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Crowd Guru, Clickworker & Co.: Das App-Proletariat

Crowd-Guru-Chef Hans Speidel: Er koordiniert aus Kreuzberg die Klick-Jobber.

Crowd-Guru-Chef Hans Speidel: Er koordiniert aus Kreuzberg die Klick-Jobber.

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Benjamin Pritzkuleit

Freitag ist Bon-Tag für Birte Koch, die eigentlich anders heißt. Die 48-Jährige sieht sich dann tausende Einkaufsbelege an. Bons von Edeka, Rewe, Lidl, Aldi, Kaufland. Sie kommen aus Filialen aus ganz Deutschland und landen auf dem Bildschirm von Kochs Laptop.

Es sind Schnäppchenjäger, die die Bons fotografieren und an Birte Koch schicken. Die Leute ahnen nicht, dass sich Koch den Bon ansieht, oder überhaupt irgendein Mensch. Die Supermarkt-Einkäufer nutzen die App Scondoo, die Werbeaktionen für Lebensmittelkonzerne macht. Die Verbraucher bekommen einen Teil des Kaufpreises erstattet, wenn sie mit dem Bon-Foto beweisen, dass sie das Produkt tatsächlich gekauft haben.

Zur Überprüfung der Bons braucht es Menschen. Texterkennungssoftware bekommt das nicht hin. Ein Landliebe Grießpudding heißt bei manchen Ketten auf dem Bon „Landl. Gr.pudding“, bei anderen „Landliebe Griessp.“ Ein Mensch kann leicht erkennen, welches Produkt gemeint ist, eine Maschine nicht. Also landen die Bons bei Birte Koch.

Ein Sturzregen von Belegen

Morgens sind es nur einige wenige. Doch dann steigt die Frequenz, mit der die Bons auf dem Bildschirm ihres Laptops auftauchen. Abends prasselt ein regelrechter Sturzregen von Bons auf Koch ein. Im Sekundentakt erscheinen neue Einkaufsbelege auf dem Bildschirm vor ihr. Obwohl kein Chef Birte Koch anweist, am Freitagabend vor dem Bildschirm mit Bons sitzen zu bleiben, klappt sie ihn selten vor zehn Uhr abends zu.

Koch wird pro überprüftem Bon bezahlt, es gibt zwar nur ein paar Cent pro Einkaufsbeleg, doch wegen der Masse an Bons kann sie an einem Freitagabend neun oder sogar zehn Euro in der Stunde machen, ein absoluter Ausnahmeverdienst für einen solchen Job, und Koch weiß, dass sich andere Klick-Jobber auf die Bons stürzen werden, die sie liegen lässt.

Fünf Stunden, manchmal auch zehn Stunden am Tag klickt sich Koch durch Mikro-Jobs, überprüft nicht nur Bons, sondern reichert auch Datensätze an oder recherchiert Ansprechpartner bei Firmen. Am Ende des Monats, sagt sie, sind mindestens 500 Euro übrig. „Den Stundenlohn rechne ich mir nicht aus“, sagt Koch.

Bevor Koch Web-Arbeiterin wurde, baute sie unter anderem das Vertriebsnetz für eine Modeschmuckfirma auf. Doch dann ist sie mit ihrer Familie nach Estland gezogen, mitten aufs Land. Fast eine Stunde braucht sie, um in die Hauptstadt Tallinn zu kommen, wo sie vielleicht eine Vollzeitstelle finden könnte. Doch Koch suchte eine Teilzeit-Stelle, weil sie sich um ihre Tochter kümmern will. Und in Estland gibt es nur wenige Teilzeit-Angebote. So wurde sie Klick-Jobberin.

Zentrale an der Spree

Gurus werden Koch und die anderen Klick-Arbeiter in Kreuzberg genannt. Aus einem Büro in einem renovierten Gewerbehof an der Spree werden Koch und die anderen Gurus koordiniert: Crowd Guru steht auf einer Tafel im Büro. Das ist der Name der Plattform. Sie gehört zu den führenden Crowdsourcing-Anbietern in Deutschland. Mehr als 30.000 deutschsprachige Klick-Jobber sind bei der Plattform angemeldet. Die Liste der Kunden reicht von Airbnb über die Deutsche Telekom und Paypal bis zu Zalando.

Hans Speidel, Dreitage-Bart, Hemd, Jeans, ist der Crowd-Guru-Geschäftsführer. Mehr als die Hälfte der Aufträge kommen inzwischen von Firmen, die oft ganze Prozesse in die Crowd auslagern – so wie das Bons-Checken. Es sind vorwiegend Unternehmen mit einem Geschäftsmodell, das ohne das Internet nicht funktionieren würde.

