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Geflügelproduzent: Hungerlöhne bei Wiesenhof-Subunternehmen

Eine Wiesenhof-Schlachterei in Möckern im Jerichower Land

Eine Wiesenhof-Schlachterei in Möckern im Jerichower Land

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dpa

Als Ramona Marinela Chelaru Anfang Oktober die Anzeige im Internet entdeckt, keimt Hoffnung auf. In Deutschland werden Arbeitskräfte zum Verpacken von Geflügelfleisch gesucht, 800 Euro monatlich soll es geben, plus Unterkunft und zwei Mahlzeiten täglich. Das ist eine Menge Geld in Rumänien, wo der Durchschnittlohn bei umgerechnet 350 Euro liegt – wenn es denn Arbeit gibt. In Poiana Mare, dem Heimatort der ausgebildeten Krankenschwester, gibt es keine. Und in Italien, wo die 33-Jährige jahrelang als Altenpflegerin gearbeitet hat, auch nicht mehr. Deutschland aber ist von der Wirtschaftskrise verschont geblieben. Ramona Marinela Chelaru will es wagen.

In weiten Teilen der deutschen Fleischindustrie werden extrem niedrige Entgelte gezahlt. Fünf oder sechs Euro pro Stunde sind keine Ausnahme. Viele der in deutschen Schlachthöfen Beschäftigen kommen aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Sie sind fast immer bei Subunternehmen angestellt und arbeiten im Rahmen von Werkverträgen. In der Fleischbranche gibt es weder einen Branchenmindestlohn noch Flächentarifverträge. Gerade erst lehnten die Arbeitgeber die Forderung der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) ab, 2014 einen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen.

Am Nachmittag des 1. November, es ist Allerheiligen, befindet sich Ramona Marinella Chelaru mit sechs Landsleuten in einem Kleinbus auf dem Weg nach Deutschland. Sie habe 300 Euro Vermittlungsgebühr plus 120 Euro Fahrtkosten an die rumänische Arbeitsvermittlung „Boni Blue Starfire Company SRL“ gezahlt, erzählt Chelaru der Berliner Zeitung bei einem Treffen in Dortmund. Auf der Fahrt freundet sich Ramona mit Florentina Morarescu aus der nordrumänischen Iasi an. Auch die gelernte Schneiderin Florentina hat viele Jahre in Italien gearbeitet, auch sie setzt ihre Hoffnung auf die Geflügelpackerei in Deutschland. Umso größer ist der Schock, als die Arbeitsverträge verteilt werden.

Versprechen gebrochen

Marktführer der Geflügelbranche im gelobten Land ist die PHW-Gruppe. Im Geschäftsjahr 2011/2012 setzte PHW 2,34 Milliarden Euro um. Die größte Marke der Gruppe mit mehr als 40 Tochterunternehmen kennt jedes Kind: Wiesenhof-Geflügel gibt’s in fast jedem Supermarkt. Mehr als 500 000 Hähnchen schlachten die PHW-Betriebe mit insgesamt 5500 Beschäftigen täglich.

Nichts in diesen Arbeitsverträgen ist, wie es den Rumäninnen versprochen war. Bei einer Wochenarbeitszeit von 45 Stunden soll es den „gesetzlichen Grundlohn in Slowakei“ in Höhe von 295 Euro pro Monat geben sowie eine „Prämie“ von 400 Euro. Nicht einmal diese Angaben stimmen. Denn der gesetzliche Mindestlohn in der Slowakei liegt bei 1,94 Euro pro Stunde, umgelegt auf eine 45-Stunden-Woche ergeben sich 380 Euro monatlicher Grundlohn. Als Arbeitgeber ist die slowakische Kupex spol.s.r.o. mit Sitz in Voderady in den Verträgen, die der Berliner Zeitung vorliegen, genannt. „Arbeitsort“ ist eine Firma Petermeier an der Staffhorster Straße 51 in 31613 Wietzen.

Als der Kleinbus am 2. November das Ziel erreicht, sind die Frauen entsetzt. Sie werden in einem einsamen Haus untergebracht, umgeben von Feldern, mitten im niedersächsischen Nirgendwo, Brinkstraße 8, 27249 Mellinghausen. 14 Rumäninnen und Rumänen teilen sich drei Zimmer, eine Dusche, eine Toilette und eine kleine Küche. Zugesagt waren Doppelzimmer, für Frauen und Männer getrennt, und auch zwei kostenlose Mahlzeiten. „Das könnt ihr vergessen, fürs Essen müsst ihr selber sorgen“, erklärt eine Landsmännin den Neuankömmlingen. Einmal pro Woche gehe es zum Einkaufen.

