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Elektro-Lastenräder: Ein Arbeitspferd fürs 21. Jahrhundert

Autoersatz.

Autoersatz.

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imago stock&people

Nehmen wir eine junge Standardfamilie. Sie wohnt in einem Reihenhäuschen am Rande der Stadt. Vater und Mutter sind berufstätig. Eins der Kinder muss jeden Tag in den Kindergarten gebracht werden. Und sie sind umweltbewusst, denken schon länger darüber nach, ob sie auch ohne Zweitwagen auskommen. „Das ist eine ideale Konstellation“, sagt Tobias Spindler, Sprecher des Darmstädter Fahrradbauers Riese & Müller. Ideal wofür? Für ein Lastenrad.

Lastenräder haben das Zeug dazu, zu einem der großen Trends des Jahres 2014 zu werden. Damit etwas Neues sich durchsetzt und wahrgenommen wird, müssen immer mehrere Komponenten zusammenkommen. Zunächst technologische Entwicklungen, die ein Produkt attraktiver, seinen Einsatz einfacher machen. Und es muss eine Nutzergruppe geben, deren Bedürfnisse mit dem Produkt befriedigt werden. Wenn die Klientel dann noch als modern und fortschrittlich gilt, kann das immens helfen, einen Trend zu setzen. Beim Lastenrad passt vieles zusammen. Wobei es Fahrräder, die Güter transportieren, schon so lange gibt, wie es Fahrräder gibt. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos sieht man die Transporter mit zwei Rädern. Etwa wie Bäcker-Lehrlinge Brote ausfahren. Doch das war eine anstrengende Strampelei.

Die Zielgruppe ist ausgemacht

Inzwischen hat sich der Elektro-Hilfsantrieb durchgesetzt. Die sogenannten Pedelecs sind die mit deutlichem Abstand am schnellsten wachsende Kategorie der Zweiräder. In diesem Jahr kommen neue Modelle auf den Markt mit noch effizienteren Akkus und Motoren. Deren Einsatz bei Lastenrädern erleichtert das Vorwärtskommen auch bei schwerer Beladung. Auch gute Bremsen sind nötig, denn so ein Transportrad kann auf ein Gesamtgewicht von mehr als 200 Kilogramm kommen. Die sehr griffigen hydraulischen Scheibenbremsen, die aus der Welt der Mountainbikes stammen, sind hier gefragt.

Und die potenziellen Nutzer sind Menschen, die nicht nur im Reihenhäuschen in der Vorstadt, sondern auch in dicht bebauten Stadtvierteln in Hamburg oder Berlin wohnen. Wissenschaftler haben – übrigens im Auftrag mehrerer Autobauer – herausgefunden, dass sich hier eine junge, oft gut verdienende Schicht etabliert hat, die vom eigenen Auto wenig hält, weil es teuer ist, weil es dafür keinen Parkplatz gibt und weil die Fortbewegung mit dem Pkw in der Stadt immer mühsamer wird. Für Spindler ist klar, dass dies die potenziellen Nutzer von elektrisch unterstützten Lastenrädern sind.

Stephan Schreyer, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbandes, räumt ein, dass Lastenräder „noch nicht“ separat in den Statistiken seiner Organisation aufgeführt werden. Bislang sei das ein kleines, ganz spezielles Segment. „Doch wir hören, dass das Thema deutlich an Bedeutung gewinnt.“

Die Post fährt schon elektrisch

Dabei sind E-Transporträder schon in großer Zahl im Einsatz. Die Brief-Zusteller der Deutschen Post nutzen seit 2002 Pedelecs – etwa 6 000 an der Zahl. Tendenz steigend. Die Kollegen von La Poste in Frankreich lassen rund 10 000 Räder mit Elektro-Hilfsantrieb rollen.

Unter Federführung des alternativen Verkehrsclubs VCD und unterstützt vom Bundesumweltministerium, lief im vorigen Jahr das Projekt „Ich fahr Lastenrad an“. Im Frühjahr soll ein Internet-Informationsportal online gehen, das sich vor allem an Kommunen und Unternehmen richtet.

