Die Lohnzurückhaltung hat auch zur aktuellen Eurokrise beigetragen, urteilt das Konjunkturforschungsinstitut IMK der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Deshalb müssen die Einkommen in Deutschland stärker steigen, fordern die Forscher. Denn nur so könne man die europäische Währungsunion retten und gleichzeitig eine Transferunion vermeiden.
Im vorigen Jahr sind die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft gerade einmal um 0,6 Prozent gestiegen, so das IMK. Trotz des kräftigen Wachstums hat sich damit ein Trend fortgesetzt. So wuchsen die deutschen Arbeitskosten seit 2000 durchschnittlich um 1,7 Prozent pro Jahr. Im gesamten Euroraum war der Anstieg mit 2,8 Prozent viel höher.
Wenn man herausfinden will, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit entwickelt hat, sollte man sich auch die Lohnstückkosten anschauen. Denn diese Größe berücksichtigt die Produktivität. Angenommen, die Belegschaft einer Firma verdient heute pro Stunde drei Prozent mehr Geld als im Vorjahr. Gleichzeitig ist ihre Produktivität um drei Prozent gestiegen, weil sie pro Stunde mehr Waren herstellt. Dann sind die Lohnstückkosten gleichgeblieben. Wenn in einem anderen Unternehmen die Einkommen um zehn Prozent steigen, die Produktivität aber nur um drei Prozent, dann steigen die Lohnstückkosten. Die tatsächlich Entwicklung sieht laut IMK so aus: In Deutschland waren die Lohnstückkosten Mitte 2011 um 6,8 Prozent höher als im Jahr 2000. Im gesamten Euroraum wuchsen die Lohnstückkosten dagegen um 21,3 Prozent. Die Folge: Deutsche Unternehmen steigerten ihre Wettbewerbsfähigkeit. Dieser Preisvorteil war gut für die hiesige Industrie und hat zu ihren Exporterfolgen beigetragen. Gleichzeitig schwächelte die Binnennachfrage, weil die Beschäftigten kaum Lohnzuwächse haben.
Im Ergebnis erzielte Deutschland enorme Leistungsbilanzüberschüsse. Diese waren nur möglich, weil andere Länder Leistungsbilanzdefizite verbuchten. Andere Staaten haben sich verschuldet, um ihre Importe – aus Deutschland und anderswo – finanzieren zu können.
Solche Ungleichgewichte gehen nicht gut: Wenn die Schuldner in Schwierigkeiten kommen, haben auch die Gläubiger ein Problem, betont IMK-Direktor Gustav Horn. Um aus der Misere herauszukommen, muss Deutschland die Binnennachfrage stärken – und damit den Import anzukurbeln. Für Horn bedeutet dies: Die Löhne in Deutschland müssen stärker steigen als bisher, er plädiert für jährliche Zuwächse von drei bis 3,5 Prozent. Gleichzeitig sollten die Einkommen in Staaten wie Griechenland, Portugal, Irland und Spanien langsamer wachsen. Genau das passiert bereits: In Griechenland sind die Arbeitskosten zuletzt um 3,7 Prozent gesunken.

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