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Einkommen: Deutschlands sinkende Löhne

Die Zahlen zum deutschen Wirtschaftswachstum 2013 stellten einige Experten kürzlich vor ein Rätsel. Warum, so fragten sich Ökonomen, konsumieren die privaten Haushalte so wenig? Schließlich sind so viele Menschen erwerbstätig wie noch nie, es gibt Lohnerhöhungen, die Arbeitslosigkeit liegt sehr niedrig und ebenso die Inflationsrate. Die Antwort auf die Frage lieferte am Donnerstag das Statistische Bundesamt: Trotz allen Erfolgsmeldungen sind die Monatslöhne im vergangenen Jahr im Durchschnitt real gesunken.

Krise und hohe Arbeitslosigkeit schwächen in vielen europäischen Ländern die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer. Das gewerkschaftsnahe Institut WSI konstatiert eine „weitreichende Zerstörung von Flächentarifvertragsstrukturen“ in Europa. 2012 gingen in 20 EU-Staaten die Löhne real zurück, so das WSI, ein Jahr später sei dies noch in zwölf EU-Ländern der Fall gewesen. Zum Beispiel in Griechenland, wo das Reallohnniveau 2013 um mehr als sechs Prozent schrumpfte.

Doch dies sind Krisenländer – in Deutschland, der Konjunkturlokomotive Europas, ist die Lage anders. Könnte man glauben. Doch das stimmt nur bedingt. So stiegen im vorigen Jahr zwar die deutschen Bruttomonatsverdienste um 1,3 Prozent. Da die Inflationsrate aber bei 1,5 Prozent lag, ergibt sich ein realer Lohn-Verlust von 0,2 Prozent.

Warum ist das so, trotz des deutschen „Arbeitsmarktwunders“? Das Statistische Bundesamt nennt einen Grund: Die häufig erfolgsabhängigen Sonderzahlungen gingen 2013 zurück. Klammert man Sonderzahlungen aus, so zeigen die deutschen Monatsverdienste ein Plus von 0,2 Prozent. Dies ist allerdings auch sehr mager und zeigt: Der strukturell und langfristig schwache Lohntrend in Deutschland ist noch nicht gebrochen. Hinter ihm stehen die bekannten Faktoren: die Deregulierung des Arbeitsmarkts, die Zunahme sogenannter atypischer Beschäftigungsformen wie Teilzeit, die sinkende Arbeitszeit pro Beschäftigtem, die schwächere Signalwirkung von Tarifabschlüssen auf den gewachsenen Sektor der nicht-tarifgebundenen Unternehmen, die Drohung von Firmen mit Abwanderung ins billigere Ausland und ihr Verweis auf die harte Kostenkonkurrenz auf dem Weltmarkt – schließlich bleibt die deutsche Wirtschaft abhängig von ihren Export-Erfolgen.

Insgesamt liegen die realen Netto-Löhne je Arbeitnehmer noch immer unter dem Niveau des Jahres vor 20 Jahren. Die mageren Lohnsteigerungen haben Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur: So stieg der private Konsum im vergangenen Jahr um 0,5 Prozent, was zwar gefeiert wurde, letztlich aber deutlich unter dem Durchschnitts-Plus der letzten 20 Jahre liegt. Der deutsche Einzelhandel setzte im vergangenen Jahr gerade einmal real 0,1 Prozent mehr um als 2012. Wegen der jahrelangen Rückgänge liegt der Umsatz – saisonbereinigt und real – allerdings noch unter dem Niveau von 1994.

Die schwarz-rote Bundesregierung hat sich in den vergangenen Wochen mehrfach verbal für stärkere Lohnsteigerungen ausgesprochen. Man darf gespannt sein, ob dem Taten folgen. Ein 8,50-Euro-Mindestlohn allein wird den Trend nicht brechen.