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Energiewende: Strom wird künftig selbst gemacht

Wettbewerb der Systeme: Derzeit versorgen sich drei Prozent der Deutschen selbst mit dem benötigten Strom.

Wettbewerb der Systeme: Derzeit versorgen sich drei Prozent der Deutschen selbst mit dem benötigten Strom.

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dpa/Patrick Pleul

Der Strommarkt in Deutschland wird umgekrempelt, die Macht der Energiekonzerne schrumpft. Für Holger Krawinkel, Energieexperte des Verbaucherzentrale Bundesverbandes, ist klar: Die Kunden von heute werden zunehmend zu Selbstversorgern.

Große Energieunternehmen legen Kraftwerke still und streichen Stellen. Sind die noch zu retten?

Der Schrumpfungsprozess der Konzerne wird weitergehen. Das ist vergleichbar mit dem Verkehrssektor in den 50er- und 60er-Jahren, als die Eisenbahn durch das Auto abgelöst wurde. Dieser Prozess lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Verbraucher sehen das auch so.

Wie meinen Sie das?

Wir haben eine Befragung gemacht, nach der nur noch 28 Prozent der Verbraucher meinen, die Stromerzeugung sollte eine Aufgabe der Stromkonzerne bleiben.

Wer übernimmt dann die Rolle der Konzerne?

Knapp die Hälfte aller Verbraucher strebt an, sich selbst mit Strom zu versorgen. Neben den privaten Haushalten wollen das aber auch kleinere Gewerbebetriebe – gerade mittels Solarenergie, die immer günstiger wird. Die Entwicklung von Batteriespeichern wird diesen Trend noch beschleunigen.

Heißt das, dass RWE und Co. gänzlich verschwinden werden?

Die Energiekonzerne haben die Chancen im Vertrieb noch nicht erkannt – mit einer Kombination aus schlüsselfertigen Solaranlagen, Beteiligungen an Windparks, Batteriespeichern, der Steuerung der Elektrogeräte im Haus und einer Art Reststrom-Versicherung – falls der Wind nicht weht, die Sonne nicht scheint und die Batterie leer ist. In einer „Industrialisierung“ dieses Angebots liegt die Chance der Energiewirtschaft. Die Energieversorgung wandert in den Konsumgüterbereich, wie einst der Transport durch das Auto. Das neue Konsumgut heißt nicht mehr Kilowattstunde, sondern Autonomie oder Selbstversorgung. Darin steckt ein riesiges Potenzial auch für Stromkonzerne, das weit größer als die heutige zentrale Stromerzeugung ist.

Aber wir werden noch immer konventionelle Kraftwerke brauchen. Doch wer soll sie betreiben?

Das Wirtschaftsministerium hat sich ein relativ raffiniertes Konzept ausgedacht, mit dem es auf die Androhung, Kapazitäten massiv stillzulegen, reagiert: Legt still, aber im Zweifel schreiten wir ein und verfügen, dass das Kraftwerk gegen eine Entschädigung weiter betrieben werden muss.

Eine halbe Verstaatlichung?

Versorgungssicherheit ist nun einmal ein öffentliches Gut. Ich gehe aber davon aus, dass die großen Übertragungsnetzbetreiber über kurz oder lang dazu übergehen, solche Reservekapazitäten auszuschreiben oder diese Anlagen sogar selbst zu betreiben.

Das vergrößert die Macht der Netzbetreiber massiv. Ist das gefährlich?

Zur Kontrolle gibt es die Netzagentur. Zudem geht es nicht um viel Geld. Das Vorhalten von Reservekapazitäten dürfte den Stromkunden künftig 0,2 oder 0,3 Cent pro Kilowattstunde kosten. Auch ist der Regulierungsaufwand nicht erheblich, da es letztlich um eine überschaubare Zahl von Anlagen geht.

Die Trennung von Netz und Erzeugung sollte mehr Wettbewerb bringen. Das würde wieder zurückgedreht. Ein Rückschritt?

Bereits heute sind die Netzbetreiber als natürliche Monopole für die Versorgungssicherheit zuständig – also dafür, dass die Spannung und Frequenz im Stromnetz konstant bleiben. Aber die Erweiterung der Zuständigkeit ist gedanklich kein großer Schritt. Jetzt kommt die Gasturbine hinzu, die das Stromsystem stabilisiert und damit den Blackout verhindert.

Steigen die Strompreise dann?

Wir haben ein Übergangsproblem. An Land produzierter Wind- und Solarstrom wird künftig mit fünf bis sieben Cent pro Kilowattstunde kaum teurer sein als Strom, der in neuen, fossilen Kraftwerken erzeugt wird. Dann brauchen wir keine Subventionen mehr für diese erneuerbaren Energien. Derzeit wird der Strompreis durch die EEG-Umlage in die Höhe getrieben. Das sind letztlich Subventionen für ältere Grünstromanlagen, dafür zahlen Verbraucher derzeit knapp 5,3 Cent pro Kilowattstunde. Es ist sinnvoll, einen Teil dieser Kosten aus der EEG-Umlage herauszunehmen und über Steuereinnahmen aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. So würde die Debatte über steigende Stromkosten durch Erneuerbare entschärft. Man könnte auch die Anlagenbetreiber zur Finanzierung der Kosten heranziehen.

Wie soll das funktionieren?

Wenn die Investitionen zum Beispiel für eine Solaranlage nach 15 bis 20 Jahren bezahlt sind, könnten Anlagenbetreiber eine Abgabe entrichten. Schließlich laufen diese Anlagen dann noch weit über zehn Jahre und produzieren Strom, ohne dass den Betreibern nennenswerte Aufwendungen entstehen. Solaranlagen schicken jedenfalls dann keine Rechnung mehr.

Ihr Konzept läuft auf ein neues Stromversorgungssystem hinaus. Kann die Politik das durchsetzen?

Die Politik wird getrieben werden, und zwar durch die Verbraucher, die sich zunehmend Solaranlagen und Batteriespeicher kaufen oder mieten und das System von unten her verändern. Ich bin sehr optimistisch.

Das Interview führte Frank-Thomas Wenzel.