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Geplanter Verschleiß: Wenn Waschmaschinen und Drucker vorzeitig kaputt gehen

Flutung nach Plan: Auch Waschmaschinen könnten länger halten.

Flutung nach Plan: Auch Waschmaschinen könnten länger halten.

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Imago/Paul von Stroheim

Christian Kreiß erzählt Geschichten von der Vergänglichkeit der Dinge. Sie handeln von Bügeleisen mit programmiertem Lebenszyklus, von selbstmordbereiten Druckern, von Winterjacken mit eingebauter Sollbruchstelle. Und davon, wer an alledem verdient und wer dafür bezahlen muss.

Der Wirtschaftsprofessor mit Lehrstuhl an der Hochschule Aalen hat aus vielen solcher Geschichten ein Buch gemacht, das den Titel „Geplanter Verschleiß“ trägt und am 24. März im Berliner Europa Verlag erscheint. Die provokante Kernthese, die bestens zum Weltverbrauchertag an diesem Sonnabend passt, lautet: Jeder Bundesbürger zahlt monatlich rund 110 Euro, weil industrielle Massenkonsumgüter ganz geplant vorzeitig den Geist aufgeben und Neuanschaffungen nötig werden.

„Tintenschwamm voll“

Als Beispiel für den software-gesteuerten Maschinentod nennt Kreiß Drucker: „Tintenstrahldrucker melden nach einer fest programmierten Anzahl von Druckvorgängen, der Tintenschwamm sei voll, obwohl er oft erst zu einem Drittel gefüllt ist. Dabei ist das Auswechseln des Tintenschwamms bei einigen Modellen sehr kostspielig, bei einem Modell der Marke Brothers ist es überhaupt nicht möglich.“ Schwämmchen voll, Drucker tot, Neukauf unabwendbar.

Ebenfalls computergestützt sind nach Recherchen des Wirtschaftswissenschaftlers vorab berechnete Lebenszyklen für praktisch alle industriellen Gebrauchsgüter. Die Lebensdauer hänge unter anderem von der Güte der Materialien und Vorerzeugnisse, von der Anordnung zentraler Produktkomponenten, ihrer Verarbeitung und der Qualität der Endmontage ab. „Durch das Drehen an diesen Stellschrauben lässt sich die Lebensdauer recht genau festlegen“, weiß Kreiß. Ein Waschautomat etwa könne auf 1200 Betriebsstunden ausgelegt sein, genauso gut aber auch auf 2000 Stunden. Die Bandbreite sei riesig, wie der Vergleich von Profi- und Hobbywerkzeugen zeige: „Bohrmaschinen für Handwerker laufen bis zu 100 Mal so lange wie solche für den Hobbykeller.“

Was aber ist mit dem mündigen Verbraucher, der von schnell verschleißendem Mist doch tunlichst die Hände lässt? Das klassische Marktmodell funktioniere nicht, sagt Volkswirt Kreiß, weil den Verbrauchern wesentliche Informationen zu Haltbarkeit und Reparaturfähigkeit des Produkts vorenthalten blieben. So würden Geräte absichtlich so verlötet, dass sie nicht zu öffnen und damit auch nicht zu reparieren seien. Auch Garantien änderten daran wenig. Der Betriebswirt Stefan Schridde, der gemeinsam mit Kreiß 2013 im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion unter dem Titel „Geplante Obsolenz“ ein Gutachten zur vorzeitigen Produktalterung erstellte, sieht in Garantien vor allem den Zeitraum, nach dessen Ablauf bald erste Reparaturen fällig werden.

An denen verdienen die Hersteller ebenfalls prima. In Waschmaschinen eingebaute Laugenpumpen werden der Studie zufolge von Zulieferern zum Stückpreis von drei Euro an die Küchengerätehersteller verkauft. Diese setzen im Schadensfall für eine neue Pumpe 80 bis 100 Euro Materialwert an.

Nur mit Spezialwerkzeug

Mal müssen aufgrund kleinster Schäden – beliebt sind Schalter und Griffe - teure Großteile ausgewechselt werden, mal sind Komponenten so integriert, dass ihr Auswechseln Kosten nahe dem wirtschaftlichen Totalschaden verursacht (siehe Infobox). Komme dann noch das Angebot „Wir nehmen ihr altes Gerät in Zahlung“ hinzu, könne ein läppischer Bagatellschaden zur Neuanschaffung führen. Kostentreibend für die Verbraucher wirken sich auch hochspezielle Kleinstteile aus, etwa Pentalope-Schrauben am iPhone4, die nur mit Spezialwerkzeug gelöst werden können, das wiederum meist nur Vertragswerkstätten oder den Herstellern selbst zur Verfügung steht.

Das oft gehörte Argument der Hersteller, höhere Qualität führe zu Preisen, die der Verbraucher zu zahlen nicht bereit sei, widerlegten Kreiß und Schridde: Die Lebensdauer elektronischer Konsumgüter könne um zehn Jahre verlängert werden, bei einem Stückpreisanstieg von nur einem Euro. Anhand der Industriekonsumgüter im statistischen Warenkorb errechnete Kreiß auch die Summe von 110 Euro, die jeder Verbraucher monatlich durch längere Laufzeiten bei geringfügig höheren Preisen sparen könnte. Es geht aber nicht bloß ums Geld, betont Kreiß: „Eine Produktionsweise mit langlebigen, nachrüstungsfähigen Gütern würde Ressourcen schonen, Energie sparen und Abfall vermeiden. Wir müssten weniger herstellen, weniger arbeiten und hätten mehr Zeit für Familie, Freunde und Interessen.“



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