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Ernährung ohne Fleisch und Milch: Das Geschäft mit den Veganern

Berlin ist dabei die vegane Hauptstadt der Bundesrepublik. Hier finden sich 23 Restaurants und Cafés, die ausschließlich pflanzliche Speisen und Getränke anbieten.

Berlin ist dabei die vegane Hauptstadt der Bundesrepublik. Hier finden sich 23 Restaurants und Cafés, die ausschließlich pflanzliche Speisen und Getränke anbieten.

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dpa

Vor zwei Jahren war er der stärkste Mann Deutschlands: Patrik Baboumian. Der gebürtige Iraner hielt unter anderem den Rekord im Baumstamm-Stemmen, seit er vor zwei Jahren einen 185-Kilogramm-Koloss anheben konnte. Und: Der 34-Jährige ernährt sich seit acht Jahren vegetarisch, seit zwei Jahren vegan. Er verzichtet konsequent auf tierische Produkte wie Milch, Käse und Eier und ersetzt sie durch pflanzliche Alternativen.

Weil bei ihm immer wieder Anfragen eintrudeln, wie er denn als professioneller Extremkraftsportler seinen Energiebedarf decke, hat er inzwischen Videos auf Youtube veröffentlicht, in denen er ausführlich erklärt, wie er mit Nüssen, Soja und Tofu auf die erforderlichen Protein- und Kalorienmengen kommt.

Nährstoffe, auf die Veganer achten müssen

Baboumian ist Veganer aus Überzeugung. Er trägt keine Daunenjacken und keine Lederschuhe. Honig mochte er ohnehin nie besonders, und er verzichtet auf Produkte, für die Tierversuche durchgeführt wurden. Konsequente Veganer wie Baboumian kaufen auch keine Kleidung aus Schafswolle oder Seide – letztere wird aus den Kokons der Seidenraupe gewonnen. Baboumian begründet seine Entscheidung damit, dass die Nutzung der Tiere für den Menschen ethisch nicht vertretbar sei, in welcher Form auch immer – so wie viele Veganer argumentieren. Aber auch Skandale in Mastbetrieben, Umwelt- oder Klimaschutzgedanken sowie Allergien können Motivationen sein, sich vegan ernähren zu wollen.

Baboumian wäre vor zehn Jahren mit seinen Ansichten noch ein echter Exot gewesen. Heute gibt es nach Schätzungen des Vegetarierbunds Deutschland etwa 800.000 Veganer. „Die Gruppe der Veganer ist in den letzten Jahren enorm gewachsen“, sagt Stephanie Stragies vom Vegetarierbund. „Im vergangenen Jahr waren es gerade mal 600.000.“ Berlin ist dabei die vegane Hauptstadt der Bundesrepublik. Hier finden sich 23 Restaurants und Cafés, die ausschließlich pflanzliche Speisen und Getränke anbieten – Tendenz steigend. Im März waren es gerade einmal 13.

Hinzu kommen immer mehr vegane Läden die alles anbieten, von lederfreier Mode bis hin zu veganem Sexspielzeug. Und wer sich nicht komplett auf die neue wachsende Kundschaft umstellen möchte, rüstet auf: Unzählige Cafés bieten inzwischen die Möglichkeit an, heiße Getränke auch mit Sojamilch zu bestellen, oft gegen einen Aufpreis von bis zu 50 Cent oder erweitern ihr Angebot um vegane Gerichte.

Veganer Boom

Die Nachfrage steigt stetig, und der Markt stellt sich darauf ein. „Die Zielgruppe wird für Unternehmen immer wichtiger“, erklärt Sebastian Zösch, Geschäftsführer des Vegetarierbunds. „Wir werden zunehmend von Wirtschaftsvertretern angesprochen, die um Unterstützung und Beratung bitten.“ Nach einer Studie im Auftrag der Veganen Gesellschaft Deutschland wurden im vergangenen Jahr mit veganen Alternativprodukten 232 Millionen Euro Umsatz erzielt. Das entspricht im Vergleich zum Jahr davor einem Wachstum von etwa 19 Prozent. „Die Zahlen belegen, dass vegane Alternativen immer wichtiger für unsere Gesellschaft werden“, sagt Christian Vagedes.

Er ist der Gründer der veganen Gesellschaft und zugleich Gründer der „Veganfach“-Messe, die am 2. November in Hamburg startet. „Wir erwarten, dass der Wirtschaftszweig dank der großen Nachfrage in Zukunft weiter wachsen und auch die Zahl der Veganer steigen wird.“ Ein Unternehmer, der den veganen Boom früh genutzt hat, ist Jan Bredack. Zwanzig Jahre lang war er Manager bei Daimler. Er half dabei, das erste Werk des Autoherstellers in Russland zu eröffnen und war für einen Milliardenumsatz verantwortlich. Es folgten ein Burnout und ein vollkommener Lebenswandel. Bredack startete neu durch mit der veganen Supermarktkette „Veganz“, die erste Filiale eröffnete er vor zwei Jahren in Prenzlauer Berg.