Die Geschäftsadresse des Fleischzerlege-Betriebs David Petermeier befindet sich auf einem Areal der „Niendorfer Geflügelspezialitäten GmbH und Co. KG“, die zur PHW-Gruppe gehört. Petermeier hat dort ein Büro angemietet, ansonsten befinden sich auf dem Gelände mehrere Hallen, in denen Geflügelteile am Fließband verpackt und maschinell mit Wiesenhof-Etiketten versehen werden. Mit der Firma Petermeier bestehe ein Werkvertrag, teilt Wiesenhof mit. Petermeiers Lohnbescheide würden halbjährlich von unabhängigen Wirtschaftsprüfern kontrolliert.

Kein Geschäftsbeziehungen mit dem Geschäftspartner

„Aufgrund Ihrer Anfrage haben wir gestern zusätzlich zu dieser Überprüfung die Lohnbescheide erneut eingesehen und können bestätigen, dass der Bruttolohn – je nach Steuerklasse – 08,00 Euro bis 08,49 Euro entspricht.“ Die Frauen haben nicht mit Petermeier einen Arbeitsvertrag, sondern mit Kupex. Zu dieser Firma pflege man keine Geschäftsbeziehung, heißt es bei PHW. Kupex allerdings führt Wiesenhof im Internet als Geschäftspartner auf.

Am 4. November, einem Montag, beginnt die erste Schicht um sechs Uhr morgens. Die Frauen erhalten Arbeitskleidung und Kopfhauben. In der Verpackungshalle sei es eiskalt gewesen, sagt Morarescu, mehr als 40 Rumäninnen und Rumänen hätten an den Bändern gestanden. Ob die im Arbeitsvertrag erwähnte Prämie von 400 Euro von der Zahl verpackter Geflügelteile abhängt? Keiner scheint es genau zu wissen. Von ihren Kollegen erfahren Ramona und Florentina, dass in der Regel zwischen 400 und 700 Euro ausgezahlt werden. Bei 190 Arbeitsstunden im Monat bedeutet das 2,10 bis 3,70 Euro pro Stunde.

Bei der Firma Kupex ist tagelang keine Stellungnahme zu erhalten. Auch David Petermeier ist seit Mitte der Woche nicht zu sprechen. Er sei noch bis Montag unterwegs, heißt es unter der Firmennummer. PHW teilt auf nochmalige Anfrage mit, Kupex-Mitarbeiter erhielten ebenfalls Bruttolöhne zwischen 8 und 8,49 Euro. Gibt es doch eine Geschäftsbeziehung? Jedenfalls widersprechen diese Angaben dem Arbeitsvertrag der Rumäninnen.

Thomas Bernhard, NGG-Geschäftsführer der Region Hannover, kennt die Zustände in Wietzen. Es gebe eine Art Kastenwesen: oben PHW-Mitarbeiter der „Niendorfer Geflügelspezialitäten“, dann die Werkvertragler von Petermeier, ganz unten die Kupex-Beschäftigen, die über einen Werkvertrag für Petermeier tätig seien.

Der zweite Skandal

„Das ist eine Form moderner Sklaverei“, kritisiert Bernd Maiweg, NGG-Referatsleiter für die Fleischwirtschaft. Allerdings eine rechtlich kaum angreifbare. „Die Praktiken sind unsäglich, aber sie sind nicht notwendiger Weise illegal“, sagt der Frankfurter Arbeitsrechtler Manfred Weiss. Ohne verbindliche Lohnuntergrenze seien Hungerlöhne per Werkvertrag mitten im krisenfesten Deutschland weiterhin möglich. „Die Zustände sind der eine Skandal, dass sie strafrechtlich kaum zu fassen sind, ist der andere“, sagt Weiss.

Ramona und Florentina erkennen schnell, dass sie auf einer Galeere an Land angeheuert haben. Viele ihrer rumänischen Kollegen arbeiten seit Jahren in Wietzen, manche sind verschuldet, andere sind über 50, ohne Aussicht zu entrinnen. „Wir haben uns wie Gefangene gefühlt“, sagt Ramona. „Wir wollten nur weg“, sagt Florentina. Ein Landsmann erklärt sich bereit, die Frauen für 110 Euro im Auto nach Dortmund zu fahren. Es ist ihr letztes Geld. Am 15. November gelingt die Flucht.

In Dortmund finden sie Hilfe. Szabols Sepsi von der DGB-Initiative „Faire Mobilität“ und die örtliche Diakonie stellen Kontakt zu einer rumänischen Familie her, wo die Frauen vorübergehend unterkommen. Ab 2014 gilt die Arbeitnehmer-Freizügigkeit in der EU auch für Florentina Morarescu und Ramona Marinela Chelaru. Noch einmal keimt Hoffnung: auf eine anständige Arbeit.