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Finanz-GAU im Atomenergie-Geschäft: Französischer Atomkonzern Areva ist pleite

Der französische Nuklearkonzern Areva ist pleite.

Der französische Nuklearkonzern Areva ist pleite.

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AFP/Charly Triballeau

Paris -

Die Ankündigung klang ziemlich technisch und unaufgeregt: Das Ziel, die frei verfügbaren Finanzmittel annähernd ausgeglichen zu halten, werde 2014 wohl nicht erreicht, ließ Areva Mitte der Woche in einem Communiqué verlauten. Gemeint war: Wir machen Miese. In Paris schlug die Neuigkeit ein, als wäre ein Jumbojet auf einen der 58 französischen Atomreaktoren gestürzt. Die Tageszeitung Le Figaro sprach von einem Albtraum, das Wirtschaftsmagazin Challenges registrierte „allgemeine Panik“ in der Chefetage.

Dort hatte Generaldirektor Luc Oursel schon Ende Oktober den Hut genommen – „aus gesundheitlichen Gründen“, wie es hieß. Dann wurde Verwaltungsratspräsident Pierre Blayau von der Regierung – der Staat hält 87 Prozent der Anteil an Areva – gefeuert.

So solide wie der Eiffelturm

Jetzt hat Areva eine Interimsleitung mit dem ehemaligen Peugeot-Boss Philippe Varin im Verwaltungsrat und Philippe Knoche in der Generaldirektion. Ihre vorrangige Aufgabe besteht darin, den Bankrott des bisher so stolzen Atomkonzerns zu verhindern. Seine 45.000 Angestellten – davon gut 3000 im bayrischen Erlangen – decken die ganze Kernkraftkette ab, von der Uranförderung in Westafrika und Lieferung von Kernbrennstoff über den AKW-Bau und -Unterhalt bis zur Wiederaufbereitung und Endlagerung. Der Konzernumsatz von 9,2 Milliarden Euro sagt wenig aus über den Stellenwert des Unternehmens, das in Frankreich als Speerspitze nicht nur der Atomsparte, sondern der ganzen französischen Industrie gilt. Areva, das war die Quintessenz französischer Ingenieurskunst. Das Unternehmen galt als so solide und großartig wie der Eiffelturm.

Vorbei. Selbst die glorreiche Vergangenheit ist in ein schräges Licht geraten. Ein Uranminen-Deal in Afrika beschäftigt die Justiz; und bei dem im finnischen Olkiluoto seit 2004 im Bau befindlichen Druckwasserreaktor EPR explodieren die Kosten. Areva hat diese neue AKW-Generation mit Siemens entwickelt und behauptet, sie sei viel sicherer als die aktuellen Kernkraftwerke. Im Unterschied etwa zum Fukushima-Reaktor verfüge der EPR über interne Kühlsysteme.

In Flamanville in der französischen Normandie, wo derzeit auf einer der größten Baustellen Europas mit 3600 Arbeitern ein weiterer Druckwasserreaktor entsteht, stellte aber die Atomsicherheit bereits Risse in den inneren Reaktorwänden fest; das Pariser Wochenblatt Canard Enchaîné sprach gar von „42 Zentimeter großen Löchern“. Und wie in Finnland häufen sich in Flamanville die Kosten und Verzögerungen. Der Hauptgrund für den lange kaschierten, nun umso tieferen Fall von Areva ist allerdings die weltweit schwache Nachfrage für Atomtechnik. Die USA ziehen der Atomkraft derzeit Schieferöl vor, Japan kehrt nur sehr zögernd zur Kernenergie zurück. Der wichtige Markt Deutschland ist nach dem beschlossenen Atomausstieg weggebrochen. Areva hat seit sieben Jahren und trotz neuer Kontakte zu Indien oder Südafrika kein einziges AKW mehr verkauft.

Staatshilfe für die Kernkraft

Zumindest nach außen legte Areva aber bis vor Kurzem noch einen unverbrüchlichen Optimismus an den Tag. Umso böser ist nun das Erwachen. Der französische Staat – der sich selber nach der Decke streckten muss – wird wohl zwei Milliarden Euro beisteuern müssen, um seinen Prestigekonzern zu retten. Wie bei einer Bad Bank sollen die Problembereiche ausgelagert werden – was den Steuerzahler noch teurer zu stehen kommen dürfte. Areva hat selbst schon damit begonnen, seine Investitionen zurückzufahren. Umweltverbände befürchten nun, dass dies auch zulasten der Sicherheit gehen könnte. Und dass Areva das billigste Mittel sucht, die Rendite zu erhöhen, indem die Laufzeit alter Kernkraftwerke verlängert wird.