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Interview: Berliner Wirtschaft: „Die Blütezeit hat begonnen“

Tourismus boomt: Mehr als zehn Millionen Gästen kamen 2012 in die Stadt.

Tourismus boomt: Mehr als zehn Millionen Gästen kamen 2012 in die Stadt.

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Berliner Zeitung

Millionen Touristen, eine kreative Gründer-Szene, vielfältige Dienstleistungen, eine wettbewerbsfähige Industrie – Berlin ist wirtschaftlich stärker geworden. Warum dieser Aufschwung aber nicht zu einer deutlichen Senkung der Arbeitslosenquote führt, erklärt der Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, Karl Brenke.

Herr Brenke, die Wirtschaft in Berlin wächst voraussichtlich auch in diesem Jahr besser als in Deutschland insgesamt. Beginnt jetzt die Berliner Blütezeit?

Sie hat ja schon begonnen. In den vergangenen Jahren ist die Wirtschaft in Berlin im Durchschnitt schneller gewachsen als in Deutschland insgesamt. Zwischen 2005 und 2011 stieg das Bruttoinlandsprodukt in Berlin jährlich um ein Prozent, in Deutschland indes um etwa 0,7 Prozent. Im ersten Halbjahr 2012 war die Stadt Spitzenreiter beim Wachstum unter den Bundesländern. Und wir gehen davon aus, dass die Hauptstadt auch 2013 ein höheres Tempo vorlegt. Berlin hat den langen Strukturwandel der Jahre nach der Vereinigung abgeschlossen, jetzt steht die Wirtschaftsentwicklung auf solider Grundlage.

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Was sind die Berliner Stärken?

Berlin hatte beispielsweise in den vergangenen Jahren einen sehr starken Aufbau im Dienstleistungsbereich. Der ist weitgehend unabhängig von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung, weil hier die Funktion der Hauptstadt eine große Rolle spielte. Mit dem Regierungsumzug sind viele Verbände, Interessensorganisationen, Consulting- und Beraterfirmen nach Berlin gekommen. Das hat Berlin wirtschaftlich gut getan.

Ohne Umzug der Bundesregierung und des Bundestages wäre Berlin als Wirtschaftsmetropole verkümmert?

Ganz soweit wäre es vielleicht nicht gekommen. Aber der schwierige Strukturwandel nach der deutschen Einheit wäre um vieles komplizierter geworden, wenn die Politik sich nicht für Berlin als Hauptstadt entschieden hätte. Von der einstigen Industrie ist ja nur ein kleiner, aber jetzt wettbewerbsfähiger Kern übrig geblieben.

Aber steht Berlin nicht nur deshalb so gut da, weil der Exportanteil deutlich niedriger ist und damit die Krise nicht so stark durchschlägt?

Das ist teilweise richtig. Wegen seiner besonderen Struktur ist die Berliner Wirtschaft relativ wenig konjunkturanfällig. So hat die Industrie nur einen halb so hohen Anteil an der Gesamtleistung wie auf Bundesebene. Und innerhalb der Berliner Industrie hat beispielsweise die Pharmabranche eine starke Position, der Absatz von Arzneimitteln unterliegt auch kaum Konjunkturzyklen. Das schützt vor Schwankungen, wie man 2009/2010 in der Finanzkrise sehen konnte. Berlin hat andere wirtschaftliche Schwerpunkte.

Zum Beispiel?

Berlin lebt unter anderem vom weltweit boomenden Städtetourismus. Die Zahl der Besucher steigt stetig, sie hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Nun können Touristen auch schnell wegbleiben, wenn andere Orte und Ziele angesagt sind: Ist Tourismus ein Wachstumstreiber, der auch Kontinuität verspricht?

Ich bin da ganz zuversichtlich, dass der Tourismus weiter wachsen wird. Allein wenn man sich die Einkommensentwicklung in den Schwellenländern ansieht: Dort entsteht gerade eine breite Mittelschicht, die sich solche Reisen überhaupt leisten kann. Es gibt keinen Grund, warum Berlin nicht mehr zu den bevorzugten Zielen eines weltweiten Trends gehören sollte.

