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Internetfirma Momox: Die Ebay-Verkaufsfabrik am Stadtrand von Berlin

Zu Besuch bei Momox

Mitarbeiter kontrollieren jedes eingeschickte Kleidungsstück.

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Markus Wächter

Es ist wohl der größte Kleiderschrank Deutschlands, den das Berliner Internetunternehmen Momox in einem Lager in Brandenburg aufgebaut hat: Auf  rund 16.000 Quadratmetern lagern in Neuenhagen bei Berlin rund  300.000 T-Shirts, Taschen, Blusen und Pullis. 70-000 kamen allein im letzten Monat dazu. Neu ist keins davon.

Momox kauft Kleidung, die andere aussortieren – und zwar  zum Festpreis. Für  ein Nike-T-Shirt  gibt es etwa 1,77 Euro, für eine Levi’s-Jeans 7,13 Euro und eine H&M-Bluse 20 Cent. Der Kunde muss die nicht mehr genutzten Sachen nur in eine Kiste packen  und an Momox schicken. Das Unternehmen übernimmt den Weiterverkauf.  Praktisch für den Kunden – und lukrativ für Momox. Im vergangenen Jahr  machte das Unternehmen 120 Millionen Euro Umsatz, 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor und 50 Millionen mehr als Konkurrent Rebuy, der ebenfalls aus Berlin kommt.  1000 Mitarbeiter arbeiten inzwischen an den Momox-Standorten in Berlin, Neuenhagen bei Berlin und Leipzig.

Zu Besuch bei der Firma Momox

Momox lagert in Neuenhagen bei Berlin rund 200 000 Kleidungsstücke.

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Markus Wächter

Möglich wird das gigantische  Geschäft mit dem Gebrauchten durch eine  Logistikoperation, die ungleich komplexer ist als bei Online-Händlern wie Zalando, die neue Ware anbieten. Momox-Geschäftsführer Heiner Kroke sagt: „Andere Händler bekommen eine Palette, scannen das Label und wissen, dass da eine Ladung  Levi’s 501 drin sind. Bei uns ist das anders. Wir bekommen Pakete von privaten Verkäufern und müssen jedes einzelne  Stück prüfen: Wie ist die Beschaffenheit und die Materialien, stimmt die Marke?“ 

Die Blusen, Jeans und Röcke kommen meist  in riesigen Papp-Kartons bei Momox an.  Mitarbeiter prüfen dann jedes einzelne  Kleidungsstück per Hand: Nur wenn die Qualität fast wie neu ist, wird die Kleidung akzeptiert.  Gibt es bei der Markenware  Anzeichen auf Fälschung, wird sie von eigens geschulten Mitarbeitern besonders untersucht.

Damit die Kleidung wieder verkauft werden kann, muss anschließend jedes einzelne Stück fotografiert werden. Dazu legen Momox-Mitarbeiter die Jeans auf einen Leuchtkasten, der wie ein gigantischer Flachbildscanner aussieht. Ein  Klick mit der Maus löst die über dem Leuchtkasten installierte Digitalkamera aus, das Bild erscheint sofort auf dem Monitor des Mitarbeiters.  

Eine Ebay-Verkaufsfabrik

Es ist Kleidungsfotografie am Fließband  für eine Ebay-Verkaufsfabrik. Seit Momox vor zehn Jahren, im Mai 2006, gegründet wurde, hat das Unternehmen schon mehr als 105 Millionen Artikel angekauft – neben Kleidung, die Momox erst seit 2013 handelt,  vor allem Bücher und CD. Verkauft wird die Ware auf eigenen Websites wie ubup.com  und vor allem über  Ebay und Amazon: Auf beiden Plattformen ist Momox in Deutschland nach eigenen Angaben der größte Händler, bei Amazon sogar weltweit die Nr.  zwei, sagt Kroke, der  einst selbst hochrangiger Ebay-Manager war und dann die  Schweizer Auktionswebsite Ricardo leitete.

Besuch bei der Firma Momox

 Heiner Kroke, Momox-Geschäftsführer.

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Markus Wächter

Momox setzt dabei darauf, dass Menschen in Kauf nehmen, dass sie weniger Geld für ihre Sachen bekommen, wenn ihnen dafür der Verkaufsprozess abgenommen wird. „Fotos machen, die Artikelbeschreibung, die Kontrolle des Zahlungseingangs – das ist alles sehr aufwendig“, sagt Kroke. Bei Momox müssen die Kunden bei Büchern oder DVD nur die ISBN-Nummern eingeben, schon wissen sie, wie viel Momox ihnen bietet. Bei Kleidung müssen sie die Marke eingeben und die Produktkategorie („Jeans“ oder „Hemden“).  Dann müssen die Artikel nur noch in eine Kiste gepackt werden. Momox bezahlt den Versand und holt die Pakete  auf Wunsch auch ab.

Software rechnet die Preise aus

Wie viel Momox für einen Artikel zahlt, kann sich mehrmals in der Stunde ändern. Die Preisbestimmung läuft automatisiert. „Da sitzt niemand, der Kleidungs-Preis-Experte ist und  ständig den Preis festlegt“, sagt Kroke.   Den Ankaufs-Algorithmus nennt er das Geheimrezept von Momox: Unter Auswertung unterschiedlichster Faktoren in Echtzeit  bestimmt das Unternehmen, wie viel es für einen Artikel zahlt.
Dazu überwacht Momox verschiedenste Faktoren – etwa für welchen Preis ein Artikel bei Amazon angeboten wird, wie lange er schon im Lager liegt – und welchen Preis Momox selbst zuletzt erzielen konnte. „Inzwischen haben wir über 100 Millionen Artikel gehandelt. Das ist eine gigantische Datenbank, die es uns ermöglicht, besser als andere vorauszusagen, wie sich der Preis entwickeln wird“, sagt Kroke. 

Zu Besuch bei Firma Momox

Fotostation: Jede Hose muss einzeln fotografiert werden.

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Markus Wächter

Mit Erfolg: Nur  drei Prozent des Angekauften bekommt Momox nicht los.  „Auf der Mülldeponie landen aber größtenteils auch die Kleidung nicht, die wir nicht verkaufen“, sagt Kroke. Die Kleidungsstücke werden noch tonnenweise  weiterverkauft an  Händler, die sich auf die Weiterverwertung solcher Kleidung spezialisiert haben.

Kroke nennt Momox zwar ein Modell gegen die Wegwerfgesellschaft. Doch in der Momox-Werbung kommt der Umweltaspekt  nicht  vor. „Im letzten Jahr hat Momox geholfen, dass 15 000 Tonnen CO2 gespart wurden“, sagt Kroke. Die entscheidende Frage aber sei,  wie man die Plattform den Kunden verkaufe.  „Ich würde schätzen, dass der Umweltaspekt etwa zehn bis  zwanzig  Prozent unserer Nutzer sehr wichtig ist, aber der Großteil nutzt unser Angebot vor allem  aus Preis- und Bequemlichkeitsgründen.“   Die Kunden wollen billig an Markenware kommen – und unkompliziert Aussortiertes verkaufen.  Die Nachhaltigkeit   ist nur ein Nebeneffekt.