Online-Modeshops etwa, für die die Klick-Arbeiter Kleidungsstücke einsortieren, rund eine Million Produkte pro Monat. Dabei geht es etwa darum, ob ein bestimmter Gürtel in die Kategorie des Taillen-, Stoff-, Leder-, Nieten-, Wende- oder Flechtgürtels fällt. So wie Speidel es sieht, vernichten Plattformen wie Crowd Guru daher keine Arbeitsplätze von Festangestellten. Denn vor der Digitalisierung gab es diese Aufgaben nicht.

Tatsächlich ist der Prozess indirekter. Die Digitalisierung wälzt ganze Branchen um: Stationäre Einzelhändler machen weniger Umsatz und bauen Stellen von Festangestellten ab. Gleichzeitig wachsen E-Commerce-Anbieter – und lagern einen Teil der Tätigkeiten an die neuen Web-Jobber aus.

Texten nur für Google

Auch Jana Dietz aus Leipzig schafft etwas, für das es erst seit der Digitalisierung einen Bedarf gibt: Eine unendliche Menge an Texten, möglichst billig, aber immer „unique“, also einzigartig. Nur dann werden die Texte nämlich von Google und anderen Suchmaschinen als wertig eingestuft, und nur darum geht es: Texte mit den richtigen Schlüsselwörtern zu produzieren, die dann bei den Suchergebnissen möglichst weit vorne landen.

Dietz hat daher meist strikte Vorgaben beim Texteverfassen. Sie bekommt genaue Angaben, in wie viele Abschnitte der Text zu unterteilen ist und welche Schlüsselwörter unbedingt vorkommen müssen, wie oft etwa die Keywords „Mietwagen, Autovermietung, Sixt“ auftauchen müssen. Googelt man nach solchen Begriffen, landet man fast immer bei Keyword-gespickten Texten, die Autoren wie Dietz geschrieben haben.

Wie Birte Koch ist Jana Dietz überqualifiziert für diese Arbeit. Sie hat Abschlüsse in BWL und Jura, doch derzeit kümmert sie sich vor allem um ihren kleinen Sohn. Vor zwei Jahren, als ihr Kind gerade zwei Monate alt war, suchte sie im Netz nach einer Nebentätigkeit, um etwas Geld zum Einkommen ihres Partners dazuzuverdienen. So landete sie bei Clickworker, einem Konkurrenten von Crowd Guru. Dietz bestand den Einstiegstest, bei dem sie einen Probetext schreiben und in Sätzen Fehler finden musste. So qualifizierte sie sich als Autorin. Inzwischen korrigiert sie auch die Texte anderer.

Dietz gehört zu den Besten auf der Plattform. 99 Prozent beträgt ihr Autorenscore. Diese Bewertung ist entscheidend. Würden sich Fehler in ihre Texte einschleichen, würde er sinken. Sinkt er unter eine Schwelle von 90 Prozent, bleibt der Zugang zu den am besten bezahlten Textaufträgen verwehrt. „Wer einen schlechten Autorenscore hat, hat ein Problem“, sagt Dietz.

Dietz ist schnell, ein 110-Wörter-Unternehmensprofil tippt sie in zehn Minuten runter. Fehlerfrei. Und sie macht keine typischen Anfängerfehler mehr. Nicht im Lohn enthalten ist nämlich die Zeit, die es braucht, um das Autorenbriefing zu lesen, das schon mal zwei Seiten lang sein kann.

Weniger als drei Euro die Stunde

Es lohnt sich in der Regel nur, solche Aufträge anzunehmen, bei denen nach dem gleichen Muster mehrere Texte verfasst werden. „Sonst braucht man viel zu lange, um die Anforderungen zu bestehen und bekommt dann vielleicht noch den Text zur Überarbeitung von der Korrektur zurück. Dann verdient man schnell weniger als drei Euro die Stunde.“ Dietz schätzt, dass sie ein Jahr gebraucht hat, um zu verstehen, von welchen Aufgaben sie besser die Finger lässt.

Clickworker-Chef Christian Rozsenich sagt: „Wenn der Verdienst zu gering ist, erledigt den Job niemand. Und die Leute wissen in der Regel sehr gut, wie viel sie wert sind.“

Für die Akademikerin Jana Dietz liegt die Untergrenze bei einem Euro in der Stunde. Zwischen 50 bis 400 Euro verdient sie im Monat durchschnittlich. Ihr Ziel: zehn Euro am Tag. „Wenn ich die zusammenbekomme, ist das sehr schön.“



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