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Ideenwettbewerb Hackathon in Berlin: „Ideen können alle haben“

Denken, diskutieren, durchsetzen: Hackathon-Teilnehmer im Gewerbezentrum am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg

Denken, diskutieren, durchsetzen: Hackathon-Teilnehmer im Gewerbezentrum am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Sonnabend, 15 Uhr, Berlin-Charlottenburg. Im Gewerbezentrum am Stuttgarter Platz, zweites Hinterhaus, vierter Stock, sind die Laptops aufgeklappt. Sie stehen auf einem Tisch zwischen Glasschalen voll mit Nüssen oder Schaumzuckermäusen, Mandarinen, Kabeln und Club-Mate-Flaschen. Um den Tisch sitzen fünf junge Leute, die sich am Vormittag zu einem Team gefunden haben. Sie haben es „easy rocks“ genannt.

Der Kreativwettbewerb läuft jetzt seit vier Stunden und Ben Schröter, 23, aus Potsdam findet endlich Zeit, mal durchzuatmen. Der Wirtschaftsinformatik-Student hat mit drei Kommilitonen der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) diesen Hackathon organisiert. Hacka, was? Schröter grinst. Er weiß, dass dieses Kofferwort aus hacken und Marathon in Deutschland außerhalb der IT-Branche nicht so geläufig ist. „Hacken ist leider in Deutschland negativ vorbelastet. Es bedeutet aber: die unkonventionelle Lösung von Problemen“, sagt er. „Hackathon ist ein Ideenwettbewerb. Ein Event. Man gibt den Leuten ’ne Aufgabe, ’nen Raum, Zeit. Sie treten in Teams an. Und sie können Preise gewinnen.“

Roboter im Labyrinth

Ihren Ursprung haben Hackathons in der Open-Source-Bewegung, der Szene der Entwickler und Designer, die nicht-kommerzielle Programme erfanden. „Die USA ist der Vorreiter, alle größeren Unternehmen veranstalten dort so was. In Deutschland ist Berlin der Dreh- und Angelpunkt“, sagt Schröter. Etliche Start-ups sind aus solchen Veranstaltungen entstanden. Und oft schicken Investoren, Risikokapitalgeber oder Unternehmen wie das Modeversandhaus Zalando Scouts zu den Programmierwettbewerben – oder sie veranstalten selber welche.

Bei Hackathons geht es darum, in kurzer Zeit etwas Neues zu erfinden: Hardware, eine App, ein Spiel. Oder wie hier: „Ein cooles Konzept, um absoluten Neulingen die Grundkenntnisse der Programmierung zu vermitteln“. So steht es in der Ausschreibung. Die Ergebnisse sollen bei diesem Event, das die Studenten „Hack a lesson“ (Erfinde eine Unterrichtsstunde) genannt haben, als Grundlage für ein Lehrbuch zur Einführung in die Wirtschaftsinformatik dienen. Autoren sind die Berliner HWR-Professorin Claudia Lemke und der Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen, Professor Walter Brenner. Sie wollten ihr Buch nicht auf herkömmliche Art schreiben, sondern sich an der Basis orientieren, den jungen Leuten.

Also zog Schröter mit Kommilitonen los, um Räume für den Hackathon zu suchen. Sie fanden das Ahoy in Charlottenburg, einen Coworking-Space mit 1400 Quadratmetern Fläche, Fabrikfenstern, weiß gestrichenen Ziegelsteinwänden, Gemeinschaftsbüros. Start-ups wie Kinderfee, Cloudpartner oder Djiiga haben sich dort eingemietet. Möglich ist das pro Arbeitsplatz für elf Euro am Tag oder 160 Euro im Monat. In der Relax-Lounge findet sich zwischen Beach-Bar und Tischtennisplatte ein Riesensofa.

Im Konferenzraum, wo Ahoy-Gründer Nikita Roshkow ein Fischernetz an die Wand gehängt und zwei Angeln durch den Kronleuchter geschoben hat, sitzt das Team „ah-ok“ und diskutiert: „Machen wir was Graphisches?“ „’nen Roboter im Labyrinth?“„Welche Programmiersprache?“ „Wie kommen wir von der einfachen Ebene später zu komplexeren Sachen?“

Claudia Lemke findet: „Wir müssen alle zumindest ein Grundgefühl davon haben, wie Software funktioniert.“ Wir googeln. Wir liken auf Facebook. Wir kaufen bei Amazon ein. „Programmieren ist etwas, das unsere Kinder so beherrschen müssen wie lesen, schreiben und rechnen.“

Ihr Schweizer Kollege Brenner hat den Hackathon mit einem Vortrag eröffnet, bei dem er Porträts von Angela Merkel, Barack Obama oder David Cameron an die Wand beamte; gleich danach ein Zitat von Charles Petrie, Informatik-Koryphäe der Stanford Universität: „Es gibt nichts Idiotischeres als dass Menschen über Software entscheiden, die noch nie eine einzige Programmierzeile geschrieben haben.“ Brenner fragt: „Welche Geschäftsleitung versteht etwas von Software? Welcher Regierungschef schreibt die erste Programmierzeile? Kann es sein, dass diese Leute die digitale Welt gestalten?“ Um diese Welt zu verstehen müsse man lernen, Ideen in Software zu transportieren. Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert, lautet sein Ansatz.

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