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Berliner Zeitung | Havard-Ökonom Kotz: "Eine Rezession in Europa ist wahrscheinlich"
06. January 2012
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Havard-Ökonom Kotz: "Eine Rezession in Europa ist wahrscheinlich"

Hans-Helmut Kotz.

Hans-Helmut Kotz.

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Andreas Arnold

Professor Kotz, was lässt Sie mehr verzweifeln, die wirtschaftlichen Probleme Europas oder die der USA?

Die Probleme lassen mich nicht verzweifeln. Aber beim Umgang mit ihnen gibt es erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten.

Das müssen Sie erklären.

Die Probleme sind gravierend, keine Frage, vor allem die in vielen Ländern extrem hohe Arbeitslosigkeit sowie, damit direkt verbunden, die zunehmende Armut. Leider ist das nahezu das was man im Jahr vier der größten Banken- und Finanzkrise seit 80 Jahren erwarten muss.

Moment. Sie reden über Arbeitslosigkeit? Ist nicht die Staatsverschuldung das größte Problem?

Die ist ein Resultat. In der Vergangenheit stieg die Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Folge einer Bankenkrise im Schnitt um etwa 80 Prozent. Bislang haben die OECD-Länder im Mittel um rund 40 Prozent zugelegt.

Wo kommt diese Zwangsläufigkeit her?

Es beginnt immer mit einigen Banken, die im Überschwang eine Spekulationsblase finanzieren. Diese überziehen, was im Nachhinein, wenn es uninteressant ist, alle Beobachter so würdigen. Dann wird die Aufsicht, die zuvor oft als überflüssige Bürokratie angegriffen wurde, als zu lax angesehen. Da ein Bankrott nicht kontrollierbare Drittwirkungen bei unbeteiligten Dritten hätte – die betroffenen Institute sind zu groß, zu vernetzt – müssen die Staaten, die Gesamtheit der Steuerzahler, eingreifen. Ansonsten drohte der Kollaps. Aus privater wird potentiell staatliche Überschuldung. Irland ist hier das Paradebeispiel. Vor der Krise hatte es Schulden von weniger als 40 Prozent seiner Wertschöpfung, heute von mehr 125 Prozent.

Während die Europäer versuchen zu sparen, den Gürtel enger zu schnallen, liegt die Neuverschuldung in den USA doppelt so hoch wie in den Euro-Staaten. Welcher Weg ist der gefährlichere

Es gibt keine einfachen Lösungen. In den USA sind die öffentlichen Schulden von etwa 60 Prozent des BIP vor der Krise auf rund 100 heute angewachsen. Seit vier Jahren beträgt das jährliche Defizit rund 10 Prozent des BIP. Mehr als die Hälfte dieses Defizit ist nicht konjunkturell bedingt. Deshalb ist klar: An einem Gürtel-enger-schnallen führt auch in den USA kein Weg vorbei. Jede Volkswirtschaft muss im Rahmen ihrer Möglichkeiten leben. Allerdings: Die künftigen Möglichkeiten, das wirtschaftliche Potential, sind nicht gegeben. Sie hängen unmittelbar davon ab, wie wir die Krise bewältigen. Hier in den USA herrscht weitgehend Konsens unter konservativen wie demokratischen Ökonomen, dass zunächst die Ausbringunglücke – der Abstand zwischen möglicher und tatsächlicher Leistung der Volkswirtschaft – geschlossen werden muss.

Sprich: Erst muss die Politik dafür sorgen, dass wieder annähernd Vollbeschäftigung herrscht, danach soll gespart werden?

Ja, zumindest die konjunkturell bedingte Unterauslastung der Arbeit und der Maschinen sollte durch Impulse wettgemacht werden. Denn in den USA ist unbestritten: Wenn man in einer Krise, also bei einem deutlichen Zurückbleiben hinter den Möglichkeiten, Ausgaben kürzt und Steuern erhöht, verschlimmert man nur die Unterauslastung und damit zwangsläufig auch die Schuldensituation der Staaten.

Sie meinen, der Weg, den die Deutschen Euroland aufzwingen, verschlimmert die Krise?

Noch einmal: Mittelfristig müssen laufende Ausgaben durch laufende Einnahmen gedeckt sein. Das ist wirtschaftliche Physik. Da ist die deutsche Position vollkommen richtig. Darum geht es nicht. Es geht um die Frage, wie die Länder zu einem robusten Pfad kommen. Jetzt bewegen sie sich davon weg. Es gibt kein Recht auf Überraschung: Die in mehr als einem Drittel von Euroland umgesetzten Programme der Ausgabenkürzung und Steuererhöhung dürften zu einem Rückgang der dortigen Wertschöpfung und deshalb auch einem Anstieg der Schuldenquoten führen. Das wird auch uns treffen, ohne Frage.

Seite 2: Über eine mögliche Rezession in Europa

Droht eine Rezession in Euroland?

Ja, die Gefahr ist allzu wahrscheinlich. Es gibt nur recht unplausible Modelle, die dies nicht erwarten lassen. Und eine solche Rezession macht, da die Zinsen deutlich über der Wachstumsrate liegen, das Bedienen der Schulden immer schwieriger, und damit unwahrscheinlicher. In Griechenland ist der Fall evident, aber auch Portugal ist problematisch. Gefahr droht eventuell sogar in Spanien und Italien, obwohl diese fundamental anders gelagert sind, es also im Prinzip selber schaffen können. Bei diesen Ländern ist die Lage problematisch, weil die Anschlussfinanzierung prekär wird. Es geht um ein Liquiditäts- aber kein Zahlungsfähigkeitsproblem.

