29.11.2011

Gesundheit: Senioren sind keine Last für Kassen

Von Timot Szent-Ivanyi
        

Agil bis ins hohe Alter  –  der Lebensstil  ist entscheidend.
Agil bis ins hohe Alter – der Lebensstil ist entscheidend.
Foto: getty

Die höhere Lebenserwartung der Menschen in Deutschland beeinflusst die Ausgaben im Gesundheitssektor kaum. Besonders viele Kosten verursachen eher die 55- bis 64-Jährigen - denn für die älteren wird oft gar nicht mehr die ganze Gesundheitsmaschinerie in Gang gesetzt.

Der Nobelpreisträger Milton Friedman hat den Gesundheitssektor Anfang der 90er Jahre als das „schwarze Loch“ der Volkswirtschaft bezeichnet. Dieser Sektor verschlinge immer mehr Ressourcen, ohne eine spürbare Wirkung zu erzielen. Diese Sichtweise, die von vielen Ökonomen geteilt wurde, gilt inzwischen als überholt. Denn erwiesen ist, dass das Gesundheitswesen weltweit dazu beigetragen hat, Lebenserwartung und Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Unstrittig ist allerdings noch immer, dass die Ausgaben des Gesundheitssektors mit enorm hohen Zuwachsraten weiter steigen werden, vor allem wegen der Alterung der Gesellschaft. Letzteres ist aber offenbar falsch.

Wir altern gesünder

In einer Untersuchung für das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) hat der Gesundheitsökonom Stefan Felder von der Universität Basel herausgefunden, dass von einer Kostenexplosion durch die demografische Entwicklung nicht die Rede sein kann. Denn nach seinen Berechnungen steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aufgrund des zunehmenden Anteils Älterer an der Bevölkerung bis 2050 nur um rund 20 Prozent. Das entspricht einem Ausgabenplus von lediglich 0,4 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2009 stiegen die Ausgaben der gesetzlichen Kassen im Jahresmittel um fast vier Prozent.

Den Berechnungen liegt die Beobachtung zugrunde, dass die längere Lebenserwartung an sich nicht zu höheren Kosten führt. Denn wir altern dank des medizinischen Fortschritts und wegen eines anderen Lebensstils gesünder als früher. Ausschlaggebend sind vielmehr die Behandlungskosten unmittelbar vor dem Tod, die in der Regel extrem hoch sind. Sie sind aber abhängig vom Alter. Untersuchungen zeigen, dass zum Beispiel ein 90-Jähriger an seinem Lebensende geringere Kosten verursacht als ein 60-Jähriger. Stichproben in Deutschland haben ergeben, dass die Anzahl der Krankenhaustage im letzten Lebensjahr bei 55- bis 64-jährigen Patienten am größten ist und mit höherem Sterbealter kontinuierlich abfällt. Diese Entwicklung liegt unter anderem daran, dass Ärzte bei Hochbetagten nicht mehr die gesamte zur Verfügung stehende Gesundheitsmaschinerie in Gang setzen, sondern eher zurückhaltend behandeln.

Einen kräftigen Ausgabenanstieg wird es trotzdem geben. Kostentreiber ist der medizinische Fortschritt, also teure neue Medikamente und Behandlungsmethoden. Dadurch werden sich die Pro-Kopf-Ausgaben bis 2050 fast verdoppeln. Der Einfluss der Demografie ist angesichts dieser Rate also tatsächlich fast vernachlässigbar. Um die Ausgaben im Griff zu behalten, müssen daher Mittel und Wege gefunden werden, die Kosten durch den medizinischen Fortschritt zu dämpfen, etwa durch eine strengere Preisregulierung bei neuen Medikamenten.

Der geringe Einfluss der Demografie auf die Kostenentwicklung lässt sich im Übrigen nicht von der Kranken- auf die Pflegeversicherung übertragen. Laut Wido-Versorgungsreport führt die Alterung bis 2050 zu einer Verdopplung der Zahl der Demenzkranken – von derzeit 1,4 auf dann drei Millionen. Und neun von zehn Demenzkranken sind pflegebedürftig. Daran wird sich voraussichtlich nichts ändern.

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