Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Ideenwettbewerb Hackathon in Berlin: „Ideen können alle haben“
23. November 2014
http://www.berliner-zeitung.de/54914
©

Ideenwettbewerb Hackathon in Berlin: „Ideen können alle haben“

Denken, diskutieren, durchsetzen: Hackathon-Teilnehmer im Gewerbezentrum am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg

Denken, diskutieren, durchsetzen: Hackathon-Teilnehmer im Gewerbezentrum am Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg

Foto:

Berliner Zeitung/Markus Wächter

Sonnabend, 15 Uhr, Berlin-Charlottenburg. Im Gewerbezentrum am Stuttgarter Platz, zweites Hinterhaus, vierter Stock, sind die Laptops aufgeklappt. Sie stehen auf einem Tisch zwischen Glasschalen voll mit Nüssen oder Schaumzuckermäusen, Mandarinen, Kabeln und Club-Mate-Flaschen. Um den Tisch sitzen fünf junge Leute, die sich am Vormittag zu einem Team gefunden haben. Sie haben es „easy rocks“ genannt.

Der Kreativwettbewerb läuft jetzt seit vier Stunden und Ben Schröter, 23, aus Potsdam findet endlich Zeit, mal durchzuatmen. Der Wirtschaftsinformatik-Student hat mit drei Kommilitonen der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) diesen Hackathon organisiert. Hacka, was? Schröter grinst. Er weiß, dass dieses Kofferwort aus hacken und Marathon in Deutschland außerhalb der IT-Branche nicht so geläufig ist. „Hacken ist leider in Deutschland negativ vorbelastet. Es bedeutet aber: die unkonventionelle Lösung von Problemen“, sagt er. „Hackathon ist ein Ideenwettbewerb. Ein Event. Man gibt den Leuten ’ne Aufgabe, ’nen Raum, Zeit. Sie treten in Teams an. Und sie können Preise gewinnen.“

Roboter im Labyrinth

Ihren Ursprung haben Hackathons in der Open-Source-Bewegung, der Szene der Entwickler und Designer, die nicht-kommerzielle Programme erfanden. „Die USA ist der Vorreiter, alle größeren Unternehmen veranstalten dort so was. In Deutschland ist Berlin der Dreh- und Angelpunkt“, sagt Schröter. Etliche Start-ups sind aus solchen Veranstaltungen entstanden. Und oft schicken Investoren, Risikokapitalgeber oder Unternehmen wie das Modeversandhaus Zalando Scouts zu den Programmierwettbewerben – oder sie veranstalten selber welche.

Bei Hackathons geht es darum, in kurzer Zeit etwas Neues zu erfinden: Hardware, eine App, ein Spiel. Oder wie hier: „Ein cooles Konzept, um absoluten Neulingen die Grundkenntnisse der Programmierung zu vermitteln“. So steht es in der Ausschreibung. Die Ergebnisse sollen bei diesem Event, das die Studenten „Hack a lesson“ (Erfinde eine Unterrichtsstunde) genannt haben, als Grundlage für ein Lehrbuch zur Einführung in die Wirtschaftsinformatik dienen. Autoren sind die Berliner HWR-Professorin Claudia Lemke und der Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen, Professor Walter Brenner. Sie wollten ihr Buch nicht auf herkömmliche Art schreiben, sondern sich an der Basis orientieren, den jungen Leuten.

Also zog Schröter mit Kommilitonen los, um Räume für den Hackathon zu suchen. Sie fanden das Ahoy in Charlottenburg, einen Coworking-Space mit 1400 Quadratmetern Fläche, Fabrikfenstern, weiß gestrichenen Ziegelsteinwänden, Gemeinschaftsbüros. Start-ups wie Kinderfee, Cloudpartner oder Djiiga haben sich dort eingemietet. Möglich ist das pro Arbeitsplatz für elf Euro am Tag oder 160 Euro im Monat. In der Relax-Lounge findet sich zwischen Beach-Bar und Tischtennisplatte ein Riesensofa.

