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Interview mit Extraenergie-Chef: Was auf dem Strommarkt falsch läuft

In der Energie-Branche gab es viele Tricksereien, sagt Extraenergie-Chef Samuel Schmidt.

In der Energie-Branche gab es viele Tricksereien, sagt Extraenergie-Chef Samuel Schmidt.

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imago/BildFunkMV

Vom Saulus zum Paulus? Der Stromanbieter Extraenergie hatte in der Vergangenheit nicht den besten Ruf. Es gab unter anderem Beschwerden wegen verspäteter Bonuszahlungen. Doch nun macht sich Geschäftsführer Samuel Schmidt für eine stärkere Kontrolle der Energielieferanten stark. Er fordert eine regelmäßige Kontrolle der Liquidität, der Produktqualität und der Kundenzufriedenheit durch die Bundesnetzagentur.

Herr Schmidt, am 1. August trat das reformierte Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft, das den Anstieg der Strompreise bremsen soll. Zugleich fallen die Notierungen an den Strombörsen immer weiter. Wann wird der Strom auch für Verbraucher endlich billiger?

Richtig ist, an der Börse sind die Strompreise gefallen. Zugleich sind aber die Steuern und Abgaben in den vergangenen Jahren gestiegen, insbesondere die EEG-Umlage, die jeder Haushalt zahlen muss. Bleibt die Steuern- und Abgabenlast künftig stabil, werden wir zumindest leicht sinkende Strompreise sehen.

Stimmt es, dass mehr Stromanbieter denn je derzeit mit Sonderangeboten unterwegs sind?

Wir sehen Entwicklungen, die man nur als Dumpingpreise beschreiben kann. Neue Anbieter sind aktiv. Da fragt man sich schon, ob das funktionieren kann. Wir haben das bei staatlichen Stellen angemerkt, bislang ohne größere Reaktion.

Gibt es wegen dieser Preiskämpfe in der Branche so viele Tricksereien – auch von Extraenergie?

In der Branche gab es viele Tricksereien. Manche Anbieter gibt es nicht mehr – wie Teldafax oder Flexstrom. Vorauszahlungen waren ein Problem. Es gibt aber noch immer Anbieter, bei denen man genau hinschauen muss. Wir distanzieren uns ganz klar davon. Das Institut für Wirtschaftsprüfung an der Uni Saarbrücken hat die finanzielle und ökologische Nachhaltigkeit von Stromanbietern untersucht. Wir haben den ersten Platz belegt, vor Eon und vor RWE.

Gleichwohl, es gab viele Beschwerden über verspätete Abrechnungen und verspätete Bonuszahlungen von Extraenergie. Was läuft schief?

Wir haben gelernt. Wir sind ein Anbieter, der sehr schnell gewachsen ist. Das hat im Service Spuren hinterlassen. Da mussten wir nacharbeiten. Vor gut zwei Jahren wurde der Service massiv ausgebaut. Wir haben in den zwei Jahren 150 Millionen Euro an Boni unseren Kunden ausgezahlt. Das Problem ist, dass es noch immer schwarze Schafe gibt und dass ganz schnell alle Stromlieferanten in einen Topf geworfen werden.

Was muss aus Ihrer Sicht geschehen?

Hierzulande müssen Sie nur der Bundesnetzagentur mitteilen, dass Sie Energie handeln, schon können sie loslegen. Es ist unglaublich, wie viele neue Anbieter seit Jahresbeginn gerade im günstigen Segment eingestiegen sind. Niemand weiß, wer dahinter steht und ob die Anbieter genug Liquidität haben. Das ist bedenklich. Und fördert nicht unbedingt das Vertrauen in den Wettbewerb. Deshalb wechseln in Deutschland jährlich nur etwa zehn Prozent der Haushalte ihren Energieanbieter. In Großbritannien sind es 20 Prozent, weil dort das Vertrauen der Kunden größer ist.

Woran liegt das?

In Großbritannien muss ein Anbieter eine Reihe von Bedingungen erfüllen, bevor er auf die Kunden losgelassen wird. Das ist ein gutes Vorbild. Die Netzagentur sollte hierzulande künftig die Liquidität von Stromanbietern überprüfen, und zwar nicht nur beim Markteintritt, sondern kontinuierlich im Abstand von drei Monaten. Daneben muss die Netzagentur Produkte und Kundenzufriedenheit überprüfen. Dazu zählt zu kontrollieren, ob versprochene Bonuszahlungen tatsächlich auch ausgeschüttet werden. Die Unternehmen müssen gezwungen werden, dass sie sich an das halten, was sie versprechen.

Eigentlich müssten doch die großen Konzerne schon allein wegen ihrer finanziellen Kraft die günstigsten Stromtarife anbieten. Warum tun die das nicht?

Weil sie es zum Teil nicht können. Das hängt mit den schwerfälligen Prozessen in den Unternehmen zusammen. Wir sind auch ganz stark ein IT-Unternehmen. Wir sind erheblich beweglicher bei der Veränderung der Tarife. Wir reagieren minütlich auf die Entwicklungen an der Strombörse und setzen dies in Tarife für alle Postleitzahlgebiete und alle Preisstufen um. Das kann ein großer Energiekonzern nicht, da er beispielsweise bei der Absicherung der Stromlieferung mit starren Mustern arbeitet. Außerdem spielt bei den Großen eine Rolle, dass sie die Auslastung der eigenen Großkraftwerke sichern müssen. Das macht den Strom teuer.

Zugleich wird Photovoltaik immer billiger. Experten erwarten, dass die Selbstversorgung mit Strom deutlich an Bedeutung gewinnt. Wie wird das den Markt verändern?

Ich finde das klasse. Die Energieversorger müssen sich daran anpassen. Das bietet neue Chancen. Der Versorger kann dem Hauseigentümer die Anlage finanzieren. Der zahlt sie über einen etwas höheren Tarif für den Reststrom, den er noch bezieht, ab. Viele Energieversorger haben vor solchen Entwicklungen Angst, wir nicht. Wir können zusammen mit den Versorgern spannende Produkte entwickeln. Es geht doch darum, Gewinne mit Kunden zu machen – das kann man auch über das Verkaufen von Solaranlagen.

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel.