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EZB-Vermögensbericht: Traue keiner Statistik...

Sind die Deutschen tatsächlich die "Ärmsten im Euroraum"?

Sind die Deutschen tatsächlich die "Ärmsten im Euroraum"?

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dpa

Wir sind Reiseweltmeister. Wir sind Sparweltmeister. Und Exportweltmeister sowieso. Und jetzt sollen wir die Ärmsten in Euroland sein? So schreiben es zumindest Zeitungen, die sich etwas auf ihre Wirtschaftskompetenz einbilden, etwa die FAZ: „Die Deutschen sind die Ärmsten im Euroraum“.

Womit auch fast geklärt wäre, wer mit wir gemeint ist: Die Inländer, diejenigen, die Deutschland bevölkern, ob Türken, Italiener oder Deutsche, die hierzulande einkaufen, arbeiten, Steuern zahlen. Eine Erhebung der Europäischen Zentralbank (EZB) drückt diesen Menschen den Stempel „arm“ auf. Denn das mittlere Vermögen der deutschen Haushalte liegt laut Umfrage der EZB nur bei 50.000 Euro. In Griechenland ist es doppelt, in Spanien mehr als dreimal so viel. Das mittlere Vermögen, der Median, teilt die Haushalte. Die eine Hälfte ist reicher, die andere ärmer.

Deutschland das Armenhaus? Die EZB-Statistik gibt das her, der erste Blick zumindest. Doch glaube keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast! Der EZB-Vergleich muss ohne Hintergrundwissen über die Erhebung, ohne einen weiten Blick auf andere wirtschaftliche Zusammenhänge falsch interpretiert werden.

Reiben nicht auch Sie, verehrter Leser, sich die Augen bei dem Pärchen Deutschland und Armenhaus? Sie, der schon mal in Italien, Griechenland oder Spanien unterwegs waren? Seien Sie beruhigt! Der zweite Blick verrät dann ja auch, dass die Erhebung zu kurz greift. Denn jeder Mensch passt sich an die nationalen Rahmenbedingungen mit seinem Spar-, Wohn- und Konsumverhalten an. Wer wie die Deutschen einen starken Sozialstaat hat, der viel kostet, aber auch viel leistet, sorgt anders vor. Sozialversicherte Beschäftigte zahlen gemeinsam mit dem Arbeitgeber knapp 20 Prozent ihres Lohnes in die gesetzliche Rentenkasse. Dafür erhalten die Rentner in Deutschland – noch – eine sehr ansehnliche Rente. Das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW schätzt das Netto-Vermögen je Erwachsenen allein durch diesen Effekt auf rund 70.000 Euro. Dieses fehlt im Vergleich der EZB komplett.

Wer wie die Deutschen ein Mietrecht hat, das mieterfreundlich ist, hat wenig Grund in die eigenen vier Wände zu investieren. Stattdessen zahlt er Miete, hofft auf den Staat, der dafür sorgen soll, dass die Mieten nicht explodieren und fährt mit dem gesparten Geld lieber in den Urlaub. Auch das ist vollkommen rational. Erklärt aber, warum es in Deutschland viel weniger Immobilienvermögen gibt irgendwo in Europa.

Niveaulos indes wird die Argumentation der Euro-Skeptiker und D-Mark-Fantasten, wenn aus der Erhebung der Schluss gezogen wird, sollen sich doch die reichen Krisenländer selber retten. Das ist Populismus pur. Das ist null ökonomischer Sachverstand. Nicht, weil Eigenheimbesitzer nur Buchwerte ihr Eigen nennen, die gar nicht zu liquidieren sind. Nein, hier geht es um die Netto-Auslandspositionen der Staaten. Länder, die per saldo im Ausland verschuldet sind, können sich nicht selber retten. Jeder Einwohner Spaniens ist mit 21.000 Euro im Ausland verschuldet, jeder Italiener mit 5.000 Euro. Und jeder Einwohner Deutschlands? Besitzt ein Auslandsvermögen in Höhe von 12.000 Euro! Ganz Euroland ist bei den deutschen Bürgern verschuldet.

Deshalb retten die Rettungspakte in erster Linie nicht Griechenland oder Spanien, sondern vor allem das Auslandsvermögen der Deutschen. Deshalb liegt die Rettung im nationalen Interesse und kann nur gelingen, wenn der Gläubiger seinen Schuldnern entgegenkommt.


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