwachs von 160000 Jobs durch das TTIP in Deutschland relativiert sich auch – schließlich sollen diese Arbeitsplätze erst im Verlauf von 10 bis 20 Jahren entstehen. Das wären 8000 bis 16000 Jobs pro Jahr. Das ist kaum beeindruckend – in den vergangenen sechs Jahren kamen in Deutschland fast zwei Millionen Erwerbstätige hinzu.

Testfall EU-Binnenmarkt

Zudem stellt sich die Frage, ob derartige Prognosen überhaupt haltbar sind. Schließlich sind die Folgen von Freihandelsabkommen schwierig zu berechnen – und vorherzusagen. Denn wenn Handelsschranken fallen, gibt es Gewinner und Verlierer. „Mögliche Effizienz- und Wettbewerbssteigerungen verteilen sich nicht zwangsläufig gleichmäßig“, so drückt es eine Studie von Deutsche Bank Research aus.

Dass man sich zuweilen zu viel von der Liberalisierung verspricht, zeigt ein prominentes Beispiel: der EU-Binnenmarkt, der vor mehr als 20 Jahren gegründet wurde und einen umfangreichen Abbau von Handelsschranken vorsah. Der von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Cecchini-Report aus dem Jahr 1988 versprach mögliche Wohlfahrtseffekte von 4,25 bis 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung und zwei Millionen zusätzliche Jobs. Langfristig winkten laut Report sogar fünf Millionen neue Arbeitsplätze und ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent.

Zwar tun sich Ökonomen sogar im Rückblick schwer, die Effekte der Liberalisierung auszurechnen. Denn: Welches Wachstum lässt sich auf die Liberalisierung zurückführen und welches auf andere Faktoren? „Die empirische Evidenz zu den Effekten des Binnenmarktes ist relativ gering“, stellt Deutsche Bank Research fest. Dennoch ist man sich in zwei Dingen einig. Erstens: Der Cecchini-Report hat maßlos übertrieben. Zweitens: Nicht alle profitieren von der Liberalisierung. Zu den Gewinnern gehören die großen, exportorientierten Unternehmen, die die Vorteile des grenzüberschreitenden Geschäfts voll nutzen können. Der EU-Binnenmarkt schuf ihnen einen großen, einheitlichen Heimatmarkt, auf dem sie weiter wachsen und von dem aus sie auf dem Weltmarkt expandieren konnten. Doch das gelang nicht allen: „Bei der Bewertung der Effekte sollte nicht unterschätzt werden, dass die Länder in unterschiedlichem Ausmaß profitieren“, so Deutsche Bank Research.