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Buchbesprechung: Die Herrscher der Spendenindustrie

Von 
Im Imperium der Milliardäre: Liz Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung.
Im Imperium der Milliardäre: Liz Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung.
Foto: Thomas Uhlemann

Über Stiftungen werden in Deutschland Milliarden verteilt – allerdings nicht nach demokratischen Maßstäben, kritisiert der Autor Jürgen Krysmansky. Er warnt vor einer globalen „Refeudalisierung“, in der eine kleine Herrschafts-Elite das Sagen hat.

In Deutschland vergeht kein Tag ohne die Forderung, „die Reichen“ sollten ihren angemessenen Beitrag zur Lösung der Eurokrise leisten. Kein Tag vergeht auch, ohne dass das marktliberale Lager antwortet: „Die Reichen“ hätten ihr Geld schließlich redlich verdient, sie schüfen Arbeitsplätze und trügen durch Steuern und Spenden zum Wohlbefinden aller bei.

Doch die schwarz-gelben Meinungsmacher werden der Verteilungsfrage nicht mehr lange begegnen können, indem sie das Gemälde vom wohltätigen Unternehmer malen. Zu groß sind die Lasten der Euro- und Bankenkrise. Und umgekehrt hilft es nicht weiter, wenn SPD, Grüne oder Linke „die Reichen“ einfach als Negativ-Mythos pflegen.

Die Reichtumsfrage ist komplizierter, als Schlagworte es auszudrücken vermögen. Da kann ein fundierter Einblick sehr helfen, und genau den gestattet uns Hans-Jürgen Krysmansky in seinem neuen Buch „0,1% – das Imperium der Milliardäre“. Hier geht es weder um den Mittelständler mit der redlich verdienten Million, noch geht es um Reichen-Bashing der billigen Art.

Krysmansky ist Marxist, aber vom Vulgärmarxismus unterscheidet er sich auf wohltuende Weise, denn er nimmt den historischen Materialismus zu ernst, um „die Reichen“ als Personen an den Pranger zu stellen. Ihm geht es um die Herrschaft einer „neuen Klasse“ und nicht um die vermeintliche „Schuld“ von Individuen.

Man muss dem Autor nicht in allem folgen – etwa wenn er die „Max-Planck-Gesellschaft“ ohne Umschweife zu den Netzwerken der neuen Machtelite zählt. Aber auf überzeugende Weise arbeitet er heraus, wie die „Superreichen“ meist über Stiftungen die wichtigsten Bereiche der Gesellschaft bestimmen. Der öffentlich geförderten Forschung jagen sie die besten Köpfe ab, und manchmal entziehen sie ganze Bereiche der Sozialpolitik politischer Kontrolle. Was selbst dann ein Problem darstellt, wenn der Zweck die Mittel zu heiligen scheint, wie zum Beispiel bei der Stiftung von Bill Gates und seiner Frau.

Jenseits der Öffentlichkeit

Dieses „Imperium der Milliardäre“ ist zwar in den USA viel weiter verbreitet als in Europa. Während dort (wie gerade kurz vor Weihnachten geschehen) Mark Zuckerberg eine knappe halbe Milliarde Dollar für „Bildung und Gesundheit“ spendet und alle Welt darüber redet, finden in Deutschland die Spenden und Stiftungen aus den Milliardenvermögen meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Krysmansky hat die spärlichen Informationen, die es dennoch gibt, anschaulich präsentiert. Da tauchen praktisch unbekannte Namen auf wie Andreas und Thomas Strüngmann (Gründer der Pharma-Firma Hexal) oder die Familie Reimann (Miteigner der Finanzholding Johann A. Benckiser). Und es erscheinen alte Bekannte wie Friede Springer, Susanne Klatten (BMW), Liz Mohn (Bertelsmann) und Günther Fielmann, der mit den Brillen.

Die meisten, so berichtet Krysmansky, bekennen sich zwar zu ihrer „Verantwortung für die Gemeinschaft“ (Fielmann). Aber wie genau sie diese Verantwortung wahrnehmen, bleibt oft im Dunkeln. Es sei denn, die Millionen dienen – wie bei der Bertelsmann-Stiftung – ganz offen dem Zweck, „eine ganz bestimmte, bestehende Herrschaftsverhältnisse bestätigende und ausgestaltende Agenda durchzusetzen“. Im Buch wird Dieter Lehmkuhl, Gründer der Initiative „Millionäre für eine Vermögensteuer“, mit dem richtigen Hinweis zitiert, „dass der Staat eine Spendenindustrie bezuschusst, deren Geld nicht nach demokratischen Maßstäben verteilt wird“.

Zu klug für Pauschal-Urteil

Krysmansky ist zu klug, um zu pauschalisieren. Ausdrücklich lobt er zum Beispiel Warren Buffett, der im heimischen Buffalo die kriselnden Zeitungen übernahm und damit wohl rettete. Umso glaubwürdiger wird aber seine Warnung vor einer globalen „Refeudalisierung“, in der eine kleine Herrschafts-Elite ohne demokratische Kontrolle das Sagen hat.

Was tun? Einen Leitfaden für Wahlkämpfer enthält Krysmanskys Buch natürlich nicht. Es gehe, schreibt er, zunächst um die Befreiung des Wissens „aus den herrschaftsgelenkten kapitalistischen Computernetzwerken“. Wie das gehen soll, bleibt relativ unklar. Aber ein Buch, das die ideologischen Schleier vor der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu lüften versucht, kann ja schon mal ein Anfang sein.

Hans-Jürgen Krysmansky: 0,1% – das Imperium der Milliardäre. Westend-Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 280 Seiten, 19,99 Euro.

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