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Chef angegriffen: Ärger bei der Provinzial Nordwest

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Das Gebäude der Provinzial-Versicherung in Münster.
Das Gebäude der Provinzial-Versicherung in Münster.
Foto: dpa

Der Chef des Versicherungskonzerns Provinzial Nordwest ist von einem Vermummten mit einem Schraubenzieher attackiert worden. Am Morgen sollte die Belegschaft über mögliche Kaufabsichten der Versicherung informiert werden.

Der Chef des Versicherungskonzerns Provinzial Nordwest, Ulrich Rüther, ist nach Angaben des Betriebsrats von einem Vermummten angegriffen worden.

Ulrich Ruether.
Ulrich Ruether.
Foto: dapd

Rüther sei mit einem Schraubenzieher in die Brust gestochen worden, sagte der Betriebsratsvorsitzende Albert Roer am Mittwoch in Münster. Rüther hätte am Vormittag an einer Betriebsversammlung der zweitgrößten öffentlichen Versicherung teilnehmen sollen, wo die Belegschaft über mögliche Verkaufsabsichten der Provinzial-Nordwest-Eigentümer informiert wurde. Ob der Angriff in Zusammenhang mit dem möglichen Verkauf der Provinzial Nordwest steht, ist unklar.

Präsident Gerlach fordert Reformen

Rolf Gerlach, der Präsident des westfälischen Sparkassenverbandes, hat ein feines Gespür für heranziehende Gewitter. Vor gut einem Jahr mahnte Gerlach bei einem Kongress der Finanz Informatik, dem zentralen IT-Dienstleister der Sparkassen, Reformen im eigenen Lager an. Den Bremsern in den eigenen Reihen hielt er ausgerechnet die Wettbewerber aus dem Genossenschaftslager vor, die es zum Beispiel mit der R+V Versicherung geschafft hätten, bundesweit einen zentralen Anbieter zu formen, der auch in Krisenzeiten wetterfest sei.

Gerlach stört die Kleinstaaterei im öffentlichen Versicherungswesen, weil er sie für zu kostspielig erachtet. Mit Skepsis beobachtet der Präsident aus Münster die Entwicklung der Branche, die es nur noch mit Ach und Krach schafft, den Garantiezins der Lebensversicherungen zu erwirtschaften.

Doch keiner hörte auf den Mahner aus Westfalen. Nur in Sonntagsreden wurde das Thema von den anderen Funktionären der Gruppe aufgegriffen. Doch in der Praxis passierte kaum etwas. Für einen Mann wie Gerlach, der von der Sache wie von sich überzeugt ist, stellt das ein Versäumnis schlimmster Sorte da.

Als hätte er das Thema nach dem IT-Kongress in Frankfurt auf Wiedervorlage nach einem Jahr gelegt, sorgt der streitlustige Sparkassen-Präsident nun erneut für Wirbel. Diesmal nicht mehr nur mit Worten, sondern mit Taten: Seine westfälischen Sparkassen flirten, vertreten durch ihn, als größter Eigner der Provinzial Nordwest ausgerechnet mit der Allianz aus dem privaten Lager. Es soll schon zu mehreren vertraulichen Treffen auch mit Allianz-Chef Michael Diekmann gekommen sein. In der Chefetage der Branchengröße firmiert der Annäherungsversuch unter dem Geheimcode „Rheingold“.

Die Financial Times Deutschlands berichtete in dieser Woche, der Allianz sei der zweitgrößte öffentlich-rechtliche Versicherer der Republik sogar „deutlich mehr“ als der zuletzt gebotene Buchwert von 2,25 Milliarden Euro wert.

Probleme "in der Familie lösen"

Seinen Kollegen in der Sparkassen-Finanzgruppe gibt Gerlach mit dem Vorstoß wieder einmal Rätsel auf. Ein Verkauf von öffentlichem Eigentum an ein privates Unternehmen gilt dort nicht als schicklich. Öffentlich geht aber nur die Gewerkschaft auf Konfrontationskurs. „Durch eine solche Entscheidung wäre der gesamte Sparkassen-Finanzverbund in Frage gestellt“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Beate Mensch. Sie empfiehlt strukturelle Probleme der Branche wie bislang „in der Familie der öffentlichen Versicherungen zu lösen“ und notfalls untereinander zu fusionieren oder enger zu kooperieren. Nach einem Tabubruch rückten aber auch andere öffentliche Versicherer auf die Verkaufsliste.

Aus der Sicht von Mensch wäre das tragisch, denn die öffentlichen Versicherer seien „nicht der Profitmaximierung, sondern dem Gemeinwohl verpflichtet“. Und natürlich bangt die Gewerkschafterin auch um Arbeitsplätze. Bei einem Verkauf der Provinzial Nordwest an die Allianz seien 6000 Stellen gefährdet, schätzt sie. Für diesen Mittwoch haben die Arbeitnehmervertreter daher zu außerordentlichen Betriebsversammlungen in Münster, Kiel und Hamburg aufgerufen.

Außerordentliche Betriebsversammlungen

Die Hoffnungen der Verkaufs-Gegner ruhen nun darauf, dass sich die Anteilseigner untereinander nicht einig werden. Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), gab auch schon zu Protokoll, dass der LWL derzeit nicht daran denke, seine 40 Prozent zu verkaufen (den Rest halten Sparkassen in Nord- und Ostdeutschland). Doch allzu groß ist das Vertrauen in den Vertreter der kommunalen Vereinigung nicht. Die Organisation arbeitet chronisch defizitär. Da täte ein Milliardenerlös aus einem Verkauf gut.

Mit einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung noch vor Weihnachten will die Gewerkschaft nun die Eigentümer zwingen, Flagge zu zeigen und gegen einen Verkauf der Provinzial Nordwest an einen privaten Wettbewerber zu stimmen.

Wie Gerlachs Strategie aussieht, weiß derzeit womöglich nur er selbst. Die Gerüchte sind zahlreich. Eins ist das vom alten Fuchs, der die Allianz nur benutzt, um seine Vorstellungen im eigenen Lager durchsetzen zu können. Zuzutrauen ist es ihm. (mit rtr)

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