Welche Rolle spielt die kreative Szene, die vielen Start-ups?

Deren Bedeutung für Berlin wird permanent größer. Für Gründer und Start-ups ist Berlin ungeheuer attraktiv. So durch die Gewerbemieten, die viel niedriger als in Hamburg oder München sind. Hier sind zudem Hochschulen auf engem Raum konzentriert, mit vielen Forschungseinrichtungen. Und es gibt eine kulturelle Szene, die viele Menschen anzieht. Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Man muss allerdings deswegen nicht gleich vom Silicon Valley an der Spree reden, wenn auf breiter Front etwas Neues entsteht. Von der Weltspitze ist Berlin noch weit entfernt.

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Kommen aus diesem echte Arbeitsplätze? Nicht nur Praktikanten-Stellen oder Hilfsjobs für Studenten?

Nein, da entstehen tausende gute Arbeitsplätze, die mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oder Selbstständigen besetzt werden. In diesem Bereich gibt es ein echtes Job-Wachstum.

Investoren kommen scharenweise nach Berlin, um Häuser zu kaufen. Baut sich in Berlin gerade eine Immobilienblase auf?

Nein. Es hat zwar durchaus erhebliche Preissteigerungen gegeben, aber von einer Blase kann man noch nicht reden. Die Wohnungsnachfrage ist gestiegen und zieht weiter an. Die Bevölkerung wächst aufgrund von Zuwanderungen aus dem Bundesgebiet und dem Ausland. Dieser Trend dürfte anhalten. Schon jetzt ist Wohnraum knapp, und zusätzliche Wohnungen müssen entstehen. Hinzu kommen Infrastruktureinrichtungen und Gewerbebauten. Das kurbelt auch die Bauwirtschaft an, die seit Mitte der 90er Jahre zwölf Jahre lang geschrumpft ist. Der Bau wird mehr und mehr zu einer wichtigen Stütze der Berliner Wirtschaftsentwicklung.

Die Politik freut sich über den Anstieg der Beschäftigtenzahlen, aber die Arbeitslosenquote in Berlin verändert sich nur wenig. Schnappen Zuwanderer und Pendler den Berlinern die Arbeitsplätze weg?

Es ist in der Tat so, dass nicht wenige der neuen Stellen in Berlin durch Zuwanderer besetzt werden. Bei manchen Unternehmensansiedlungen wurde ein Teil des Personals mitgebracht. Zudem zieht es jüngere Arbeitskräfte nach Berlin – nicht zuletzt höher qualifizierte. Und auch viele Pendler aus dem Umland sind in Berlin tätig. Immerhin jeder sechste Euro, den ein Brandenburger verdient, wird in Berlin verdient. Nicht wenige Berliner Arbeitslose – etwa die Hälfte – haben deshalb das Nachsehen, weil sie nicht über einen Berufsabschluss verfügen. Da ist eine Vermittlung schwierig.

Das ist kein neues Problem. Fast jeder zehnte Schulabgänger in Berlin hat keinen Abschluss. Was muss sich in der Bildungspolitik ändern?

In der Gesellschaft muss der Wert von Bildung stärker hervorgehoben werden. Insbesondere in Familien mit Migrationshintergrund, denn dort ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Es geht aber auch um andere Familien. Und vielleicht sollte nicht alle naselang in Berlin die Schulpolitik umgekrempelt werden. Das gäbe auch den Lehrern mehr Zeit und Ruhe, statt sich um immer wieder neue Konzepte kümmern zu müssen. Die Energie des Senats sollte besser in die Instandsetzung und Modernisierung der Schulen umgelenkt werden. Generell: Es muss mehr für Chancengleichheit getan werden.

Das Gespräch führte Matthias Loke.