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Geldpolitik: „Schleichende Enteignung der deutschen Sparer“

Das Geld bleibt im Banktresor. Sparer gehen derzeit fast leer aus.

Das Geld bleibt im Banktresor. Sparer gehen derzeit fast leer aus.

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imago/McPHOTO

Die deutschen Sparer zahlen die Zeche für die Euro-Krise. So scheint es. Um die Wirtschaft Europas zu stabilisieren, hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen auf Rekordtief gesenkt. Folge: Wer sein Geld auf die hohe Kante legt, verdient nichts mehr. Real entwertet sich so manches Vermögen. Seit langem wird daher über die „repressive Geldpolitik“ geklagt, die zu einer „Enteignung der Sparer“ führt. Über solche Klagen können Ökonomen nur den Kopf schütteln.

Im Zuge der Finanz- und Euro-Krise ist das Zinsniveau in Europa deutlich zurückgegangen. Seit 2008 hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen von 4,25 auf 0,5 Prozent gesenkt. Das nützt den Schuldnern, für die Kredite billiger werden.

Leidtragende sind die Sparer – besonders die Deutschen. Denn hier zu Lande sind die Zinsen besonders tief gesunken. Dadurch entgehen ihnen Milliarden an Zinseinnahmen. Allein im vergangenen Jahr waren es nach Berechnungen der Allianz 58 Milliarden Euro. Andere, hoch verschuldete Länder wie Spanien oder Italien profitieren hingegen von den niedrigen Zinsen, die die Schulden leichter tragbar machen.

Kein Rechtsanspruch auf Rendite

Die Kosten für die deutschen Sparer steigen umso höher, warnt die Allianz, je länger diese Niedrigzinsphase anhält. Und sie hält an: Am Mittwoch bestätigte die EZB ihre Geldpolitik und betonte zum wiederholten Mal: Die Zinsen bleiben für einen ausgedehnten Zeitraum unten. Das bedeutet eine „schleichende Enteignung der deutschen Sparer“, schimpft Michael Kemmer, Chef des Bundesverbands deutscher Banken. Denn die Zinsen für einige Geldanlagen liegen unterhalb der Inflationsrate, real verliert man mit ihnen also Geld. Einen „Generalangriff auf die deutschen Sparer“ wittert das Magazin Focus.

Ökonomen halten dies jedoch für eine verkürzte Sichtweise. „Prinzipiell kann man hier nicht von einer Enteignung sprechen“, sagt Gustav Horn, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts IMK, „denn es gibt keinen Rechtsanspruch auf hohe Zinsen – genauso wenig wie auf Gewinne oder hohe Löhne.“ Ebenso wie Löhne und Gewinne können Zinsen nur gemäß der wirtschaftlichen Lage gezahlt werden. „Und diese Lage ist schlecht“, so Horn.

Dieses Jahr wird die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone um 0,4 Prozent schrumpfen. In Deutschland dürfte es ein mageres Plus von 0,5 Prozent geben. „Vor diesem Hintergrund wären höhere Zinsen nicht zu rechtfertigen“, sagt Ferdinand Fichtner, Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Denn die Zinsen müssen von irgendwem erwirtschaftet werden.“

Würden die Zinsen angehoben, so könnten einige Anleger zwar höhere Erträge auf ihre Spareinlagen verzeichnen. „Viele Sparer würden aber schlicht ihren Arbeitsplatz verlieren“, erklärt Horn. Denn die Verteuerung von Krediten bremst die Wirtschaftsleistung. Investitionen unterbleiben, weil Darlehen zu kostspielig wären. „Denn es ist üblich und vernünftig, Investitionen mit Krediten zu finanzieren“, so DIW-Ökonom Fichtner. „Diese Investitionen lassen letztlich die Wirtschaftsleistung steigen, aus der dann die Zinsen an die Sparer gezahlt werden.“

Geld im Wald vergaben

Nicht nur die Industrie, auch der Banksektor braucht das billige Geld. Denn die Kreditinstitute können sich günstig Geld leihen, es teurer verleihen und so ihre Eigenkapitalbasis stärken. „Auf diese Weise stabilisiert der niedrige Zins das Finanzsystem“, so Horn.

Dass die Zinsen gerade in Deutschland so niedrig sind, liegt nicht nur an der EZB, sondern auch an Deutschlands Status als sicherer Hafen. „Geld aus ganz Europa strömt hierher, das drückt das Zinsniveau“, erklärt Fichtner. „Mit der EZB hat das nichts zu tun.“

Die Klage über die „Enteignung der Sparer“ halten die Ökonomen für merkwürdig und typisch deutsch. Merkwürdig, weil etwa 40 Prozent der Deutschen über kaum oder keine Ersparnisse verfügen. Typisch deutsch, weil „hierzulande die Sparer als die Guten gelten und die Schuldner als die Bösen“, sagt Fichtner. „Dabei gehören beide zusammen und sind voneinander abhängig.“

Denn Sparer seien darauf angewiesen, dass die Bank ihr Geld an jemanden verleiht, der damit die Wirtschaftsleistung erhöht. „Der Sparer braucht den Schuldner, ohne Schuldner kein Zinsertrag“, erklärt Horn. „Wenn ich mein Geld im Wald vergabe, kann ich nicht damit rechnen, dass es sich in einem Jahr vermehrt hat.“