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Havard-Ökonom Kotz: "Eine Rezession in Europa ist wahrscheinlich"

Hans-Helmut Kotz.
Hans-Helmut Kotz.
Foto: Andreas Arnold

Havard-Ökonom Hans-Helmut Kotz kritisiert die Sparpolitik in Europa und erklärt, warum es 2012 zur Rezession kommt und in Südeuropa nur die Staatsschulden wachsen werden.

Professor Kotz, was lässt Sie mehr verzweifeln, die wirtschaftlichen Probleme Europas oder die der USA?

Die Probleme lassen mich nicht verzweifeln. Aber beim Umgang mit ihnen gibt es erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten.

Das müssen Sie erklären.

Die Probleme sind gravierend, keine Frage, vor allem die in vielen Ländern extrem hohe Arbeitslosigkeit sowie, damit direkt verbunden, die zunehmende Armut. Leider ist das nahezu das was man im Jahr vier der größten Banken- und Finanzkrise seit 80 Jahren erwarten muss.

Moment. Sie reden über Arbeitslosigkeit? Ist nicht die Staatsverschuldung das größte Problem?

Die ist ein Resultat. In der Vergangenheit stieg die Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Folge einer Bankenkrise im Schnitt um etwa 80 Prozent. Bislang haben die OECD-Länder im Mittel um rund 40 Prozent zugelegt.

Zur Person

Hans-Helmut Kotz (54) unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der renommierten US-Universität Harvard und in Freiburg, wo er 2010 den Universitätslehrpreis gewonnen hat. Zudem arbeitet er in Frankfurt am Center for Financial Studies.

Bis 2010 war Kotz acht Jahre im Vorstand der Deutschen Bundesbank, zuletzt mit Zuständigkeiten für internationale Themen. Zwischen 1999 und 2002 war er Präsident der Landeszentralbanken Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Seine Sporen verdiente er sich in seinen 15 Jahren als Chefvolkswirt der DGZ-Bank.

Wo kommt diese Zwangsläufigkeit her?

Es beginnt immer mit einigen Banken, die im Überschwang eine Spekulationsblase finanzieren. Diese überziehen, was im Nachhinein, wenn es uninteressant ist, alle Beobachter so würdigen. Dann wird die Aufsicht, die zuvor oft als überflüssige Bürokratie angegriffen wurde, als zu lax angesehen. Da ein Bankrott nicht kontrollierbare Drittwirkungen bei unbeteiligten Dritten hätte – die betroffenen Institute sind zu groß, zu vernetzt – müssen die Staaten, die Gesamtheit der Steuerzahler, eingreifen. Ansonsten drohte der Kollaps. Aus privater wird potentiell staatliche Überschuldung. Irland ist hier das Paradebeispiel. Vor der Krise hatte es Schulden von weniger als 40 Prozent seiner Wertschöpfung, heute von mehr 125 Prozent.

Während die Europäer versuchen zu sparen, den Gürtel enger zu schnallen, liegt die Neuverschuldung in den USA doppelt so hoch wie in den Euro-Staaten. Welcher Weg ist der gefährlichere

Es gibt keine einfachen Lösungen. In den USA sind die öffentlichen Schulden von etwa 60 Prozent des BIP vor der Krise auf rund 100 heute angewachsen. Seit vier Jahren beträgt das jährliche Defizit rund 10 Prozent des BIP. Mehr als die Hälfte dieses Defizit ist nicht konjunkturell bedingt. Deshalb ist klar: An einem Gürtel-enger-schnallen führt auch in den USA kein Weg vorbei. Jede Volkswirtschaft muss im Rahmen ihrer Möglichkeiten leben. Allerdings: Die künftigen Möglichkeiten, das wirtschaftliche Potential, sind nicht gegeben. Sie hängen unmittelbar davon ab, wie wir die Krise bewältigen. Hier in den USA herrscht weitgehend Konsens unter konservativen wie demokratischen Ökonomen, dass zunächst die Ausbringunglücke – der Abstand zwischen möglicher und tatsächlicher Leistung der Volkswirtschaft – geschlossen werden muss.

Sprich: Erst muss die Politik dafür sorgen, dass wieder annähernd Vollbeschäftigung herrscht, danach soll gespart werden?

Ja, zumindest die konjunkturell bedingte Unterauslastung der Arbeit und der Maschinen sollte durch Impulse wettgemacht werden. Denn in den USA ist unbestritten: Wenn man in einer Krise, also bei einem deutlichen Zurückbleiben hinter den Möglichkeiten, Ausgaben kürzt und Steuern erhöht, verschlimmert man nur die Unterauslastung und damit zwangsläufig auch die Schuldensituation der Staaten.

Sie meinen, der Weg, den die Deutschen Euroland aufzwingen, verschlimmert die Krise?

Noch einmal: Mittelfristig müssen laufende Ausgaben durch laufende Einnahmen gedeckt sein. Das ist wirtschaftliche Physik. Da ist die deutsche Position vollkommen richtig. Darum geht es nicht. Es geht um die Frage, wie die Länder zu einem robusten Pfad kommen. Jetzt bewegen sie sich davon weg. Es gibt kein Recht auf Überraschung: Die in mehr als einem Drittel von Euroland umgesetzten Programme der Ausgabenkürzung und Steuererhöhung dürften zu einem Rückgang der dortigen Wertschöpfung und deshalb auch einem Anstieg der Schuldenquoten führen. Das wird auch uns treffen, ohne Frage.

Seite 2: Über eine mögliche Rezession in Europa

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