06.02.2012

Bonuszahlungen für Chefärzte: Medizinischer Erfolg wird zweitrangig

Von Daniel Baumann
Pervertierung der Patientenversorgung:  Der medizinische Erfolg ist zweitrangig.
Pervertierung der Patientenversorgung: Der medizinische Erfolg ist zweitrangig.
Foto: dpa

Immer mehr Chefärzte erhalten Bonuszahlungen für das Erreichen finanzieller Ziele. Bei der Bundesärztekammer und der Gewerkschaft Marburger Bund stößt das auf heftige Kritik: Für Ärzte zähle dadurch nicht mehr der medizinische, sondern der ökonomische Erfolg.

Die Chefärzte in deutschen Kliniken geraten immer stärker unter Druck, nur noch medizinische Behandlungen durchzuführen, die sich finanziell lohnen. Wie Recherchen dieser Zeitung ergeben haben, orientieren sich die Gehälter vieler Chefärzte mittlerweile am Umsatz oder Gewinn ihrer Abteilung. Die Bundesärztekammer verurteilt diese Verträge als „höchst bedenklich“. Sie verstießen gegen das ärztliche Berufsethos und würden „Risiken für die Patientenversorgung“ bergen, teilte sie in einer Stellungnahme mit.

Die Verträge sehen eine Grundvergütung für die Chefärzte vor. Hinzu kommt eine Bonuszahlung für das Erreichen finanzieller Ziele, die von der Geschäftsführung des Krankenhauses vorgegeben werden. „Im Zeitraum von 1995 bis heute hat sich die Verbreitung von Bonusvereinbarungen von etwa fünf Prozent auf inzwischen fast 45 Prozent bei Neuverträgen erhöht“, sagt Experte Christian Näser vom Beratungsunternehmen Kienbaum. Er legt jährlich einen Report zu den Gehältern der Führungskräfte in deutschen Kliniken vor.

Vielen Medizinern ist die Entwicklung unangenehm. Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz, betrachtet sie mit großer Sorge: „Mit diesen Verträgen zählt nicht mehr der medizinische Erfolg der Chefärzte, sondern der ökonomische.“ Sie setzten Anreize, zum Beispiel freiwerdende Arztstellen nicht mehr zu besetzen, wodurch sich die Behandlung der Patienten potenziell verschlechtere. Das gesparte Geld sichere dem Chefarzt aber die Bonuszahlung. „Das ist unethisch“, sagt Jonitz. „Wenn ich ins Krankenhaus gehe, will ich, dass der Arzt nur mich und meine Krankheit im Blick hat.“

Die Gewerkschaft der Klinikärzte Marburger Bund bezeichnete die Boni als „höchst problematisch“. Der Vorsitzende des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Wulf Dietrich, warnt: „Eine solche Koppelung kann dazu führen, dass unnötige Leistungen erbracht werden oder aber teure oder risikoreiche Interventionen unterbleiben.“

Einkommen sind gesunken

Für die Einkommen der Ärzte haben die Bonuszahlungen an Bedeutung gewonnen. Denn als es die Bonuszahlungen noch nicht gab, hätten die Chefärzte insgesamt besser verdient, so Gehaltsexperte Näser. Damals konnten sie Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten zu ihren Gunsten abrechnen. Die Differenz zwischen alten und neuen Gehälter ist enorm: „Der Einkommensabschlag kann im Extremfall bis zu 100.000 Euro betragen“, sagt Näser.

Für die Krankenhausleitungen sind die Bonuszahlungen von erheblicher Bedeutung. Sie schränken damit die Wahrscheinlichkeit ein, dass Chefärzte mit dem größtmöglichen Aufwand versuchen, möglichst viele Patienten zu heilen, ohne auf die Kosten zu achten. Für die Geschäftsführung ist das wichtig, da die gesetzlichen Krankenkassen nur noch Pauschalen bezahlen entsprechend des üblichen Aufwands für die Behandlung einer Krankheit. Wenn die Kliniken die Gesundheit eines Menschen innerhalb dieser Budgets nicht wiederherstellen können, gehen die zusätzlich anfallenden Kosten zu ihren Lasten. Dieses Vergütungssystem hat die rot-grüne Regierung 2004 eingeführt.

In den Krankenhäusern wird deshalb inzwischen penibel darauf geachtet, dass die Budgets nicht überschritten werden. Manche Pauschalen sind auch so bemessen, dass Überschüsse erzielt werden können. Die Boni für die Ärzte können deshalb auch dazu führen, dass Chefärzte ihre Mitarbeiter anweisen, nur noch Patienten mit lukrativen Krankheiten aufzunehmen und andere abzuwimmeln. „Pervertierung der Patientenversorgung“, nennt Ärztepräsident Jonitz dieses System.

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