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Chefsessel zu Lengert Industrieklettern: „Macht euch nicht verrückt“

Sven Lengert

Sven Lengert

Foto:

Paulus Ponizak

Wie viel Zeit verbringen Sie pro Woche auf dem Chefsessel?

Nur so viel, wie wirklich nötig. Ich hänge den ganzen Tag über im Seil, abends setze ich mich dann zwei Stunden an den Schreibtisch. Diesen Pflichtteil würde ich aber am liebsten jemand anderem überlassen.

Wo können Sie am besten entspannen?

Abends auf der Couch, wenn ich Fachbücher lese. Zurzeit ist es „Der Mann und das Feuer“, ein Ratgeber zum Holzhacken und -stapeln.

Wollten Sie schon immer werden, was Sie jetzt sind?

Nein, ich wusste lange nicht, was ich werden will. Mit Ach und Krach habe ich die 10. Klasse geschafft und in verschiedenen Jobs gearbeitet. Mit dem Industrieklettern habe ich dann gefunden, was ich wollte.

Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Mit 14 Jahren habe ich in den Ferien bei einer Bäckerei bei uns im Prenzlauer Berg sauber gemacht.

Wer verdient Ihrer Meinung nach zu wenig?

Jeder, der Vollzeit arbeiten geht und trotzdem noch einen Zuschuss zum Leben braucht. Da fehlt mir einfach die Wertschätzung der Arbeit. Von seinem Gehalt sollte man nicht nur überleben können, sondern auch in den Urlaub fahren und seiner Familie mal eine kleine Freude machen können.

Was würden Sie niemals für Geld tun?

Petzen. Wenn einem nicht passt, was ich gemacht oder vielleicht auch angestellt habe, dann soll er mir das selbst sagen. Dann klären wir das. Aber hinter dem Rücken über jemand anderen tratschen ist das Letzte.

Welchen Wunsch wollen Sie sich noch erfüllen?

Keinen, ich habe gerade alles und bin sehr zufrieden. Wenn ich mir aber etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass meine drei Söhne in ihrem Leben auch irgendwann ankommen. Dass sie sich finden. Bei mir hat das etwas gedauert mit dem Ankommen.

Wie kommen Sie ins Büro?

Barfuß, mein Arbeitszimmer habe ich ja zu Hause. Oder eben mit dem Auto, wenn ich auf die Baustelle muss.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie abends nach Hause kommen?

Auf meine geschiedene Frau. Wir haben uns 2009 getrennt, sind aber seit vergangenem Jahr wieder zusammen und sehr glücklich.

Wie lautet Ihr wichtigster Rat an Schulabgänger?

Macht euch nicht verrückt. Ihr werdet schon herausfinden, wer ihr seid und was ihr machen wollt. Verreist erstmal, lernt andere Leute und Länder kennen, sammelt Erfahrungen. Es gibt so viele Möglichkeiten, glücklich zu werden. Und lasst euch nicht einreden, dass ihr ohne Studium nichts wert seid.

Womit bringt sich ein Bewerber im Vorstellungsgespräch um alle Chancen?

Wenn er auf dicke Hose macht. Ich wünsche mir von dem Bewerber, dass er lernen möchte. Aber es muss zwischenmenschlich passen. Industrieklettern ist ein intensiver Job, eine tiefe persönliche Bindung gehört dazu.

Was würden Sie mit 50 Millionen Euro in Berlin verändern?

Ich würde das Geld den öffentlichen Schulen geben. Dort fehlen Lehrer und Erzieher, viele Stunden fallen aus. Dabei ist die Schule eine so elementare Einrichtung.



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