Mit dem Projekt „Ich ersetze ein Auto“ werden ebenfalls Elektro-Lastenräder als Transportfahrzeuge in acht Kommunen – darunter in Berlin und Leipzig – getestet, die Leitung hat das Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Den Projekten liegt die Beobachtung zugrunde, dass in den vergangenen Jahren das Aufkommen an kleinteiligen Lieferungen an private und gewerbliche Adressaten stark zugenommen hat. Das hat vor allem mit dem schnell wachsenden Onlinehandel zu tun. Hinzu kommt, dass Boutiquen, Schuhgeschäfte und andere Einzelhändler praktisch keine Lagerflächen mehr haben und deshalb beinahe täglich zur Ergänzung des Sortiments von Lieferanten angefahren werden.

Laut VCD macht der sogenannte innerstädtische Wirtschaftsverkehr in Kommunen wie Berlin oder München inzwischen fast 50 Prozent des täglichen Kraftfahrzeugaufkommens aus. Die Folge: Lieferwagen verstopfen die Straßen und behindern sich zunehmend gegenseitig. Hinzu kommt: Die Restriktionen für konventionelle Transporter wachsen. Kommunen erlassen Zufahrtbeschränkungen für Kraftfahrzeuge und weisen Umwelt- und Fußgängerzonen aus.

„Wir sehen das Elektro-Lastenrad als vollwertigen Ersatz des Autos für Gewerbetreibende“, sagt Frank Müller, Geschäftsführer der Berliner Firma Urban-E, die das iBullitt baut, das darauf ausgelegt ist, 100 Kilometer pro Tag zu bewältigen – eine Art Arbeitspferd fürs 21. Jahrhundert soll es sein. Für dieses Jahr erwartet er eine „deutliche Belebung der Nachfrage.“

Doch der VCD gibt dem E-Lastenrad eben auch als neue „Familienkutsche“ eine Chance. Die Auswahl ist groß. Auf der Website Nutzrad.de werden 177 verschiedene Modelle von hiesigen Fahrradbauern aufgeführt – Deutschland ist damit in puncto Vielfalt mutmaßlich Weltmarktführer. Es gibt Selbstbausätze für gut 1 000 Euro. Da sind aber noch nicht die Batterie und der Elektromotor dabei. Es gibt aber auch Räder, die um die 5 000 Euro kosten können. Etwa das iBullitt-Solar – mit Solarzellen auf der Transportbox. Der selbst gemachte Sonnenstrom vergrößere die Reichweite und verlängere die Lebensdauer der Batterie, erläutert Urban-E-Chef Müller.

Vier Grundtypen

Nicht nur beim Preis auch beim Fahrzeugtyp sind die Unterschiede groß. Es gibt vier Kategorien. Der sogenannte Long John, der aufgrund des niedrigen Schwerpunkts als die agilste Variante gilt: Ein Zweirad mit einer oft bottichartigen Transportbox zwischen Lenker und Vorderrad. Short John: Hier kommt die Fracht auf einen im Prinzip vergrößerten Gepäckträger hinter dem Sattel. Zudem sind dreirädrige Front- und Hecklader unterwegs – je nachdem, ob sich die Cargo-Einheit vorne oder hinter befindet. „In jedem Fall erfüllen die E-Cargobikes alle Mobilitätsbedürfnisse privater Nutzer“, sagt Spindler.

So kann das Modell Load (Long John) von Riese & Müller mit einem Kinder-Doppelsitz-Kasten versehen werden – für Eltern, die ihren Nachwuchs in den Kindergarten bringen. Auch für Baby-Sitzschalen ist Platz. Verschiedene Varianten von Transportboxen stehen zur Verfügung. „Damit kann man einen Wocheneinkauf bequem transportieren.“ Genaue Verkaufszahlen fürs Load will Spindler nicht nennen. Nur so viel: 2013 habe man im „guten dreistelligen Bereich“ gelegen. Dieses Jahr soll der Absatz „sehr stark“ gesteigert werden.


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