Sie propagieren also neue Staatsschulden?

Ich propagiere sie nicht, aber die gegenwärtig umgesetzten Politikansätze werden zwangsläufig dazu führen, siehe Griechenland, Portugal, Irland. Hier ist die Zeitdimension wichtig. Kurzfristig geht fast nichts. Das zeigen unter anderem Arbeiten des Internationalen Währungsfonds IWF. Die Antwort eines typischen US-Ökonomen ist, Impulse zu geben, um zum Potential zurückzukommen.

So wie die Bundesregierung das 2008 und 2009 in Deutschland mit den Konjunkturprogrammen, Stichwort Abwrackprämie, gemacht hat?

Genau. Das hat die Regierung damals sehr erfolgreich hinbekommen. Diese Impulse sind mit dafür verantwortlich, dass Deutschland so rasch wieder das Vorkrisenniveau erreicht hat. Das ist das kurzfristige Problem der meisten Länder, das es vorrangig zu lösen gilt. Mit Ausnahme Deutschlands ist das Gros nämlich noch deutlich unterhalb des Vorkrisenniveaus. Der augenfälligste Ausdruck davon ist, dass in den USA die Zahl der Beschäftigten um 12 Millionen unterhalb des Vorkrisentrends liegt. Zugleich sind mittelfristig verbindliche Konsolidierungsmaßnahmen einzufordern. Die betreffen in vielen Ländern übrigens ungedeckte Versprechen, die nicht in den Haushalten auftauchen. Es geht um einen mittelfristig realistischen Pfad, zurück zu vernünftigen Schuldenrelationen. Der ist nur vorstellbar, wenn man sich Gedanken über Wachstumspotenziale macht. Die Frage lautet folglich: Was passiert, wenn ein Land durch Ausgabenkürzung und Einnahmeerhöhung in einen unkontrollierbaren Abwärtsstrudel rutscht?

Ich stelle die Fragen!

Und das ist gut, weil so die Antworten deutlicher werden. Die Verschuldung steigt gerade in den Staaten, die in einer Situation der Unterauslastung versuchen, den Gürtel massiv enger zu schnallen. Ich beziehe mich wieder auf die IWF-Studien. Die Schuldenquote ist ein Bruch. Oben, im Zähler, stehen die Verbindlichkeiten. Unten, im Nenner, steht die Wirtschaftskraft, das BIP. Wenn der Nenner schrumpft, weil die Nachfrage einbricht, steigt die Quote, selbst wenn die Verschuldung gar nicht zunimmt. Doch genau das passiert in Rezessionen, quasi-automatisch. Höhere Ausgaben etwa für Arbeitslose und geringere Steuereinnahmen sind die Folge. Ohne eine mittelfristige Wachstumsperspektive geht es nun mal nicht.

Seite 3: Worüber die tonangebenden US-Ökonomen diskutieren

Wie debattieren die tonangebenden US-Ökonomen?

Das, was wir eben diskutiert haben, ist die hier bei weitem dominierende Position, sozusagen überkonfessionell. Es wird auf beide Seiten, die Angebots- und die Nachfrageseite, geschaut. Ein Teil des Angebots ist gewiss obsolet. Das Potential etwa im überdimensionierten Bausektor will man nicht mehr ausfüllen. Das gilt auch für einige Bereiche im Bankgeschäft, aber eben nicht für alle Sektoren. Die Debatten beginnen bei dem Weg aus der Krise. Eine Position gewinnt immer mehr an Bedeutung: Sie fordert höhere Investitionen in die öffentliche Infrastruktur.

Die längst nicht so gut ist wie in Nordeuropa.

Stimmt, deshalb sprechen US-Volkswirte auch vom „dritten Defizit“ neben dem im Haushalt und in der Leistungsbilanz. Der Staat, so der Vorschlag, macht Schulden, finanziert damit, bei sehr niedrigen Zinsen, künftige höhere Wachstumsperspektiven. So schafft er es, seine künftige Steuerbasis zu verbreitern und trotz höherer Neuverschuldung heute die Schuldentragfähigkeit morgen zu verbessern. Das geschieht vor allem dadurch, dass für Unternehmen die so genannten Nutzungskosten des Kapitals gesenkt werden.

Wow! Das hört sich für deutsche Ohren unglaublich an. Aber gespart werden muss doch auch irgendwann?

Ich erinnere mich daran, dass Herbert Giersch, der große Kieler Ökonom gemeinsam mit US-Ökonomen, Mitte der 1980er genau das gleiche Argument benutzte. Er sprach von einem beidhändigen Ansatz, den vor allem auch der große Wachstumstheoretiker Robert Solow immer wieder propagiert. Das Ziel der Wirtschaftspolitik muss es sein, die Schuldendynamik zu bremsen. Dafür müssen in der kurzen Frist Defizite hingenommen werden und in der mittleren Frist muss dann gespart werden.

Das Gespräch führte Robert von Heusinger.

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