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DDR-Kult-Motorrad: Die Schwalbe kommt als Luxus-Moped zurück

Im Katalog macht die neue Schwalbe schon mal einen guten Eindruck.

Im Katalog macht die neue Schwalbe schon mal einen guten Eindruck.

Foto:

Conleys

Berlin -

Das Gefährt hat zwei Räder, einen Einzylinder-Motor mit 49,9 Kubikzentimeter Hubraum und wird angepriesen wie ein kleines Wunderwerk: Alle „Ausführungen de luxe werden in Deutschland, mit viel Detailtreue und in Handarbeit gefertigt“. Der Originalrahmen sei „vollständig entlackt, gesandstrahlt und pulverbeschichtet“.

Das Besondere dabei: Es geht um ein Moped, das eine fünfzigjährige Geschichte aufweist und dessen Produktionslinien schon seit Jahren stillgelegt sind – die Schwalbe, in der DDR hergestellt vom VEB Fahrzeug und Gerätewerk Simson im thüringischen Suhl.

Exquisiter Preis

Dennoch ist es nun in einer Luxus-Version auf dem Markt. Im Mode-Katalog Conleys, der höherwertige Bekleidung, Schuhe und Accessoires vertreibt, kann das gute Stück bestellt werden. Exquisit ist auch der Preis dieses Klassikers: 7990 Euro plus Versandkosten. Lieferung wird innerhalb von drei Wochen versprochen. Früher kostete eine Schwalbe je nach Ausstattung zwischen 1200 und 1700 DDR-Mark.

Für die Konstrukteure und Erbauer der mittlerweile ja schon wieder legendären Schwalbe dürfte dies eine späte Genugtuung sein. Ein Moped aus dem Osten überlebt alle technologischen und Design- Neuerungen und wird zu einem Preis angeboten, für den man einen kleinen Neuwagen oder ein gutes gebrauchtes Auto bekommt. Natürlich betonen die Katalogtexter, dass das Moped „technisch auf dem neuesten Stand“ sei: Zur Serienausstattung dieses Modells gehören demnach eine elektronische 12V-Zündanlage, LED-Blinkleuchten, Halogen-Klarglasscheinwerfer sowie eine Alarmanlage. Unverwechselbar: die eiförmigen Blinker.

Aber wie kann es sein, dass ein Zweirad, das schon seit Jahren nicht mehr gebaut wird, nun in neuem Glanz auf den Markt kommt? Es handelt sich dabei um sogenannte Neuaufbauten. Dabei dürfen fast alle Teile neu sein – Scheinwerfer, Sitz, Speichen, Motoren. Eines muss aber aus der originalen Baureihe stammen: der Rahmen samt Fahrgestellnummer. Nur so gilt weiterhin die technische Zulassung des Fahrzeugs. Um den alten Rahmen herum entsteht praktisch ein neues Gefährt – mit Materialien, wie es sie zu Zeiten der Serienfertigung in Suhl noch gar nicht gab.

Passende Lederjacke zur Schwalbe

Die Schwalben aus dem Modekatalog werden von der Firma Zweiradtechnik Schilling in Kraftsdorf, Landkreis Greiz in Thüringen, hergestellt. Chef Daniel Schilling ist ein Fan der Simson-Zweiräder, insbesondere der Schwalbe. Seit 17 Jahren bietet er seinen Service für Kleinkraft- und Motorräder aus der DDR unter der Eigenmarke „deluxe by ds“ an. „Es ist mein Steckenpferd und meine Leidenschaft, diese Mopeds wieder aufzubauen“, sagt er: „Ausgefallene Wünsche fordern mich erst recht heraus.“

Er mache alles: von der Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit über Restauration und optisches Tuning bis hin zum kompletten Neuaufbau. Im letzten Fall entstehe dann eben diese fast neue Schwalbe. Der Drei-Mann-Betrieb liefert im Jahr Mopeds „im dreistelligen Bereich“ aus, wie er sagt. „Jede Schwalbe, jedes Moped, bauen wir in gleich hoher Qualität wieder auf.“

Er bringt sowohl die Mopeds für die Besitzer wieder in Schuss als auch für Käufer, die sich erstmals oder wieder für die Simson-Fahrzeuge interessieren. Passend zur Schwalbe bietet Schilling Helm, Rucksack und – natürlich handgefertigt – eine Lederjacke mit an.

Die Produktion der Schwalbe war 1964 aufgenommen worden. Nach der Wende und der Privatisierung brachen die Absatzmärkte weg, die damalige Simson Fahrzeug GmbH Suhl ging unter. Auch Nachfolge-Unternehmen war kein unternehmerisches Glück beschieden, das letzte ging 2003 in die Insolvenz.

Insgesamt hat Simson mehr als fünf Millionen Zweiradfahrzeuge gebaut. Schätzungsweise eine halbe Millionen Mopeds – von der Schwalbe bis zum Habicht – rollen noch durch Deutschland. Im Internet werden gebrauchte Exemplare aus privater Hand angeboten. Die Preise bei der Schwalbe gehen für Liebhaberstücke bis auf 2000 Euro hoch, aber auch mit 500, 600 Euro hat man schon gute Chancen. Und wenn man mal was kaputtgeht: Die Firma MZA Meyer-Zweiradtechnik GmbH mit Sitz in Vellmar bei Kassel ist heute der große Anbieter und Lieferant von Simson-Ersatzteilen, ebenfalls hergestellt nach Original-Zeichnungen. MZA beliefert ausschließlich Fachhändler und verschickt nach eigenen Angaben jährlich mehr als 60.000 Pakete mit Ersatzteilen.

Rasen erlaubt

Mögen bei den langjährigen Haltern der Mopeds auch nostalgische Gründe eine Rolle spielen, dürfte für Neueinsteiger ein anderer Aspekt von Interesse sein. Denn eine historische Besonderheit bevorteilt die Mopeds aus DDR-Zeiten gegenüber der heutigen Konkurrenz: Man darf mit ihnen rasen – sofern man Geschwindigkeiten bis zu sechzig Kilometer je Stunde als Rasen bezeichnen will. Im Einigungsvertrag wurde festgelegt, dass für Simson-Mopeds weiterhin dieses Tempo-Limit gilt. Die übrigen Roller und Scooter in diesem Segment dürfen nur bis maximal fünfzig km/h fahren.

Die zweirädrigen Oldtimer haben dafür nur eine Voraussetzung zu erfüllen: Sie müssen vor Ende Februar 1992 zugelassen worden sein. Dann steht dem Rausch der Geschwindigkeit nichts im Wege, ob nun in der hochpreislichen Version oder dem langgedienten Modell mit Beulen und Rostflecken.



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