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Bio ist nicht gleich Bio: Was Kühe wirklich glücklich macht

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A3542 Karl-Josef Hildenbrand

Die Biobranche boomt wie keine andere in Deutschland. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz mit Lebensmitteln aus ökologischem Anbau um 7,6 Prozent auf 7,55 Milliarden Euro, 2012 betrug der Anstieg sechs Prozent, 2011 lag das Wachstum bei neun Prozent. So geht das seit Jahren. Mittlerweile haben Biohöfe die konventionelle Konkurrenz in manchen Bereichen bereits abgehängt.

In einer Umfrage des Emnid-Instituts gaben 57 Prozent der Verbraucher an, ausschließlich oder häufig Eier, Obst und Gemüse aus Öko-Betrieben zu kaufen. Bei Milchprodukten war es knapp die Hälfte, bei Fleisch und Wurst immerhin ein Drittel. Wobei „häufig“ natürlich ein dehnbarer Begriff ist. Denn allzu viel geben die Bundesbürger dann doch nicht für Bio-Produkte aus: Im Jahr 2012 betrug der Bio-Umsatz pro Kopf gerade einmal 86 Euro.

Als Gründe für die wachsende Beliebtheit nennen Verbraucher regelmäßig die Förderung regionaler Landwirtschaft und den Schutz der Umwelt. Eine zentrale Rolle für den Kauf der – zumeist spürbar teureren – Öko-Nahrung aber spielt die artgerechte Tierhaltung. Im „Ökobarometer 2013“, das vom Bundesagrarministerium erstellt wird, nannten 85 Prozent der Bio-Kunden das Wohl der Tiere als gewichtiges Argument.

Genetisch hornlose Rinder

Im Grundsatz ist die Formel Öko ist gleich Tierschutz durchaus zutreffend. Sowohl das sechseckige Bio-Siegel nach der europäischen Ökoverordnung, also auch die Bio-Logos der großen Erzeugerverbände Bioland, Demeter und Naturland garantieren Tierhaltungs-Standards, die weit über die Schutzvorschriften für konventionelle Betriebe hinaus reichen. Allerdings sind die Unterschiede auch zwischen den einzelnen Ökoverbänden sowie dem EU-Siegel beträchtlich, wenn es etwa um die zur Verfügung stehende Fläche pro Tier oder um Veterinär-ärztliche Eingriffe geht.

Das auch in normalen Supermärkten und Lebensmitteldiscountern am häufigsten anzutreffende grüne Bio-Sechseck der EU steht für den Mindeststandard, den die ökologische Landwirtschaft einhalten muss – genauer: jene 11.234 Betriebe in Deutschland, die nach der EU-Verordnung Lebensmittel erzeugen. Ein Großteil dieser Vorschriften bezieht sich auf die Herkunft der Futtermittel, die generell aus ökologischem Landbau und mindestens zur Hälfte vom Erzeugerbetrieb selbst stammen müssen. Um einen weitgehend geschlossenen Betriebskreislauf zwischen Böden, Pflanzen und Tieren zu gewährleisten, ist eine „flächenunabhängige Nutztiererzeugung“ ausdrücklich verboten. Wer also Kühe, Schweine oder Geflügel nach Ökostandards halten will, benötigt Äcker zum Futtermittelanbau. Dabei legt die EU-Richtlinie detailliert fest, wie viele Exemplare der jeweiligen Arten pro Hektar maximal zugelassen sind und welche Zeiträume bei der Umstellung von konventioneller auf biologische Wirtschaftsweise eingehalten werden müssen. Auch die Herkunft zugekaufter Tiere – sie müssen in der Regel aus Öko-Betrieben stammen – ist bis ins Kleinste geregelt, ebenso eine ganze Reihe eng definierter Ausnahmen.

