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Berliner Zeitung | Die „kämpfenden Putzfrauen“ in Griechenland: „Man hat viele Lügen über uns verbreitet“
07. April 2015
http://www.berliner-zeitung.de/1071810
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Die „kämpfenden Putzfrauen“ in Griechenland: „Man hat viele Lügen über uns verbreitet“

Vasiliki Gkova ist 45 Jahre alt und arbeitete 30 Jahre lang als Reinigungskraft im Finanzministerium in Athen. Gkova ist verheiratet und hat zwei Kinder. 2013 wurde sie gemeinsam mit ihren landesweit 595 Kolleginnen vom Dienst suspendiert. Mit ihnen bildet sie die Gruppe der „kämpfenden Putzfrauen“.

Vasiliki Gkova ist 45 Jahre alt und arbeitete 30 Jahre lang als Reinigungskraft im Finanzministerium in Athen. Gkova ist verheiratet und hat zwei Kinder. 2013 wurde sie gemeinsam mit ihren landesweit 595 Kolleginnen vom Dienst suspendiert. Mit ihnen bildet sie die Gruppe der „kämpfenden Putzfrauen“.

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BLZ

Die „kämpfenden Putzfrauen“ sind über Griechenland hinaus bekannt. Ihr Markenzeichen sind knallrote Plastikhandschuhe und Putzeimer, mit denen sie auf Demonstrationen und Streiks marschieren. Sie unterstützten den Arbeitskampf der Journalisten des öffentlichen Rundfunks, den Protest der Bauern und der entlassenen Schülerlotsen und Berufsschullehrer. Die Berliner Zeitung sprach mit einer von ihnen, Vasiliki Gkova.

Frau Gkova, derzeit verhandelt die griechische Regierung mit ihren Kreditgebern aus EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) über neue Kredite. Was erhoffen Sie sich?

Nun zunächst, dass ich meinen Job wiederbekomme. Und auch, dass meine Kolleginnen wieder eingestellt werden – und viele andere, die zu Unrecht entlassen worden sind. Und natürlich, dass Griechenland wieder die Möglichkeit bekommt, eine Politik zu machen, die das Elend beendet.

Wovon leben Sie derzeit?

Ich bekomme wie die anderen Suspendierten des Öffentlichen Dienstes noch 75 Prozent meines alten Gehalts. Also 300 Euro im Monat. Das ist schon was, die meisten Arbeitslosen in Griechenland sind Langzeitarbeitslose, die bekommen gar nichts mehr.

Wie lebt man von 300 Euro?

Zum Glück arbeitet mein Mann noch, der verdient 560 Euro im Monat. Zusammen mit meinen 300 kommen wir schon hin. Leider können wir unsere zwei Kinder nicht mehr so unterstützen, wie wir das gerne würden.

In Deutschland berichtete kürzlich wieder eine große Zeitung, Putzfrauen wie Sie hätten 1 000 Euro im Monat verdient – für einen Halbtagsjob.

Das wäre schön! Zuletzt erhielt ich nach 30 Dienstjahren insgesamt 520 Euro, netto allerdings. Das Gerücht mit den 1 000 Euro hatte das Finanzministerium gestreut. Wir haben daraufhin unsere Gehaltszettel am Gebäude aufgehängt.

Die „kämpfenden Putzfrauen“ Griechenlands sind inzwischen ein Symbol für den Widerstand gegen die Sparpolitik. Waren Sie vor ihrer Entlassung schon politisch aktiv?

Nein, ich habe mich nie um Politik gekümmert. Stellen Sie sich vor, ich habe im Finanzministerium gearbeitet und wusste nicht einmal, wer Finanzminister ist.

Der Finanzminister war damals unter ziemlichem Druck der Troika aus IWF, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank. Die Troika forderte von ihm eine drastische Reduzierung der öffentlichen Beschäftigten. Wie haben Sie Ihren Job verloren?

Ich arbeitete im Hauptgebäude des Finanzministeriums, gemeinsam mit fünf Kolleginnen. Im Mai 2013 gab es erste Gerüchte, dass die Troika eine gewisse Zahl von Entlassungen verlangte, um die Staatsausgaben zu senken. Stück für Stück tröpfelten dann weitere Nachrichten, dass alle 595 Putzfrauen des Finanzministeriums entlassen würden. Wir sind zu unserem Vorgesetzten gegangen, um die Sache zu klären. Doch uns wurde gesagt, man wisse von nichts. Das war natürlich eine Lüge, damit wir erstmal weiter arbeiten. Aus Protest haben wir eine kleine Revolte versucht – wir haben einfach unsere Arbeit niedergelegt. Das war natürlich unangenehm für das Finanzministerium, weil es immer dreckiger wurde. Aber es half nichts, am 18. September wurden wir endgültig suspendiert.

Wie war das für Sie?

Das war ein Schock. Ich bin den ganzen Weg nach Hause gelaufen, war panisch, wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich meine, neue Arbeit gab es schlicht nicht. Als ich nach Hause kam, habe ich gleich den Telefonanschluss gekündigt, den Internet-Anschluss und die Handy-Verträge meiner Kinder. Ich hatte panische Angst vor Schulden, die ich nicht bezahlen kann. In den nächsten Wochen bin ich dann kaum noch ausgegangen, habe seltener gekocht, weil ich nicht einkaufen gehen wollte. Ich habe mich ganz zurückgezogen, war gereizt – vor allem, wenn die Kinder sich über das schmale Frühstück beschwert haben. Ich habe ihnen gesagt: Ab jetzt gibt es nur Milch!