In Frankfurt eröffnete der Supermarkt im Januar dieses Jahres. Bis Ende 2015 sollen es europaweit 21 sein. Noch in diesem Jahr folgen neue Standorte in Wien, Prag, München und Leipzig. Dort finden Veganer, Allergiker und alle anderen Interessenten tausende Alternativen für Käse, Wurst und Milchprodukte. So zum Beispiel „Veguste No-Muh-Chäs golden“, ein äußerlich kaum von Gouda unterscheidbarer Block aus Kartoffelstärke, Reismehl, Nussmus, Ananas und Öl. Kostenpunkt für 200 Gramm: 6,49 Euro. Ein vergleichbares Stück Gouda kostet dagegen rund 2,50 Euro. Die Nachfrage ist trotz derartigen Preisen groß. Kein Wunder, schließlich fällt vielen Neu-Veganern anfangs die Ernährungsumstellung nicht leicht und sie sind bereit, für vegane Ersatzprodukte höhere Preise zu zahlen – zudem mangelt es an preisgünstigen Alternativen.

„Zurzeit sind viele vegane Produkte teurer als die tierischen“, räumt Kristin Sebastian von Veganz ein. Gründe dafür gebe es viele: Pflanzliche Ersatzprodukte würden oft nicht subventioniert. Zudem sei der Anbau vieler Pflanzen biologischer, die verantwortlichen kleinen Firmen seien nicht auf Masse ausgelegt – dadurch können Discounterpreise unmöglich erreicht werden.

Missionierende Extrem-Ökos

Den Vorwurf, ihm gehe es in erster Linie um ein gutes Geschäft, muss sich Attila Hildmann auch immer wieder anhören. Der Buchautor ist unter Veganern und Vegetariern eine Berühmtheit, seine Kochbücher verkauften sich hunderttausendfach. Er hat die vegane Ernährung bekanntgemacht und ihr ein neues Image verliehen: Weg von missionierenden Extrem-Ökos, hin zu gesundheitsbewussten, gut aussehenden, sportlichen, ganz normalen Menschen. Allerdings ist er selbst innerhalb der Bewegung umstritten: Manche unterstellen Hildmann, ihm gehe es mit unzähligen Fernsehauftritte und Fotos mit nacktem Oberkörper vor allem um die eigene Selbstdarstellung und den Kommerz. Andere sind froh, dass er vegane Denkweisen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Lebensmittel mit tierischen Bestandteilen Ebenfalls eine Ikone: Kim Kalkowski aus Dortmund, besser bekannt als „Kim VeganWonderland“. Sie hat vor Jahren ein veganes Café gegründet, bietet außerdem einen passenden Cateringservice an und nennt sich selbst „Vegan Cake Artist“. Durch den Auftritt in einer Kochshow wurde sie bundesweit bekannt. Weil das Geschäft brummt, hat sie in London ein zweites Café eröffnet und ihren Lebensmittelpunkt auf die Insel verlegt. Rund 20.000 Menschen verfolgen ihre Aktivitäten bei Facebook und loben Bilder von Torten, Cupcakes und Protestaktionen, bei denen sich Aktivisten mit roter Farbe beschmiert und in Plastik eingewickelt haben. Ihre Ernährungsumstellung beschreibt sie als Prozess, ihre Gründe seien rein ethisch. Im Gegensatz zu Hildmann legt die Dortmunderin vor allem Wert auf das Tierwohl. Die Nutzung von Tieren hält sie für nicht vertretbar, egal in welcher Form.

Inzwischen kann sie sehr gut von ihrer Geschäftsidee leben, vermarktet sich bei unzähligen TV-Dokumentationen und sucht immer wieder neue Mitarbeiter, um ihr Team zu unterstützen. Ein eigenes Kochbuch darf da natürlich nicht fehlen: Inzwischen gibt es 50 ausschließlich vegane Bücher, im vergangenen Jahr waren es erst 23. Selbst für den urlaubenden Veganer gibt es diverse Angebote: Neben „Veggie“-Hotels, die sich auf umweltbewusste und fleischlose Ernährung spezialisiert haben, gibt es immer mehr Unterkünfte mit rein veganer Küche, oft im Komplettangebot mit Yoga- und Meditationsstunden und Ayurveda-Kursen. Denn: Veganismus ist nicht mehr nur eine bestimmte Ernährungsweise, sondern ein Lebensstil. Einer, mit dem sich Geld verdienen lässt.

Eine frühere Version des Beitrags enthielt eine missverständliche Passage über Patrik Baboumian. Der Text wurde deshalb überarbeitet.


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