Artikel 9 der Verordnung 889/2008 zum Beispiel bestimmt, dass beim erstmaligen Aufbau eines Bestandes auch Tiere aus konventionellen Beständen zugekauft werden können, sofern Tiere ökologischer Haltung nicht in ausreichender Menge verfügbar sind. Wobei Ferkel zum Zeitpunkt des Ankaufs höchstens 35 Kilogramm wiegen dürfen und beim Junggeflügel nicht mehr als drei Tage seit dem Schlüpfen verstrichen sind. Das ist starker Tobak. Die Verordnungen lesen sich so spannend wie das Berliner Telefonbuch. Und sie sind ähnlich umfangreich.

Aus Verbrauchersicht besonders interessant sind nur einige Grundsätze. Auf Zuchtrassen, die in der Intensivtierhaltung verwendet werden und hierfür typische Gesundheitsprobleme aufweisen, müssen Ökobauern verzichten. Ebenso auf die vorbeugende Vergabe von Antibiotika an ganze Tierbestände, den Einsatz von gentechnisch veränderten Futtermitteln sowie das Verabreichen von Hormonen zur Gleichschaltung der Geburtszyklen: In konventionellen Großbetrieben werden Schweine hormonell behandelt, um ein zeitgleiches „Abferkeln“ mit synchronisierter Aufzucht in industriellem Maßstab zu ermöglichen.

Dass solche Praktiken in den Ökobetrieben verboten sind, „ist unter Tierschutzaspekten gewiss eine gute Sache“, sagt Frank Waskow, Lebensmittelexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Zugleich aber berühre ein Großteil der EU-Ökoverordnung die Frage, ob die Tiere tatsächlich auch artgerecht gehalten werden, nur am Rande. Daher haben sich die insgesamt neun registrierten Bioverbände mit insgesamt 12.250 angeschlossenen Betrieben teils deutlich anspruchsvollere Haltungsstandards entwickelt. Am weitesten gehen die Vorschriften der knapp 1500 Demeter-Höfe, wie das Beispiel Milchkuh-Haltung verdeutlicht: Als einziger Verband untersagt Demeter das Entfernen der Hörner, auch genetisch hornlose Rinder sind nicht zugelassen.

„Kuh und Du“

Andere Verbände und auch die EU-Verordnung erlauben dagegen eine Enthornung in Ausnahmen unter Betäubung. Bioland, der mit fast 5800 Betrieben größte Verband, empfiehlt überdies die Haltung hornloser Züchtungen. „Bio ist nicht gleich Bio“, resümiert Bettina Praetorius, Geschäftsführerin der Welttierschutzgesellschaft, im Vorwort einer Broschüre mit dem vielsagenden Titel „Kuh und Du“.

Besonders das EU-Siegel erweist sich in Tierhaltungsfragen lediglich als Basispaket. Während die Ökoverordnung Tiertransportwege nicht begrenzt und lediglich den Einsatz von Beruhigungsmitteln und Stromstößen verbietet, gilt bei Demeter eine Entfernung von 200 Kilometern zum Schlachtbetrieb als Höchstgrenze.

Auch die Ferkelkastration ohne Betäubung ist nach EU-Ökoverordnung – anders als in den Verbänden – nicht eindeutig verboten, kritisiert der deutsche Tierschutzbund. Ein weiteres Beispiel sind die Flächen, die dem Nutzgeflügel mindestens zur Verfügung stehen müssen. Während die EU-Betriebe 230 Legehennen oder 580 Masthühner pro Hektar Betriebsfläche halten dürfen, sind es bei Bioland, Naturland und Demeter höchstens 140 und 280 Tiere.

Lebensmittelexperte Waskow warnt davor, allein von vorgeschriebenen Standards auf die artgerechte Tierhaltung zu schließen: „Ganz viel hängt vom einzelnen Landwirt ab: Es gibt auch konventionelle Viehbetriebe mit wirklich guten Haltungsbedingungen und umgekehrt Bio-Höfe, die wirklich nur Vorschriften einhalten, ohne dass die Tiere sich dort wohl fühlen.“ Für die artgerechteste Haltung stünden die Neuland-Betriebe. Die aber zählen wegen des konventionellen Futters gar nicht zur ökologischen Landwirtschaft.