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Berliner Zeitung | Devisenmarkt: Manipulierte Milliarden
14. June 2013
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Devisenmarkt: Manipulierte Milliarden

Prinzip der Manipulation: Der Kunde verliert, die Bank gewinnt.

Prinzip der Manipulation: Der Kunde verliert, die Bank gewinnt.

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dpa/Oliver Berg

Es ist der größte Markt der Welt: Zwischen 4000 und 5000 Milliarden Dollar werden am globalen Devisenmarkt umgesetzt – jeden Tag. Das ist fast das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Gleichzeitig ist der Devisenmarkt kaum reguliert, da der Handel zumeist nicht über Börsen, sondern zwischen Banken abgewickelt wird. Nun sind die Wertpapierbehörden Großbritanniens und der USA alarmiert: Banker und Devisenhändler, so der Verdacht, sollen über zehn Jahre Wechselkurse zu ihren Gunsten manipuliert haben.

Im Zentrum der Untersuchung stehen die Wechselkurse, die von WM/Reuters ermittelt werden, hinter denen die Firmen State Street und Thompson Reuters stehen. Die WM/Reuters-Wechselkurse gelten weltweit als Maßstab für Unternehmen und Banken, Fondsmanager nutzen sie, um den Wert ihrer Investments zu berechnen. Sie liegen vielen spekulativen Termingeschäften zu Grunde.

Kurse drücken

Die Wechselkurs-Manipulatoren sollen sich nun die Art und Weise zunutze gemacht haben, in der die WM/Reuters-Kurse berechnet werden: Für die 21 wichtigsten Währungen – vom Dollar über den Euro bis zum südafrikanischen Rand – legt WM/Reuters die Kurse halbstündlich fest. Als Berechnungsgrundlage dienen die 30 Sekunden vor und nach dem Beginn der halben Stunde. Alle Devisengeschäfte innerhalb dieser 60 Sekunden werden addiert und ein Mittelwert errechnet, der dann den WM/Reuters-Kurs bildet. Diese 60 Sekunden sollen Devisenhändler genutzt haben, um die Kurse in eine gewünschte Richtung zu schieben.

Zum Beispiel so: Ein Händler hat von einem Kunden den Auftrag, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Milliarde Euro gegen britische Pfund zu verkaufen. Mit diesem Wissen verkauft der Händler nun bereits in der 60-Sekunden-Periode unmittelbar vor dem Auftragsgeschäft einen größeren eigener Euro-Betrag und erwirbt dafür britische Pfund.

Dadurch drückt er den für die nächste halbe Stunde geltenden WM/Reuters-Kurs für den Euro nach unten und kann zum entscheidenden Zeitpunkt mit seinen gerade erworbenen britischen Pfund billig die Euros seines Kunden kaufen. Den Schaden hat der Kunde. Den Gewinn macht die Bank.

Die Londoner Marktaufsichtsbehörde hat nun Anfragen an vier Banken gestellt, die interne Kommunikation ihrer Mitarbeiter nach verdächtigen Nachrichten zu durchforsten. Darunter sollen auch die Deutsche Bank und die Citigroup sein – beide Banken wollen sich derzeit nicht zu dem Fall äußern. Eine formale Untersuchung haben die Briten noch nicht eingeleitet. Auch die US-Finanzaufsicht hat sich eingeschaltet.

Ob die Aufseher erfolgreich sein werden, ist jedoch unsicher: Da Devisenkurse selbst keine Finanzprodukte sind, fallen sie nicht unter die europäische Finanzmarktrichtlinie, die den Anlegerschutz und die Transparenz der Märkte verbessern soll. Die Internationale Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden könnte daher bereits nächsten Monat neue Richtlinien erlassen, um die Transparenz im Devisenmarkt zu erhöhen, meldet die Finanzagentur Bloomberg.