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Gesundheitswesen: Korruption unter Ärzten ganz normal

Viele Ärzte kassieren Extra-Honorare dafür, Patienten an bestimmte Kliniken zu überweisen.

Viele Ärzte kassieren Extra-Honorare dafür, Patienten an bestimmte Kliniken zu überweisen.

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dpa

Gefälligkeitszahlungen und Fangprämien sind im deutschen Gesundheitswesen an der Tagesordnung. Krankenhäuser bedenken Ärzte für Patientenüberweisungen, Krankengymnasten zeigen sich gegenüber Orthopädiepraxen für Kundschaft erkenntlich. Auch Sanitätshäuser, Apotheker und niedergelassene Fachmediziner, Hörgeräteakustiker, Masseure und Logopäden, Optiker, Zahntechniker und Pharmahersteller verbindet ein System des Gebens und Nehmens, das in manchen Bereichen des Medizinbetriebs bereits als Normalität wahrgenommen wird.

Anders lassen sich die Ergebnisse einer Umfrage, die der Spitzenverband der Krankenkassen GKV unter 1141 Ärzten, Klinikärzten und nicht-ärztlichen Leistungsanbietern im Herbst 2011 durchführen ließ, kaum deuten. So gaben drei Viertel der Orthopädietechniker an, Ärzte würden häufig oder gelegentlich dafür entgolten, dass sie den Prothesenherstellern Patienten zuführten. Gleiches bejahten zwei Drittel der Hörgeräteakustiker, Apotheker und Medizinproduktehersteller. Von den 780 befragten Medizinern bezeichneten mehr als die Hälfte die Aussage, Zuweisungsprämien seien „gängige Praxis“, als richtig oder teils zutreffend.

Das deutsche Gesundheitswesen berge offenkundig erhebliches „Korruptionspotenzial“, schlussfolgert GKV-Vorstand Gernot Kiefer. Vieles spreche für „gewachsene Strukturen“, in die gerade junge Ärzte sich gleichsam erst einkaufen müssten, so Kai-D. Bussmann vom Economy & Crime Research Center der Universität Halle-Wittenberg. Ärzte seien nicht nur Täter im Korruptionsgeflecht sondern auch Opfer.
Die Mediziner zum Sündenbock zu erklären, wäre in der Tat zu einfach. Rund 180 Milliarden Euro werden mittlerweile pro Jahr von den Gesetzlichen Krankenkassen ausgegeben. Für die Verteilung der Mittel kommt den niedergelassenen Ärzten eine Schlüsselrolle zu: Sie überweisen Patienten an Kliniken, sie vermitteln bestimmte Physiotherapeuten, empfehlen Sanitätshäuser, verschreiben Medikamente. Da ist die Versuchung groß, bei den Entscheidungen nachzuhelfen.

Gesetz verbietet Zahlungen

Bei alledem ist es vor allem die fehlende Transparenz, die das Gesundheitswesen so anfällig für Bestechung und Bestechlichkeit macht. Nur wenige Patienten wissen, dass der Arzt ohne medizinische Begründung nicht in ein bestimmtes Krankenhaus einweisen darf, sondern auf mehrere Möglichkeiten hinzuweisen hat. Kaum jemand fragt nach, wenn der Herr Doktor gerade dieses oder jenes Präparat so engagiert empfiehlt oder auf eine bestimmte Apotheke aufmerksam macht.

Dabei lässt die Rechtslage keinen Interpretationsspielraum. „Es ist Vertragsärzten nicht gestattet, für die Zuweisung von Versicherten ein Entgelt oder sonstige wirtschaftliche Vorteile sich versprechen oder sich gewähren zu lassen oder selbst zu versprechen oder zu gewähren“, heißt im fünften Sozialgesetzbuch.Der finanzielle Schaden der Korruption lässt sich seriös zwar nicht beziffern. GKV-Chef Kiefer liegt aber sicher richtig: „Ein effizienter Einsatz knapper Mittel unter ist korruptiven Bedingungen nicht möglich.“