Im Konferenzraum, wo Ahoy-Gründer Nikita Roshkow ein Fischernetz an die Wand gehängt und zwei Angeln durch den Kronleuchter geschoben hat, sitzt das Team „ah-ok“ und diskutiert: „Machen wir was Graphisches?“ „’nen Roboter im Labyrinth?“„Welche Programmiersprache?“ „Wie kommen wir von der einfachen Ebene später zu komplexeren Sachen?“

Claudia Lemke findet: „Wir müssen alle zumindest ein Grundgefühl davon haben, wie Software funktioniert.“ Wir googeln. Wir liken auf Facebook. Wir kaufen bei Amazon ein. „Programmieren ist etwas, das unsere Kinder so beherrschen müssen wie lesen, schreiben und rechnen.“

Ihr Schweizer Kollege Brenner hat den Hackathon mit einem Vortrag eröffnet, bei dem er Porträts von Angela Merkel, Barack Obama oder David Cameron an die Wand beamte; gleich danach ein Zitat von Charles Petrie, Informatik-Koryphäe der Stanford Universität: „Es gibt nichts Idiotischeres als dass Menschen über Software entscheiden, die noch nie eine einzige Programmierzeile geschrieben haben.“ Brenner fragt: „Welche Geschäftsleitung versteht etwas von Software? Welcher Regierungschef schreibt die erste Programmierzeile? Kann es sein, dass diese Leute die digitale Welt gestalten?“ Um diese Welt zu verstehen müsse man lernen, Ideen in Software zu transportieren. Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert, lautet sein Ansatz.

Industrien ändern sich dadurch. In der Automobilbranche ist das durch Uber, Sharing Economy, Tesla oder Self Driving Cars längst der Fall. Nun geht es für alle darum, die Zukunft mitzugestalten, statt mitgestaltet zu werden.

Brenner ist für den Hackathon nach Berlin gekommen. Weil es hier die Community der Kreativen gibt, ein stimulierendes Klima für Innovationen, Coworking-Spaces wie das Ahoy, das Betahaus in Kreuzberg oder das Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz. „Berlin ist die App-Stadt“, sagt Ahoy-Chef Roshkow, der schon Hackathons beherbergt hat, zu denen 120 Teilnehmer kamen. Allein auf der Berliner Internetplattform Meetup treffen sich mehr als 50 Gruppen regelmäßig. Jeden Tag legen im Schnitt zwei neue Firmen in innovativen Branchen los, mehr als 2000 Arbeitsplätze entstehen jährlich im digitalen Sektor.

Für „Hack a lesson“ fanden sich relativ spontan 32 Menschen, die Lust auf neue Ideen hatten. Sie sitzen nun auf sechs Teams verteilt im Ahoy, haben Klebestreifen mit ihren Vornamen auf ihren Hemden und Kapuzenpullis, überlegen, diskutieren, entwickeln. Sylvia, 16, eine Schülerin, die Hijab trägt, ist die jüngste in der Runde. Rüdiger, Professor für Wirtschaftsinformatik aus Hamburg, 52, der älteste. Die Mehrzahl sind Studenten aus Berlin oder vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut.

Wie ein Elfmeter ohne Torwart

„Berlin hat einen Verwaltungsapparat und eine Start-up-Szene“, sagt Brenner. „Dazwischen gibt es ja nicht viel.“ Die Digitalwirtschaft gilt als Wachstumsbranche. Die Börsengänge des Inkubators Rocket Internet und von Zalando, das mittlerweile 3000 Mitarbeiter beschäftigt oder die Musikplattform SoundCloud haben gezeigt, auf welchem Level Berliner Start-ups agieren. „Immer mehr internationale Investoren interessieren sich für Berlin. Deutsche Investoren spielen leider in der digitalen Zukunft eine untergeordnete Rolle – 51 Prozent des in Berlin investierten Geldes kommt aus dem Ausland, vorwiegend aus dem Silicon Valley, London und Moskau“, schreibt Herausgeber Jan Thomas im neuen Monatsmagazin Berlin Valley News. Lokale Rückkoppelungseffekt gibt es wenig. Dennoch fordert Thomas vom künftigen Regierenden Michael Müller: „Die Berliner Start-up-Szene muss Chefsache sein.“ Die Digitalwirtschaft sei wie ein Elfmeter ohne Torwart. Eine Riesenchance – auch für Müller, um sich als Zukunftsmanager zu profilieren. So wie es Michael Bloomberg in New York getan hat oder wie es Bürgermeister Boris Johnson mit London als Fintech-Standort vorhat.

Sonnabend, 19 Uhr, Ben Schröter räumt im Ahoy die Teller weg. Das Essen zum Hackathon hat eine Fastfood-Kette geliefert. Team „easy rocks“ macht mit seiner digitalen Haus-Geschichte weiter, bei der die Klingel als string (Zeichenkette) und der Vorgarten als Attribut (Fenster oder Button) dient, um objektorientierte Programmierung zu erklären. Schröter sagt: „Leider wird Programmierung bisher immer an mathematischen Problemen erklärt. Das schreckt diejenigen ab, die Mathematik nicht mögen. Aber Ideen für Algorithmen können alle haben.“

nächste Seite Seite 1 von 2