Ihre Kolleginnen hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon vor dem Finanzministerium postiert und protestierten. Wollten Sie nicht mitmachen?

Nein. Ich wurde zwar angerufen, habe aber abgelehnt. Ich saß lieber in meinem Zimmer und habe geweint.

Wie kommt man da raus?

Nicht von allein. Eines Tages hat mein Mann gesagt: „Komm, wir gehen mal spazieren“. Und dann ging er mit mir vor das Finanzministerium, wo die Putzfrauen protestierten. Ich kam dort hin, alle haben mich begrüßt und umarmt – und seitdem bin ich jeden Tag dort gewesen. Wann immer ich mich verspätete, rief sofort eine Kollegin an um zu fragen, ob ich einen Rückfall hätte.

Was haben Sie vor dem Ministerium gemacht?

Wir standen dort mit Transparenten, haben Parolen gerufen. Einmal kam sogar Alexis Tsipras vorbei und versprach, uns wieder einzustellen, wenn Syriza die Wahlen gewinnt. Gleichzeitig haben wir auch versucht, juristisch gegen unsere Entlassung vorzugehen. Vor Gericht bekamen wir im Mai 2014 sogar Recht. Die Richter sagten, das Finanzministerium könne nicht beweisen, dass wir eine fiskalische Belastung seien – irgendwer muss das Ministerium ja putzen und dafür bezahlt werden. Aber das oberste griechische Gericht hat die Ausführung des Urteils ausgesetzt mit dem Argument, unsere Wiedereinstellung sei eine politische Entscheidung, keine juristische. Und die Politik hat sich einfach vor einer Entscheidung gedrückt. Statt uns einzustellen, hat sie die Polizei geholt, die uns wegräumen sollte.

Hatten Sie zuvor schon mal Probleme mit der Polizei?

Nein nie! Ich war nur auf dem Revier, um meinen Personalausweis zu holen.

Offenbar hat die Polizei es nicht geschafft, Sie zu entfernen.

Aber sie haben es versucht. Wir sind geprügelt und beschimpft worden – von jungen Männern, die unsere Söhne hätten sein können. Die haben auf Frauen eingeschlagen, die 45 bis 65 Jahre alt sind. Wer macht denn so etwas? Ich bin sogar verhaftet worden – ein Polizist packte mich von hinten, trug mich weg, brachte mich in einen Polizeiwagen und sagte mir, ich sei verhaftet. Ich hätte auf ihn eingeschlagen und nun habe er Schwindelgefühle. Können Sie sich das vorstellen – ich schlage einen ausgewachsenen Mann schwindlig? Ich bin dann ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil ich eine Rippenprellung hatte. Dort blieb ich zwei Tage und wurde von sechs Polizisten bewacht. Man warf mir Landfriedensbruch vor, schwere Körperverletzung und Widerstand gegen die Behörden.

Haben Sie Angst gehabt?

Ja. Schlimmer war aber: Meine schwer krebskranke Mutter wollte mich sofort besuchen. Aber die Polizisten haben sie nicht durchgelassen.

Ist die Anklage aufrecht erhalten worden?

Noch ist nichts entschieden. Drei Polizisten haben ausgesagt, ich hätte sie verprügelt. Drei! Man hat viele Lügen über uns verbreitet. Dabei zeigen die Videos von Passanten eindeutig, wer zugeschlagen hat, nämlich die Polizisten. Von da an haben wir unsere Proteste verstärkt, haben auf dem Bürgersteig vor dem Ministerium Zelte aufgestellt. Seitdem protestieren wir 24 Stunden jeden Tag. Nachts halten einige Wache, die anderen schlafen. Die Politiker ließen uns in Frieden, weil die Wahlen näher rückten und man keine Negativ-Schlagzeilen wollte. Wir wurden aber von zwei Spezialeinheiten bewacht.

Ist das nicht beängstigend?

Am Anfang schon. Aber dann wird man wütend. Und irgendwann findet man das auch irgendwie amüsant. Manchmal spielen wir mit der Polizei, rennen plötzlich auf sie zu und schauen, wie sie reagieren.

Werden Sie unterstützt von der Bevölkerung?

Ja, von Syriza-Politikern, aber auch von normalen Menschen. Sie bringen uns Essen, weil wir ja nicht mehr kochen können. Wir bekamen Zelte, kleine Öfen und so weiter. Es ist sehr überraschend und berührend, wenn sich völlig fremde Menschen plötzlich auf deine Seite stellen.

Wer hat eigentlich unterdessen das Ministerium geputzt?

Natürlich nicht die Finanzbeamten. Der Putzauftrag ging an eine externe Firma. Wir haben mit den Frauen gesprochen, sie verdienen 1,5 bis 2 Euro die Stunde.

Hat sich für Sie etwas verändert, seit Syriza an der Regierung ist?

Wir haben wieder Hoffnung. Es gibt jetzt einen Gesetzesentwurf, der unsere Wiedereinstellung vorsieht – nicht nur unsere, sondern auch die vieler anderer.

Sie haben mächtige Gegner – die Euro-Finanzminister, den IWF. Die Kreditgeber verlangen weiter strenge Sparmaßnahmen von der griechischen Regierung. Was, wenn die Putzfrauen nicht wieder eingestellt werden?

Dann protestieren wir weiter. Ich habe nicht gekämpft, damit Syriza an der Regierung ist. Sondern damit wir unsere Arbeit wiederbekommen. Ich arbeite, seit ich zwölf Jahre alt bin, die Schule habe ich abends besucht. Ich bin kämpfen gewohnt. Und wenn alle zusammen kämpfen, kann man einiges erreichen.

Das Gespräch führte Stephan Kaufmann.


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